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StartseiteBüchermarktEine auf Kränkung beruhende Seelenverwandtschaft05.08.2011

Eine auf Kränkung beruhende Seelenverwandtschaft

Juan Gabriel Vásquez: "Die geheime Geschichte Costaguanas", Schöffling Verlag

Der neue Roman des kolumbianischen Autors Juan Gabriel Vásquez basiert auf einer Idee, die zunächst abseitig erscheint: Er verbindet den polnisch-britischen Romancier Joseph Conrad mit Kolumbien - und rückt auf originelle Weise welthistorische Ereignisse ins Licht, die weitgehend vergessen sind.

Von Wera Reusch

Altamirano schildert die Rolle seines Vaters, eines Journalisten, der dafür bezahlt wurde, ausschließlich positive Berichte über Bau des Panamakanals zu schreiben. (picture alliance / dpa)
Altamirano schildert die Rolle seines Vaters, eines Journalisten, der dafür bezahlt wurde, ausschließlich positive Berichte über Bau des Panamakanals zu schreiben. (picture alliance / dpa)
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Schweigen erfordert Charakter

Der neue Roman von Juan Gabriel Vásquez basiert auf einer Idee, die zunächst abseitig erscheint: Er verbindet den polnisch-britischen Romancier Joseph Conrad mit Kolumbien. Doch ist dies nicht völlig aus der Luft gegriffen, schrieb Conrad doch einen Roman mit dem Titel "Nostromo", der in dem fiktiven lateinamerikanischen Land "Costaguana" spielt.

Für Juan Gabriel Vásquez, der eine Biografie über den englischsprachigen Autor verfasste, steht außer Zweifel, dass es sich dabei um Kolumbien handeln muss, beziehungsweise um das heutige Panama, das ehemals zu Kolumbien gehörte. Als Indiz dafür wertet Vásquez auch, dass Joseph Conrad offenbar 1876 als junger Seemann flüchtig die panamaische Küste besuchte. In seinem Roman "Die geheime Geschichte Costaguanas" greift Vásquez diese Reise Conrads am Rande auf. Im Mittelpunkt steht jedoch ein kolumbianischer Ich-Erzähler namens José Altamirano. Er ist ein Zeitgenosse des polnisch-britischen Schriftstellers und fühlt sich diesem in einer Art Seelenverwandtschaft verbunden:

Wie sehr ich mich mühe, mein Leben zu erzählen, ich muss unweigerlich auch das des anderen erzählen. Aufgrund ihrer engen körperlichen Verwandtschaft, wie die Experten sagen, spüren Zwillinge, die bei der Geburt getrennt wurden, ihr Leben lang die Schmerzen und Ängste des anderen, auch wenn sie sich niemals begegnet sind und ein Ozean zwischen ihnen liegt. Bei einer metaphysischen Verwandtschaft, wie sie mich hier interessiert, mag es zwar anders sein, doch Ähnliches lässt sich durchaus beobachten. Ja, zweifellos sogar. Conrad und Altamirano, zwei Verkörperungen eines Josephs, zwei Versionen des gleichen Schicksals, bürgen dafür.

Bereits auf der ersten Seite des Romans wird klar, dass diese spezielle Verbindung zwischen José Altamirano und Joseph Conrad auf einer tiefen Kränkung beruht. Wie es dazu kam, erfahren wir allerdings erst ganz am Ende des Buches. Bis zur Auflösung des Rätsels lässt der Ich-Erzähler auf mehr als 300 Seiten die Geschichte seiner Familie sowie die Kolumbiens von 1820 bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts Revue passieren. Altamiranos Bericht ist an seine Tochter gerichtet, er geizt aber auch nicht mit direkten Ansprachen an die Leser:

Geduld, werte Leser. Verlangen Sie nicht, anfangs schon alles zu erfahren, bohren Sie nicht, fragen Sie nicht, denn in dieser Geschichte wird der Erzähler ganz wie ein guter Familienvater nach und nach für das Nötige Sorge tragen. Ich werde ihnen von unvorstellbaren Morden und unvorhergesehenen Galgentoden erzählen, von eleganten Kriegserklärungen und schlampigen Friedensschlüssen, von Bränden und Überschwemmungen, von intrigierenden Schiffen und verschwörerischen Zügen, und alles was ich erzähle, wird Ihnen und mir selbst gewissermaßen Glied für Glied die Kette der Ereignisse erklären, die zu der Begegnung führten, die meinem Leben vorherbestimmt war.

José Altamirano bringt seine Lebensbeichte fast durchweg in einer spöttischen Haltung vor. Er hält sich nicht lange mit Beschreibungen, Erklärungen oder Dialogen auf, sondern durchmisst die Geschichte im Schweinsgalopp. Eine Herausforderung für die Übersetzerin Susanne Lange, die dieses atemlose Erzähltempo und den tragikomischen Tonfall auf Deutsch sehr angemessen nachvollzieht. Schauplatz der Geschichte ist die Provinz Panama, vom Ich-Erzähler als "krummer verkrüppelter Wurmfortsatz des kolumbianischen Territoriums" bezeichnet:

Unzugänglich und gottverlassen, vom restlichen Kolumbien durch einen Urwald getrennt, der einen schon mit tödlichem Fieber ansteckte, wenn man seinen Namen nur in den Mund nahm, wo es mehr Krankheiten als Bewohner gab und die einzige Spur menschlichen Lebens ein primitiver Zug war, der es den Glücksjägern gestattete, schneller von New York nach Kalifornien zu gelangen, als sie beim Durchqueren des eigenen Landes gebraucht hätten.

Der Bau der Eisenbahn quer durch Panama Mitte des 19. Jahrhunderts war mit viel Mühsal und unzähligen Todesopfern verbunden. In den Schatten gestellt wurde dies jedoch durch das nächste Großprojekt: Den Bau des Panamakanals, mit dem die Franzosen begannen, den die Amerikaner fertigstellten und der 1903 zur Abspaltung der Provinz von Kolumbien führte. Sarkastisch schildert Altamirano die Rolle seines Vaters, eines Journalisten, der von der Kanalgesellschaft dafür bezahlt wurde, ausschließlich positive Berichte zu schreiben, ungeachtet dessen, dass Tausende Arbeiter an Tropenkrankheiten starben.

Die politischen Entwicklungen im Land kommentiert er mit Hohn und Spott: Die ständigen Bürgerkriege zwischen Konservativen und Liberalen würden die Kolumbianer begleiten "wie ein treuer Hund". Auch die hegemonialen Ansprüche der USA in der Region nimmt er ins Visier. Der erste kolumbianische Botschafter in Washington, der die Verhandlungen über den Panamakanal führte, sei an Erschöpfung gestorben, berichtet Altamirano. Daraufhin habe man den ehemaligen Kriegsminister Concha in die USA geschickt:

Ein Mann fürs Grobe, der die Verhandlungen mit eiserner Willenskraft in die Hand nahm und in wenigen Monaten eisern bezwungen wurde, Opfer strapazierter Nerven. Concha erlitt einen heftigen Zusammenbruch, bevor er nach Bogotá zurückfuhr, und die Hafenbehörden in New York mussten ihn mit einer Zwangsjacke bändigen, während er aus vollem Halse Worte herausschrie, die niemand verstand: Souveränität, Imperium, Kolonialismus. Concha starb bald darauf in seinem Bett in Bogotá, zerrüttet, mit Wahnvorstellungen, immer wieder Verwünschungen in Sprachen ausstoßend, die er nicht beherrschte.

José Altamiranos Bericht strotzt nur so vor Anekdoten, Nebenfiguren und Verwicklungen. Für den Leser stellt die schnelle Abfolge unzähliger Namen, Daten und Orte durchaus eine Herausforderung dar, zumal für den europäischen, der mit der Geografie und Geschichte Kolumbiens, bzw. Panamas kaum vertraut ist. Diese Fülle, die manchmal an Faktenhuberei grenzt, ist vom Autor durchaus beabsichtigt: Vásquez hat keinen historischen Roman im klassischen Sinne geschrieben, der Seriosität suggerieren will.

Er knüpft vielmehr an die Tradition des Abenteuerromans an, der samt seinen Verballhornungen in der spanischsprachigen Welt bekanntlich zu den beliebtesten Genres zählt. Dabei wird das Spielerische und Überbordende besonders geschätzt. Vom Protagonisten wird erwartet, dass er bereit ist, die historische Wahrheit zugunsten einer guten Pointe zu opfern. Der unverbindliche, amüsante Tonfall des Ich-Erzählers, der aus jeder Katastrophe noch einen Funken Abenteuer schlägt, ermüdet allerdings auf die Dauer, gleiches gilt für die ständige Ansprache an die Leser. Wenn sich die Tonlage allerdings plötzlich ändert, entstehen bewegende Momente, so zum Beispiel, als José Altamirano um seine Frau trauert:

Der Schmerz hat keine Geschichte oder liegt vielmehr außerhalb der Geschichte, weil er sein Opfer in einer Parallelwirklichkeit ansiedelt, in der nur er existiert. Der Schmerz kennt keine politischen Lager, der Schmerz ist nicht konservativ, nicht liberal, ist nicht katholisch, föderalistisch, zentralistisch oder freimaurerisch. Der Schmerz löscht alles aus. Nur er existiert, habe ich gesagt, und nur er – ohne Übertreibung gesprochen – existierte in jenen Tagen für mich.

Man kann dem Roman gewisse Längen vorwerfen, manches scheint überkonstruiert, und manche zusätzliche Ebene wäre verzichtbar gewesen. Doch ist die Lektüre insofern lohnend, als "Die geheime Geschichte Costaguanas" auf originelle Weise turbulente welthistorische Ereignisse ins Licht rückt, die weitgehend vergessen sind. Dass José Altamirano schließlich Joseph Conrad trifft und ihm geistigen Diebstahl vorwirft – der Schriftsteller habe sich für seinen Roman "Nostromo" die Geschichte des Kolumbianers zueigen gemacht, ohne ihn zu erwähnen – ist dabei am Ende fast schon unwichtig.

Juan Gabriel Vásquez: Die geheime Geschichte Costaguanas
Roman. Aus dem Spanischen von Susanne Lange
Schöffling Verlag, Frankfurt am Main 2011
335 Seiten, 22,95 Euro.

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