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StartseiteSport am WochenendeEin Kapitel, das fehlt09.10.2012

Ein Kapitel, das fehlt

Die Olympia-Ausstellung in Berlin verschweigt die "Führergrabung" und seine Protagonisten

600 Seiten fasst das Opus "Mythos Olympia. Kult und Spiele", der Katalog zur Ausstellung im Berliner Martin-Gropius-Bau. Die Lektüre ist lehrreich. Es ist zu lesen etwa über die Inschriften und Siegersäulen von Olympia, auch über die Fotografien der frühen Grabungen zwischen 1875 und 1881. Nur über die Biographie des Hans Schleif und die "Führergrabung" von 1937 liest man: nichts.

Von Erik Eggers

Ein Foto von der Sanierung des Martin-Gropius-Baus in Berlin (picture alliance / dpa / Britta Pedersen)
Ein Foto von der Sanierung des Martin-Gropius-Baus in Berlin (picture alliance / dpa / Britta Pedersen)

Obwohl die Autoren, wie es in der Ankündigung heißt, doch alle Facetten Olympias beleuchten wollten, ausdrücklich auch die Geschichte der Grabungen in Olympia. Und obwohl die Biographie Schleifs doch so viel über die Geschichte der deutschen Archäologie in der Zeit der NS-Diktatur berichtet.

Deshalb hat auch der Archäologe Stephan Lehmann aus Halle just dieser Figur einen bemerkenswerten Aufsatz in dem Band "Klassische Archäologen und der Nationalsozialismus" gewidmet. Demnach hatte Schleif, geboren 1902 in Wiesbaden, bereits zwischen 1927 und 1931 als Mitarbeiter des berühmten Archäologen Wilhelm Dörpfeld in Olympia gewirkt, bevor er 1935 SS-Mitglied wurde. Heinrich Himmler protegierte ihn. Schleif wurde einer der führenden Funktionäre im Verein "Deutsches Ahnenerbe", das bekanntlich die vermeintlich arische Überlegenheit wissenschaftlich legitimieren sollte. Nachdem Adolf Hitler höchstpersönlich, kurz nach den Olympischen Spielen 1936 in Berlin, die Finanzen für sechs Grabungskampagnen bis 1942 zur Verfügung gestellt hatte, wurde 1938 Schleif mit Emil Kunze die Leitung dieser "Führergrabung" übertragen. Verantwortlich dafür war seit 1937 das Deutsche Archäologische Institut (DAI).

Lehmann rekonstruiert nun die exakte SS-Karriere Schleifs. Dabei fand er Dokumente, die für 1941 in Griechenland einen Einsatz Schleifs in einem der gefürchteten SD-Kommandos belegen. 1944 wurde Schleif, inzwischen zu einem SS-Standartenführer befördert, dem ebenso berüchtigten "Sonderstab Dr. Kammler" zugeordnet. Auch angesichts anderer SS-Aktivitäten besteht laut Lehmann kein Zweifel, dass Schleif "von den Verbrechen der SS nicht nur wusste, sondern an ihnen aktiv beteiligt war". Schleif, der 1945 Suizid beging, sei ein "technokratischer Kriegsverbrecher".

Warum aber verzichtete das DAI, das ebenso wie sein ehemaliger Präsident Hans-Joachim Gehrke als Mitherausgeber des Katalogs fungierte, auf diesen Teil der Geschichte? Warum diese seltsame Form der Geschichtspolitik? Gehrke antwortete nicht auf eine entsprechende Anfrage des Deutschlandfunks.

Heilmeyer, W.-D. (u. a. Hrsg.): Mythos Olympia. Kult und Spiele - Antike. Prestel Verlag, München 2012, 600 Seiten, 49,95 Euro.

Lehmann, St.: Hans Schleif (1902-1945). In: Brands, G./Maischberger, M. (Hrsg.): Klassische Archäologen und der Nationalsozialismus, Bd. 1, Verlag Marie Leidorf, Rahden/Wstf. 2012, S. 207-222.

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