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Einblick in die wechselvollen Beziehungen Chinas

Henry Kissinger: China - Zwischen Tradition und Herausforderung. C. Bertelsmann-Verlag, 26,00 Euro

Von Silke Ballweg

Henry Kissinger
Henry Kissinger (picture alliance / dpa / Imaginechina)

Zu den unbestreitbaren Leistungen Henry Kissingers gehört es, die Öffnung Chinas gegenüber dem Westen, insbesondere gegenüber den USA vorangetrieben zu haben. Seither gilt er als der China-Experte unter allen aktuellen und ehemaligen Politikern. Gerade hat er die Summe seiner Erkenntnisse und Interpretationen über das Reich der Mitte vorgelegt.

Auf welcher Basis hat China während der vergangenen Jahrhunderte Kontakte zu seinen Nachbarn gepflegt? Wie hat es sich außenpolitisch positioniert? Und mit welchen Motiven? Mit seinem Buch "China. Zwischen Tradition und Herausforderung" will Henry Kissinger, der ehemalige Sicherheitsberater und spätere Außenminister der USA Chinas Beziehungsgeflecht zu anderen Ländern beschreiben. Aktuell aber auch historisch. Und dafür holt der Autor zunächst weit aus.

Kissinger weist gleich zu Beginn seines Buches auf die alles überragende Stellung als Machtzentrum und Hochkultur hin, die China während der vergangenen Jahrhunderte innehatte. Über Jahrtausende betrachtete sich China als Nabel der Welt, als Reich der Mitte, umgeben von Tributstaaten, die nicht im Geringsten an seinen Glanz heranreichen konnten.

"China hatte nie nachhaltige Kontakte mit anderen Staaten, deren Basis Gleichheit gewesen wäre, und zwar aus dem einfachen Grund, dass es keine Kontakte mit Gesellschaften hatte, die ihm an Größe oder Kultur ebenbürtig gewesen wären. Das chinesische Reich überragte in seiner geografischen Sphäre alles andere, was gleichsam für ein Naturgesetz gehalten wurde, für den Ausdruck des Mandats des Himmels."

Mit diesem Gefühl der Überlegenheit begegnete China auch den europäischen Mächten, als sie im 17. Jahrhundert an Chinas Küste landeten, um Handel zu treiben. Legendär ist die MacCartney-Mission, eine Gesandtschaft, die 1793 von der britischen Krone aus nach Peking geschickt wurde. Die Briten führten an Chinas kaiserlichem Hof Artilleriegeschütze, mechanische Uhren und einen Pferdewagen vor, denn sie wollten Pekings Herrscher beeindrucken und sie von den Vorteilen des Handels mit Europa überzeugen. Doch die Chinesen wies die Mission hochmütig ab: Man besitze bereits alle Dinge und habe kein Interesse an weiterem Austausch, so die herablassende Antwort.

Tatsächlich aber konnte China sich seine arrogante Haltung damals gar nicht mehr leisten, denn im Vergleich zu Europa hinkte das Land längst hinterher. Nur, in Peking wusste das niemand. Und das war fatal. Denn:

"Die Westmächte, die geprägt von Eroberungsdrang, nun in den traditionellen Einflussbereich Chinas vorstießen, betrachteten den chinesischen Anspruch einer Oberherrschaft über Europa und Asien als lächerlich. Sie waren fest entschlossen, China ihre Normen des internationalen Austauschs aufzuzwingen, notfalls mit Gewalt."

Das taten sie dann auch. Und so musste Peking nach der erlittenen Niederlage im sogenannten Opiumkrieg Mitte des 19. Jahrhunderts gegenüber Großbritannien Zugeständnisse machen, wichtige Hafenstädte für den Handel öffnen und Hongkong an die britische Krone abtreten. Wenige Jahrzehnte nach Ankunft der Europäer war das einstige Großreich somit aus dem Zentrum der Welt katapultiert worden, Chinas Stolz tief verwundet. Vergessen ist diese Schmach bis heute nicht:

"Im heutigen China blickt man auf die Katastrophen, in die das Land durch die Fremden gestürzt wurde, voller Betroffenheit zurück, sie sind Teil eines schändlichen 'Jahrhunderts der Demütigungen'."

Aus der Eigenperspektive chinesischer Sicht befreite sich China erst mit der Ausrufung der Volksrepublik durch Mao im Jahr 1949 vom Joch der Unterdrückung. Doch Chinas Kontakte zu anderen Staaten blieben weiterhin kompliziert. Kissinger zeigt, wie die Beziehungen zur UdSSR von anfänglich ideologischer Partnerschaft in Rivalität umschlugen. Er verdeutlicht das komplexe Verhältnis zu Taiwan. Und er schildert schließlich, wie es zu dem historischen China-Besuch von US-Präsident Richard Nixon im Jahr 1972 kam. Mao wollte sich damals gegen die Sowjetunion abgrenzen und für China neuen Spielraum schaffen. Nixon wiederum ging es darum, vor dem Hintergrund des Vietnamkriegs die USA als friedensstiftende Macht zu etablieren. Um den Staatsbesuch vorzubereiten, flog Kissinger zweimal heimlich nach Peking. Im Februar 1972 traf Nixon dann in Zhongnanhai, dem Hauptquartier von Chinas kommunistischer Partei und Regierung, auf Mao.

"Man führte uns direkt in Maos Arbeitszimmer, einen Raum von bescheidener Größe mit Regalen an drei Wänden, die mit Büchern und Manuskripten in ziemlicher Unordnung vollgestopft waren. In einer Ecke stand ein hölzernes Bett. Der allmächtige Herrscher des bevölkerungsreichsten Landes wollte als Philosophenkönig gesehen werden, der seine Autorität nicht durch traditionelle Herrschaftssymbole zu stützen brauchte."

Nixons Besuch in der Volksrepublik verhalf den Beziehungen der beiden Staaten zum Durchbruch und legte den Grundstein für die weitere strategische Partnerschaft. Besonders spannend ist im Folgenden zu lesen, wie die USA nach der brutalen Niederschlagung der Demokratiebewegung im Juni 1989 nach einem neuen Umgang mit dem Land suchten. Sollte man China wegen des Tiananmen-Massakers international isolieren? Sanktionen verhängen? Oder doch weiterhin enge Kontakte pflegen, um auf dem Wege des Vertrauens und der Freundschaft positiven Einfluss ausüben zu können?

Das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens liegt 22 Jahre zurück, doch beim Lesen merkt man, dass sich wesentliche politische Strukturen in China trotz Wirtschaftsboom seitdem nicht verändert haben. Chinas harsches Vorgehen gegen angekündigte Jasminproteste zu Beginn dieses Jahres, die Verschleppung Ai Weiweis – all dies zeigt, dass die kommunistische Partei noch immer keine Antworten auf die Frage hat, wie sie mit Kritikern im eigenen Land umgehen soll. Und dass auch der Westen nach wie vor hilflos und seltsam passiv auf Chinas repressives Vorgehen reagiert.

Gerade wegen der momentan angespannten Situation in China sind diese Passagen hochaktuell und spannend, ansonsten aber ist Kissingers Publikation eher enttäuschend. Zwar gelingt es dem Autor, die wechselvollen Beziehungen des Landes zum Westen und vor allem zu den USA zu skizzieren. Und er macht verständlich, wie einige außenpolitische Positionen aus dem Blickwinkel chinesischer Politiker erscheinen. Aber die Fakten, die Kissinger für seinen Thesen heranzieht, sind hinlänglich bekannt und in jedem Geschichtsbuch nachzuschlagen. Für den Leser wäre es interessanter gewesen, hätte Kissinger nur über seine Begegnungen mit Politikern wie Mao Zedong, Deng Xiaoping oder Zhou Enlai geschrieben. Aber möglicherweise wollte der Verlag, dass Kissinger ein umfangreiches Werk vorlegt. Mit seinen über 600 Seiten löst das Buch die geweckten Erwartungen jedoch nicht ein.

Silke Ballweg war das über Henry Kissingers Buch: China – Zwischen Tradition und Herausforderung. Erschienen bei C. Bertelsmann. Für 26 Euro gibt es 606 Seiten.



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