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Eine Art Familien-CD

Kammermusik: Janine Jansen und Freunde spielen Schönberg und Schubert

Von Norbert Hornig

Was er sich mit Franz Schubert wohl zu sagen gehabt hätte? Arnold Schönbergs "Verklärte Nacht" entstand 1899. (picture alliance / dpa / Bildarchiv)
Was er sich mit Franz Schubert wohl zu sagen gehabt hätte? Arnold Schönbergs "Verklärte Nacht" entstand 1899. (picture alliance / dpa / Bildarchiv)

Franz Schubert begegnet Arnold Schönberg: Es gehört schon Fantasie dazu sich auszumalen, was sich diese beiden Männer wohl zu sagen hätten, verkörpern sie doch zwei musikalische Welten, die ein Jahrhundert auseinander liegen. Die niederländische Geigerin Janine Jansen hat dieses Treffen auf ihre eigene Art und Weise ermöglicht und mit Musikerfreunden Schönbergs Streichsextett "Verklärte Nacht" und Schuberts C-Dur-Streichquintett in einer CD-Einspielung zusammengebracht.

<p><strong><em>Arnold Schönberg, Verklärte Nacht op. 4</strong><br />Franz Schubert, Streichquintett C-Dur D 956<br />LC 00171 Decca CD 478 355 1 EAN 028947835516</em><br /><br />Diese bei Decca erschienene Produktion möchte ich Ihnen heute Morgen vorstellen.<br /><br /><strong>Arnold Schönberg <br />Aus: Verklärte Nacht op. 4</strong><br />1. Satz (Sehr langsam)(Ausschnitt)<br />Janine Jansen (Violine)<br />Boris Brovtsyn (Violine)<br />Maxim Rysanov (Viola)<br />Amihai Grosz (Viola)<br />Torleif Thedéen (Violoncello)<br />Jens Peter Maintz (Violoncello)<br /><br />Mit Begeisterung spricht Janine Jansen über das Projekt, mit dem sie sich einen Herzenswunsch erfüllt hat: <br /><br />&quot;"Wir haben uns entschieden, und das war schon lange ein Traum von mir, meine zwei Lieblingswerke der Kammermusik aufzunehmen – Schuberts C-Dur-Streichquintett mit zwei Celli und Schönbergs 'Verklärte Nacht' für Streichsextett – zusammen mit meinen engen Freunden und Kammermusikpartnern, mit denen ich seit vielen Jahren zusammen spiele und die immer wieder zu meinem Festival kommen. Es ist eine Art Familien-CD, es sind wir, es ist die Familie, die ihre beiden Lieblingswerke präsentiert".&quot;<br /><br />Zum Freudeskreis von Janine Jansen gehören hier der Geiger Boris Brovtsyn, die Bratschisten Amihai Grosz und Maxim Rysanov, sowie die Cellisten Torleif Thedéen und Jens Peter Maintz. Immer wieder haben sie zusammen musiziert, oft auch auf Janine Jansens eigenem Kammermusikfestival in Utrecht, das jetzt auf sein zehnjähriges Bestehen zurückblicken kann. Grund genug, um zu feiern und gemeinsam eine CD zu realisieren.<br /><br />&quot;"Es war eine wirklich schöne Erfahrung, auch die Zeit zu haben, viele Konzerte zusammen zu spielen und dann als Ergebnis davon diese Aufnahme zu machen".&quot;<br /><br />Und die entstand schließlich im Mai des vergangenen Jahres im Rahmen eines Live-Konzertes, das Janine Jansen und ihre Musikerfreunde im Konzerthaus Dortmund gaben:<br /><br /><strong>Arnold Schönberg <br />Aus: Verklärte Nacht op. 4</strong><br />2. Satz (Etwas bewegter)(Ausschnitt)<br />Janine Jansen (Violine)<br />Boris Brovtsyn (Violine)<br />Maxim Rysanov (Viola)<br />Amihai Grosz (Viola)<br />Torleif Thedéen (Violoncello)<br />Jens Peter Maintz (Violoncello)<br /><br />Das Streichsextett "Verklärte Nacht" op. 4 von Arnold Schönberg entstand 1899, Jahre, bevor sich der Komponist der Atonalität verschrieb. Es ist das erste Instrumentalwerk, dem Schönberg eine Opuszahl zuordnete. In einem Schaffensrausch von nur drei Wochen hatte der 25-Jährige das Werk zu Papier gebracht. Wie Schönberg später bemerkte, war er zu dieser Zeit besonders von der Musik Gustav Mahlers und Richard Strauss´ fasziniert. Er folgte ihrem Vorbild und schrieb symphonische Dichtungen, hoch romantisch und in einem durchgehenden Satz. Das Stück "Verklärte Nacht", das Schönberg später auch für Streichorchester bearbeitete, gehört zu den kompositorischen Höhepunkten dieser frühen Schaffensperiode. Inspiriert zu seinem Streichsextett wurde Schönberg durch ein gleichnamiges Gedicht des deutschen Lyrikers Richard Dehmel. Darin geht es um Liebe und Sexualität, Tabu-Themen nach den bürgerlichen Konventionen der damaligen Zeit. Eine Frau gesteht ihrem Geliebten während eines nächtlichen Spaziergangs, dass sie ein Kind von einem anderen erwartet. Doch dieser verstößt sie deshalb nicht sondern antwortet:<br /><br /><em>Das Kind, das du empfangen hast,<br />sei deiner Seele keine Last,<br />o sieh, wie klar das Weltall schimmert!<br />Es ist ein Glanz um alles her,<br />du treibst mit mir auf kaltem Meer, <br />doch eine eigene Wärme flimmert<br />von dir in mich, von mir in dich;<br />Die wird das fremde Kind verklären,<br />du wirst es mir, von mir gebären,<br />du hast den Glanz in mich gebracht,<br />du hast mich selbst zum Kind gemacht.</em><br /><br />Es verwundert nicht, dass dieses dem Streichsextett "Verklärte Nacht" zugrunde liegende Programm zum Stein des Anstoßes wurde, nicht ohne Grund kam das Stück erst drei Jahre nach seiner Entstehung zur Uraufführung. Schönberg war Vielen zu progressiv, er hatte das Tabuthema sexueller Beziehungen aufgegriffen und zudem noch die Gestaltungsprinzipien der Programmmusik und der symphonischen Dichtung auf das Genre der Kammermusik übertragen. Aber er tat dies in jeder Hinsicht konsequent und meisterhaft. Die fünf Teile des Werkes folgen den fünf Strophen des Gedichtes. Teil eins, drei und fünf beschreiben den Spaziergang der Liebenden durch die Stille der Mondnacht. Diese Atmosphäre und das ganze Drama der Situation hat Schönberg mit unvergleichlicher klanglicher und harmonischer Raffinesse in Musik verwandelt: <br /><br /><strong>Arnold Schönberg <br />Aus: Verklärte Nacht op. 4</strong><br />5. Teil (Sehr ruhig)(Ausschnitt)<br />Janine Jansen (Violine)<br />Boris Brovtsyn (Violine)<br />Maxim Rysanov (Viola)<br />Amihai Grosz (Viola)<br />Torleif Thedéen (Violoncello)<br />Jens Peter Maintz (Violoncello)<br />Take: 005<br /><br />Dramatischer, inniger und facettenreicher in der klanglichen Ausformung der einzelnen Stimmen kann man sich den letzten Satz aus dem Streichsextett "Verklärte Nacht" von Arnold Schönberg kaum vorstellen. Es ist eine interpretatorische Meisterleistung, die Janine Jansen, Boris Brovtsyn, Maxim Rysanow und Amihai Grosz sowie Torleif Thedéen und Jens Peter Maintz hier vollbringen. Sie lassen das spätromantische Glühen dieser Musik zu einem geradezu berauschenden Klangerlebnis werden. <br />Das Streichsextett "Verklärte Nacht" des jungen Arnold Schönberg ist ein Schlüsselwerk der Kammermusikliteratur an der Schwelle zum 20. Jahrhundert. Der Komponist sah darin seine erste vollgültige Partitur, machtvoll deutet sich hier bereits die musikhistorische Zeitenwende an. Ganz anders Franz Schubert, der sein C-Dur-Streichquintett, das andere Werk auf der CD, erst kurz vor seinem Tod 1828 zu Papier brachte. Sein Verleger zeigte jedoch wenig Interesse an der Komposition, er zog es vor weitere Schubert-Lieder zu veröffentlichen, das brachte mehr Geld ein. Es gehört zu Schuberts Lebenstragik, dass er dieses Quintett nie in einer Aufführung hören sollte. Auch die Musikwelt musste warten, erst mehr als zwei Jahrzehnten später, im November 1850, fand in Wien die Uraufführung statt. In Schuberts Streichquintett ist die Besetzung des Streichquartetts um ein zweites Violoncello erweitert, was aber nicht zu einer Verdunkelung, sondern zu einer Intensivierung und Verbreiterung des Klanges führt und letztlich auch zu einer Vertiefung des Ausdrucks.<br /><br /><strong>Franz Schubert<br />Aus: Streichquintett C-Dur D956</strong><br />1. Satz (Allegro ma non troppo)(Ausschnitt)<br />Janine Jansen (Violine)<br />Boris Brovtsyn (Violine)<br />Amihai Grosz (Viola)<br />Torleif Thedéen (Violoncello)<br />Jens Peter Maintz (Violoncello)<br />Take: 006<br /><br />In der neuen Aufnahme mit Janine Jansen und ihrem Ensemble erreicht der scheinbar unendliche Musikstrom von Franz Schuberts C-Dur-Streichquintett eine Aufführungsdauer von über 50 Minuten. Hier kann man sich wirklich ganz hineinversenken in die "himmlischen Längen", für die Schubert so geliebt wird. Mit seiner weiträumig angelegten Architektur, seiner Ausdruckstiefe und dem grandiosen Aufbrechen in die romantische Epoche hinein, steht diese Ikone des Kammermusikrepertoires einzigartig dar. Es sind die Erfahrungen eines ganzen Komponistenlebens, die dem Hörer hier begegnen. Schuberts Streichquintett ist wie ein Seelenlabyrinth, in dem sich zarteste Lyrik und schroffe Ausbrüche jäh gegenüberstehen, sodass man manchmal fast erschrickt. Dabei gehört der langsame zweite Satz zum Kühnsten und Geheimnisvollsten, was Schubert je komponiert hat. Es verwundert nicht, dass dieses Adagio von Regisseuren immer wieder als hochdramatische Filmmusik eingesetzt wird. Zeit und Raum scheinen in einer Art Schwebezustand aufgehoben, man hat diesen Satz auch als Schuberts Todesahnung gedeutet:<br /><br /><strong>Franz Schubert <br />Aus: Streichquintett C-Dur D956</strong><br />2. Satz (Adagio)(Ausschnitt)<br />Janine Jansen (Violine)<br />Boris Brovtsyn (Violine)<br />Amihai Grosz (Viola)<br />Torleif Thedéen (Violoncello)<br />Jens Peter Maintz (Violoncello)<br />Take: 007<br /><br />Mit scheinbar unendlichem Feinsinn fühlen sich Janine Jansen und ihre Musikerfreunde in die immer wieder rätselhafte Klangwelt des Adagio aus Schuberts C-Dur-Streichquintett ein. Sie machen sich zusammen auf eine Reise in Sphären, die das Mystische berühren, bloß die Kraft der Gedanken scheint sie dabei zu tragen und zusammenzuhalten. Nur hervorragend aufeinander eingespielten, untereinander perfekt kommunizierenden Musikern kann dies so überzeugend gelingen. Diese Aufnahme ist einmal mehr ein Beleg dafür, dass auch nicht ständig zusammenarbeitende Ensembles ein Niveau des Zusammenspiels erreichen können wie die besten Streichquartett-Formationen. So ist es manchmal geradezu atemberaubend wie den fünf Musikern kleine Rubati und delikate Übergänge gelingen, wie sie zusammen in perfektem "Timing" atmen. Die Tontechnik hat das Geschehen mit größter Transparenz abgebildet, auch klingt die Aufnahme erstaunlich frei von Nebengeräuschen. Die Tonmeister haben hier in der Nachbearbeitung ganze Arbeit geleistet.<br /><br />Das Cover der CD signalisiert, dass diese Produktion in ihrer Wirkung nach außen ganz auf den Violinstar Janine Jansen zugeschnitten ist. Auf einem weißen Sofa sitzend ist sie die Attraktion. Die großen Lettern ihres Names sind nicht zu übersehen, PR und Marketing wollen es so. Doch sollte man unbedingt auch das Kleingedruckte lesen, die Namen ihrer Kammermusikpartner, und dann das Booklet umdrehen, um auch ihre Gesichter im Schwarz-Weiß-Portrait zu sehen. Denn was sie zusammen mit ihrer "Primaria" leisten, ist außergewöhnlich:<br /><br /><strong>Franz Schubert <br />Aus: Streichquintett C-Dur D956</strong><br />4. Satz (Allegretto)(Ausschnitt)<br />Janine Jansen (Violine)<br />Boris Brovtsyn (Violine)<br />Amihai Grosz (Viola)<br />Torleif Thedéen (Violoncello)<br />Jens Peter Maintz (Violoncello)<br />Take: 009<br /><br />Das war ein Ausschnitt aus dem Finale von Franz Schuberts Streichquintett C-Dur D 956. Zusammmen mit dem Streichsextett "Verklärte Nacht" op. 4 von Arnold Schönberg hat die Geigerin Janine Jansen das Werk mit ihren Musikerfreunden für Decca eingespielt. Die CD wurde Ihnen vorgestellt und empfohlen von Norbert Hornig.</p>


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