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Einblicke in das Leben der Anderen

Deutsche und griechische Jugendliche entdeckten bei einem Filmprojekt Verbindendes und Trennendes

Von Veronika Bock

Filmrolle
Filmrolle (picture-alliance / dpa)

Während allerorts von europäischen Verwerfungen die Rede ist, haben sich Jugendliche aus Griechenland und Deutschland im Rahmen des Projekts "Fremdes Leben" gegenseitig besucht. Gemeinsam drehten sie sechs Dokumentarfilme, die jetzt im Filmforum NRW zu sehen waren.

"Unser Konzept ist, dass die Jugendlichen zusammen wohnen und zusammen arbeiten und das Medium ist Dokumentarfilm, und Dokumentarfilm bietet die unglaublich große Chance in die Leben der anderen sehr intensiv hineinzugucken. Wie arbeiten die anderen, wie leben die anderen, was bewegt die Anderen."

Vera Schöpfer Filmemacherin, zusammen mit Dieter Bongartz hat sie das Dokumentarfilmprojekt geleitet. Jugendliche aus Athen besuchten Köln und die Kölner fuhren nach Athen. Im Februar. Zwei Tage vor der Abfahrt, hatte es dort die ersten großen Krawalle gegeben.

"Als wir da angekommen sind haben alle wirklich ernst und traurig geguckt, und wir hatten erst mal so ein huh, also so ein Zurückschrecken, weil das eine merkwürdige Stimmung war. Es war tatsächlich so ein bisschen düster bedrohlich, mehr als ich gedacht hätte."

Ruben, einer der sechs deutschen Jugendlichen, und die Griechin Marianna:

"Wir haben uns ein bisschen wie Touristen in der eigenen Stadt gefühlt. Wir wollten die Schönheit Athens zeigen."

Anderen Jugendlichen die eigene Heimat zeigen, das öffnete auch ihr die Augen:

"Es war wirklich aufregend. Es gab mir die Möglichkeit, noch einmal das ganz neu zu sehen, was ich an Athen mag und liebe."

Was zeigt man den anderen, welche Orte, welche Themen wählt man? In Workshops hatten zuvor die Griechen für die Deutschen und die Deutschen für die Griechen Filmthemen ausgewählt. Das autonome Zentrum in Köln war eines, ein Film über gehörlose Studenten in Athen ein anderes, aber auch das Zusammenarbeiten selbst war ein Filmthema. "Did we meet already" - "haben wir uns schon getroffen", heißt er.

"Wir können mit Deutschen reden, obwohl wir angeblich Feinde sind, wir wollten zeigen, dass wir einfach Teenager sind, die das nicht kümmert. Wir sind Menschen, nur Menschen mit Träumen und Zielen,"

sagt Marianna.

Das Verbindende: die Träume und Ziele, ihre Jugend, ihr Platz in Europa. Doch es gab auch Trennendes, Konflikte in den Filmteams.

Ruben: "Wir hatten in unserer Gruppe tatsächlich auch die Situation, dass wir einen unterschiedlichen Film machen wollten. Und dann gab's ne tränenreiche Diskussion in unserer Gruppe, wo Vorwürfe hin und hergeworfen wurden, viel Clinch, bis wir uns irgendwie geeignet hatten auf diesen Film, also es war hart auf jeden Fall."

"Athens calling" heißt dieser Film, ein Film, der so nicht geplant war, der die Situation in Athen unmittelbar nach den Ausschreitungen dokumentiert. Demonstrationen, abgebrannte Kinos, man kann den Brandgeruch fast riechen.

Vera Schöpfer: "Sie haben zum Teil auch Sachen gedreht, wo wir vorher gesagt hatten, sie sollen es lassen, wie zum Beispiel Demonstrationen. Sie haben es trotzdem gemacht, und für die Filme ist das ganz toll als wir es gesehen haben, ist uns das Herz in die Hose gerutscht, aber für die Filme ist das natürlich ganz toll, dass sie da einen frischen und sehr neugierigen Angang haben."

Bei den Dreharbeiten waren die Jugendlichen immer allein, nur auf sich gestellt. Je zwei Griechen und zwei Deutsche. Es sind ihre Bilder, Fragen und Blickwinkel. Junge Filme, aber keine schnell abgedrehten Schülervideos, obwohl alle zwischen 15 und 20 Jahre alt sind. Die Filme erzählen genauer, als Erwachsene es könnten, wie Jugendliche sich und die Welt sehen, was sie empfinden und sie interessiert. In Deutschland und in Griechenland.

Ruben: "Tatsächlich war ich überrascht von dem, was denen gefällt. Also ich dachte, die wären ähnlich wie ich, dass die Extrema suchen und mögen. Aber die haben ganz viel über die vielen Bäume geredet, die hier stehen und wie schön die Natur wäre und so, was ich von so 'ner 60jährigen erwartet hätte, aber , ich weiß nicht es war ungewöhnlich, die fanden Deutschland schöner und interessanter als ich das gedacht hätte."

Und auch das ist ein Effekt des Projektes: nicht nur das fremde Leben wird weniger fremd. Auch das eigene kommt neue Facetten.

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