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Ein flirrendes Experiment

Peter Webers Klangroman "Die melodielosen Jahre"

Der Titel ist leicht irreführend: "Die melodielosen Jahre" strotzt von Musik, Lauten, Klängen und Rhythmen. Als Kritik auf die von Künstlichkeit geprägte moderne Musik gemünzt, zeigt Webers Roman doch auch, wie man mit den neuen Musikstilen umgehen kann: Es gilt, ebenso kreativ zu sein.

Von Ulrich Rüdenauer

Die Musik machte in den vergangenen Jahrzehnten eine Verfremdung durch. (Stock.XCHNG / Matteo Discardi)
Die Musik machte in den vergangenen Jahrzehnten eine Verfremdung durch. (Stock.XCHNG / Matteo Discardi)

Aus den Büchern von Peter Weber heraus singt und klingt es, tönt und pfeift es, rauscht und trommelt es. Seine Geschichten werden mitgerissen von einem sonischen Strom, von den Melodien der Sätze und dem Rhythmus der Silben. Man mag vielleicht irgendwann vergessen, von wem oder was dieser Autor erzählt. Aber wie er es tut, das vergisst man nicht: Peter Weber ist als Schriftsteller ein Musiker, ein Virtuose der Sprache, der er immer wieder neue Klangkombinationen zu entlocken versteht, die ihm immer wieder neue Melodien und Melodiefolgen zuspielt. Impressionistisch tupft er diese, wie ein Jazzer, über ein Fundament polyphoner Rhythmen. Und wenn er diese Texte selber vorliest, oft tatsächlich begleitet von Musikern, dann erahnt man, wie genau an dieser Wortmusik gearbeitet wurde, wie akribisch das Setzen der Wörter sich vollzieht, mit welch großem Aufwand noch das Leichtklingendste betrieben wird.

Mit "Der Wettermacher" aus dem Jahr 1993 ist der als Romancier verkleidete Lautpoet erstmals in Erscheinung getreten. Es folgten 1999 "Silber und Salbader" und 2002 seine "Bahnhofsprosa". Nun also "Die melodielosen Jahre", eine Reise durch die jüngste Vergangenheit, durch die Städte entlang den Flüssen – und eine "Journey into Sound":

""Unendlicher Geräuschhimmel, nun der Gesang des nahen Muezzin, zerdehnt, wieder die Hörner der Frachtriesen, Wolkenbässe, große Rohre, durch den Himmel verlegt, Basswalzen, aus den parkierten Wagen hinter uns arabisierende Melodien, von Basspauken aus einem anderen Auto bedrängt, wach auf, wach auf.""

"Großes Semantisches Orchester", so heißt es einmal über die "Gerüchteköchinnen"-Stadt Frankfurt. Aber städtische Orchester spielen für ihn eben auch – wie eben gehört – in Istanbul oder in Genua, Marseille, London, Prag, Dresden, Zürich – alles Stationen des Oliver oder schlicht O. genannten Erzählers. Es sind vollmundig tönende Städte, "Wasserfassadenstädte", "Scheinrissinen", "Bahnpulspunkte", und Flüsse tragen die dort entstehenden Geräusche von Ort zu Ort, und werden dann vom Erzähler im Speichermedium Kopf aufgezeichnet. Hinter Oliver verbirgt sich, kaum kaschiert, der Autor Peter Weber selbst, ein aus der Enge der Schweiz ausbrechender Schriftsteller und Musiker, der davon schreibt oder besser: singt, wie er zum Doppelkünstler wurde. Und wie beides, die Literatur und die Musik, die Schrift und die Töne für ihn zusammengehören, ineinander übergehen, wie eins ins andere fließt:

""Werkstatt für improvisierte Musik, wechselnde Besetzungen: Ende der achtziger Jahre improvisierte Oliver in Gewitterwolken, Entladung suchte er in den Überhöhen, in Obertonvulkanen, springenden Punkten, in gestischen Fechtereien oder in untergründigem Mulm, Basswolken, ungestalt. Reine Wiederholung, wie sie die submonotone Spannung gelöst und die Spielenden erlöst hätte, war untersagt, freie Musik hatte arhythmisch zu sein oder setzte an, wo der Groove übersteigert wurde in den Puls, das Spielen am Nerv, reiner Vibration. Frei improvisierte Musik war wachsam für das Nahe und Nächstliegende, sie blieb blind für das Künftige. Die ersten harten Schnittkanten und Blöcke, die Oliver wahrnahm, kamen von Musikern aus New York, die er in Zürich hörte, er konnte sich einbilden, sie seien den Straßenverläufen abgelauscht, in Wahrheit war es der Einfluss der ersten Sampler, die Möglichkeit, Passagen oder Töne zu wiederholen.
Was aber ist ein Sampler?
Und wie groß?
Zimmerfüllend?
Knopfklein?"
"

"Die melodielosen Jahre" erzählt von jener Zeit, da der Musik die Melodien ausgetrieben wurden, Elektronica plötzlich eine fast hegemoniale Rolle auf dem Feld des Pop spielte, Techno und House die Avantgarde zeitgenössischer Musik darstellten. Hier hatte ein Paradigmenwechsel stattgefunden, auch wenn man aus der Retrospektive sagen muss: So heiß wurde es dann doch nicht gegessen respektive so laut dann doch nicht gehört. Die Melodien sind keineswegs verschwunden; sie sind vielleicht sogar durch die Vehemenz des ganz auf repetitivem Verständnis basierenden neuen Sounds und als Gegenbewegung dazu wieder stärker ins Bewusstsein gerückt – und heute freilich schon längst dominant zurückgekehrt.

Aber Peter Weber liefert nur ganz am Rande eine Einführung in die jüngste Pophistorie. Ihn interessiert vielmehr, was dieser Einbruch des Neuen mit seiner Sprache und seinem Denken macht, einer Sprache, die bisher von frei schwebenden Melodien geprägt war:

""Mit der Ankunft des Monotonen und den so entstandenen Druck- und Betonungsverschiebungen in der Musik war ihm Deutsch nicht mehr geheuer. Die Sprache war umstellt, im Innersten berührt, durchwummert, durchblitzt.""

Die neuen Medien verändern, das wissen wir spätestens seit McLuhan und Kittler, freilich auch die Produktionsvoraussetzungen des Künstlers.

""O. schrieb seine ersten Texte in der Schwellenzeit zwischen analog und digital, er übertrug die frühen, auf weich federnden mechanischen Maschinen getippten Fassungen auf den Bildschirm, was das rhythmische Gefüge veränderte: Die Texte wurden Flüssigkeiten, ließen sich durchschwimmen, er konnte Flächen umgießen, ohne Schere und Leim zu verwenden.""

"Digital ist besser" haben Tocotronic einmal gesungen, ausgerechnet eine Band, die musikalisch mit ihrer Gitarrenmusik noch knietief im Indie-Rock und Punk der achtziger Jahre steckte. Ein bisschen ist es wohl auch so ein Schwanken zwischen analog und digital bei Peter Weber: Er bleibt zwar in seiner Haltung und seiner Inspiration ein improvisierender Jazzer, aber er verschließt sich nicht den neuesten Entwicklungen. Das führt zu einer Spannung, die in den "melodielosen Jahren" wunderbar produktiv wird: Als würde tatsächlich die Sprache ins Fließen geraten. Man braucht keine Handlung im landläufigen Sinne, um in diesem Sprachstrom mitzuschwimmen.

""Wenn die improvisierte Musik Erinnern gewesen war, Erinnerung, Verinnerlichung, so flogen die vordersten Fühler dem Vergessen zu, als fingen die Obertonschlaufen dieses Funken ein, vergiss, sagt jede Synkope zur Basspauke. Vergiss! Vergiss! Vergiss!""

Peter Weber zitiert kulturpessimistische Thesen zu Techno, wie sie in den 90er Jahren vorgetragen wurden. Das "Vergiss! Vergiss! Vergiss!" taucht immer wieder auf: Die dreifache Wiederholung betont das Menetekel des Neuen – zugleich aber auch das Faszinosum; im Jetzt zu schwimmen bringt ganz neue Formen der Intensität hervor; man kann sich dem nur schwer entziehen.

Weber bleibt nicht beim Kulturpessimismus stehen. Er schafft es, Erinnern und Vergessen zu versöhnen: Indem er das Erinnerte ganz gegenwärtig werden lässt und zugleich das Semantische fast auflöst in Klang. Dass dieses Buch aber nicht nur von Musik handelt und Musik ist, zeigt etwa eine satirische Sequenz über den rechtsbürgerlichen Schweizer Politiker Christoph Blocher. Es gibt den "melodielosen Jahren" sehr aufmerksame Stadtbeobachtungen, kleine Traum- und Wirklichkeitsbilder, die Weber an den verschiedenen Orten seines Schriftstellerlebens der letzten Jahre aufgezeichnet hat. Die Perspektive, die er dabei mit seinem Helden einnimmt, ist die des Fremden, des Neugierigen, des Reisenden. Verbunden fühlt er sich mit Jonathan Swifts "Gulliver", der in den "melodielosen Jahren" herbeizitiert wird. Es gibt auch skurrile, fast ein bisschen zu weitschweifige Passagen, aber meistens ist dieses Roman genannte Buch konzentriert und kostbar durch seine hinreißenden Beobachtungen und unscheinbaren Details. Wer etwa hat schon einmal eine so schöne Beschreibung von Ohrenschmerzen geliefert:

""So ist es, er hört Glockentöne und den dumpfen Puls, allerdings wie durch Watte. ‚Ein Pilz’, vermutet [die Ohrenärztin]. In Olivers Ohr siedelt ein Antennpilz, er hat kleine Kirch- und Fernsehtürme ausgestülpt, betreibt ein internationales Sendezentrum, Schmerzradio.""

Peter Webers Buch ist ein faszinierendes, flirrendes Experiment: ein Gedankenroman, ein Lautroman, ein Reiseroman, ein Fragment im romantischen Sinne, ein Füllhorn aus kleinen Geschichten, Fantasien, Träumen und theoretischen Überlegungen, ein poetisches Werk, das seine Poetologie zugleich aus sich heraus gebiert – ein wundersam aus der zeitgenössischen Literatur herausfallendes Unikum voller Schöpfungswillen und Neologismen. "Die melodielosen Jahre" ist zugleich gewagt, denn Webers Assoziationsreichtum muss auf Leser treffen, die sich auf dieses Spiel einlassen wollen, die sich in diesen flüssig gewordenen Texten treiben lassen und sich dem neuen Beat, der unmerklich diesem Buch seinen Rhythmus gibt, anvertrauen.

Peter Weber: Die melodielosen Jahre
Suhrkamp Verlag. Frankfurt am Main. 191 Seiten. 16,90 Euro.

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