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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturEin skrupellos agierender Konzern30.03.2009

Ein skrupellos agierender Konzern

Marie-Monique Robin: "Mit Gift und Genen. Wie der Biotech-Konzern Monsanto unsere Welt verändert", Deutsche Verlags Anstalt, 646 Seiten

Marie-Monique Robin kommt vom Land, der Landwirtschaft ist die Autorin, wie sie selber sagt, immer verbunden geblieben. Ihr Buch "Mit Gift und Genen" wurden angeregt von Bauern aus Indien, über deren Schicksal sie vier Jahre lang recherchierte. Sie zeigt die Konfrontation zwischen Landwirten und Monsanto, dem größten Agrarchemiekonzern der Welt.

Von Albrecht Kieser

Eingang des Monsanto-Firmensitzes in St. Louis (AP)
Eingang des Monsanto-Firmensitzes in St. Louis (AP)

Vor wenigen Monaten lief ihr Dokumentarfilm über den größten Agrarchemiekonzern der Welt im Fernsehen. Nun hat die französische Journalistin Marie-Monique Robin das Material ihrer vierjährigen Recherche in einem lesenswerten Buch zusammengefasst: "Mit Gift und Genen. Wie der Biotech-Konzern Monsanto unsere Welt verändert."

Monsanto hat seinen Sitz in St. Louis, USA. Dependancen gibt es auf der ganzen Welt, die deutsche Firmenzentrale residiert in Düsseldorf. Heute arbeiten für Monsanto 170.000 Menschen in über 100 Ländern. Sie erwirtschafteten im Jahre 2007 für die Aktionäre des Konzerns über acht Milliarden Dollar Umsatz. Eine Milliarde wurden im selben Jahr als Gewinn ausgewiesen. Monsanto schreibt über Monsanto: "Ziel ist es, unter gleichzeitiger Schonung natürlicher Ressourcen, die Erträge und die Qualität der Agrarproduktion deutlich zu verbessern."

Nach der Lektüre von Marie-Monique Robins Buch fällt es jedoch schwer, in dieser Selbstdarstellung keine zynische Verdrehung der Realität zu sehen. Denn auf 600 Seiten präsentiert die Autorin zahlreiche Skandale, die Monsanto verursacht hat. Sie belegt ihre Vorwürfe auf das Genaueste mit Dokumenten, darunter vielen Urteilen, die Gerichte gegen Monsanto gefällt haben.

Robin reiht in ihrem Buch nicht einfach trockene Fakten aneinander. Sie erzählt, nimmt den Leser an die Hand und fährt mit ihm zum Beispiel nach Anniston, in ein kleines Städtchen in Alabama, USA, dorthin, wo Monsanto groß wurde. Die Firma produzierte in diesem Provinznest zwischen 1929 und 1971 insgesamt 300.000 Tonnen PCBs, polychlorierte Biphenyle. Ein Stoff, von dem die Firmenleitung schon früh wusste, dass er schwere gesundheitliche Beeinträchtigungen bei Tieren hervorruft.

"Am 11. Oktober 1937 konstatiert ein interner Bericht von Monsanto lakonisch: 'Experimentelle Studien an Tieren zeigen, dass längerer Kontakt mit den Dämpfen toxische Effekte im ganzen Organismus auslöst."

Zu ähnlichen Erkenntnissen gelangen zahlreiche weitere Untersuchungen, zum Beispiel eine von 1957.

"Die Aufbringung auf der Haut hat den Tod aller getesteten Kaninchen zur Folge gehabt."

Die Firma verfolgte auch die gesundheitliche Situation ihrer Arbeiter recht genau. Robin zitiert den verantwortlichen Berichterstatter:

"Das Endergebnis lautet, dass unsere Arbeiter erwiesenermaßen durch PCB geschädigt worden sind."

Monsanto hielt diese Dokumente unter Verschluss und warnte weder seine Beschäftigen noch die Bewohner in der Umgebung. In der Region wurden in diesen Jahren Hunderte missgebildete Kinder geboren und Dutzende starben an Vergiftung. Einer breiten Bürgerbewegung gelang es 2002, so berichtet Robin, vom Konzern 700 Millionen Dollar Schadensersatz zu erklagen, da er, wie das Gericht feststellt, die Bewohner von Anniston mutwillig gesundheitlich geschädigt hat.

Ähnliche Skandale wiederholten sich bei Dioxinen und DDT, Stoffen, die bis zu ihrem Verbot in den 70er-Jahren ebenfalls die Produktpalette des Konzerns bereicherten. Denn ihre positiven Wirkungen, so Robin, waren ja nicht zu übersehen. Als potente Kühl-, Lösungs- und Schmiermittel und als Gift gegen unerwünschte Kleintiere und Pflanzen in der Landwirtschaft bescherten sie dem Konzern hohe Gewinne.

Nach dem Verbot der ersten Generation profitabler chemischer Pflanzengifte, deren eines als Agent Orange auch in Vietnam eingesetzt wurde, entwickelt Monsanto die Nachfolgegeneration. Roundup heißt das neue Zaubermittel, das 1974 auf den Markt kommt. Roundup lässt den Konzern zum weltgrößten Verkäufer von Unkrautvernichtungsmitteln aufsteigen. Monsanto bewarb sein Mittel bis vor kurzem als biologisch abbaubar.

Diese Werbestrategie verbot 2007 ein Gericht in Frankreich, wo der Konzern jährlich 100.000 Tonnen Roundup verkauft. Denn das Mittel, zitiert Robin das Gericht:

" … verbleibt im Gegenteil dauerhaft im Boden und kann ins Grundwasser eindringen."

Verboten ist das vermutlich krebserregende Herbizid bislang nicht. Im Gegenteil: Der Agrarchemiekonzern erhöht den Umsatz weiter. Robin erklärt wie: Mit Hilfe der agrarischen Gentechnik, die Monsanto in der Saatgutzucht einsetzt. Denn der Konzern ist Anfang dieses Jahrhunderts durch milliardenschwere Aufkäufe auch zum weltgrößten Saatgutkonzern aufgestiegen.

Mithilfe der Gentechnik werden Gene von überlebenden Bakterien, die Monsanto-Forscher in Entsorgungsschlämmen des hochgiftigen Herbizids Roundup fanden, in Soja und andere Nahrungsmittelpflanzen eingeschleust. Sie verändern deren Erbstruktur und machen die Kunst-Pflanzen unempfindlich gegen den Einsatz von Roundup. Nun können Landwirte das Gift ausbringen, ohne Wachstumsschäden ihrer genveränderten Pflanzen befürchten zu müssen. Die gesundheitlichen Folgen für Umwelt, Mensch und Tier sind ungeklärt.

An dieser Stelle ihrer umfangreichen Klageschrift gegen Monsanto kommt Marie-Monique Robin auf die Politik zu sprechen. Sie schildert, wie es der Monsanto-Lobby in den 90er-Jahren gelang, die genveränderten Pflanzen durch die zuständigen Behörden für weitgehend identisch mit natürlichen Pflanzen erklären zu lassen. Sie werden vor ihrer Zulassung bis heute keiner spezifischen toxischen Prüfung unterzogen. Und das weltweit. Obwohl die Behauptung von der sogenannten "substanziellen Gleichheit" von genveränderten und natürlichen Pflanzen wissenschaftlich niemals überprüft wurde.

Robin zeigt an vielen Beispielen: Monsanto beherrscht als Big Player nicht nur die Wandelgänge der Lobby vor Parlamenten, Ministerien und Zulassungsbehörden. Sein Personal wechselt auch regelmäßig zwischen der Vorstandsetage des Konzerns und den Führungsebenen von Politik und Verwaltung. Die Autorin nennt das den Drehtüren-Effekt.

"Vier wichtige Ministerien der Regierung Bush wurden von Monsanto nahestehenden Personen geleitet: John Ashcroft, der Justizminister und Gesundheitsminister Tommy Thompson, beide Spendenempfänger von Monsanto; Landwirtschaftsministerin Ann Venneman, früher Chefin eines Monsanto-Unternehmens, genauso wie Donald Rumsfeld( ... ) Unter Bill Clinton wechselte dessen Assistentin Marcia Hale ins Monsanto-Direktorium, ebenso wie Josh King, Veranstaltungsmanager des Weißen Hauses, und Michael Kantor, Handelsminister von 1996 bis 1997. Linda Fisher war Leiterin der Umweltschutzbehörde und ging danach zu Monsanto, ebenso wie ihr Stellvertreter Michael Friedman. Dafür ging Margaret Miller von Monsanto zur FDA, der Genehmigungsbehörde für gentechnisch veränderte Pflanzen."

Wer die Weltmachtstellung von Monsanto begreifen will, dem sei das gut lesbare Buch von Marie-Monique Robin empfohlen. Nicht zuletzt zeigt die Autorin, wie gefährdet die Welternährung auch deshalb ist, weil sie zu immer größeren Teilen in die Hände dieses skrupellos agierenden Konzerns geraten ist.

Albrecht Kieser über Marie-Monique Robin: Mit Gift und Genen. Wie der Biotech-Konzern Monsanto unsere Welt verändert. Veröffentlicht in der Deutschen Verlags Anstalt, 646 Seiten zum Preis von 19 Euro und 95 Cent.

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