Donnerstag, 14.12.2017
StartseiteLange NachtWelcome, Mr. Barleycorn24.12.2016

Eine Lange Nacht über WhiskeyWelcome, Mr. Barleycorn

Der Whiskey ist die meistverkaufte Spirituose weltweit. Aber das "Wasser des Lebens" hat seine Tücken. Zwar wäre ohne ihn die Literatur um vieles ärmer - so mancher Dichter hätte aber wohl etwas länger gelebt, wenn er ihm nicht so stark zugesprochen hätte. Ein literarisches Whiskey Tasting unter anderem auf den Spuren von T. C. Boyle, Heinrich Böll und Jack London.

Von Rüdiger Heimlich

Ein Whiskey-Glas vor einem Fenster. (imago/Westend61)
Ein Whiskey-Glas vor einem Fenster. (imago/Westend61)

Rüdiger Heimlich über die Faszination des Whiskeys in der Literatur:

"Ein Glas ist fabelhaft", sagt ein schottisches Sprichwort, "zwei sind zu viel, drei sind zu wenig." Kenner geistiger Getränke zelebrieren den Whiskey [Anm. der Redaktion: Uns ist bekannt, dass Whiskey je nach Herkunft unterschiedlich geschrieben werden kann; wir haben uns aber für diese einheitliche Schreibweise entschieden.] wie Fünf-Sterne-Köche ihre Saucen. Mal fruchtig-geschmeidig, mal rauchig-torfig - Geruch und Geschmack sind so vielfältig wie die Terroirs in Schottland, Irland, Tennessee oder Japan.

Doch Vorsicht: Der Whiskey kann mörderisch im Abgang sein. Er schafft Freund- und Feindschaften fürs Leben. Ohne ihn wäre der Wilde Westen nie erobert worden, Ernest Shackleton nicht ins ewige Eis aufgebrochen und Churchill nicht Literaturnobelpreisträger geworden; ohne Whiskey kein sündhaftes Chicago, keine Jazz Clubs in Harlem, keine Detektive in L.A.

Die Lange Nacht begibt sich auf die Spuren bekannter Literaten und Whiskey- Kenner. Und zeigt, warum der Whiskey längst kein Drink mehr nur für harte Männer ist.

Lesen Sie das komplette Manuskript zur Sendung in seiner ungekürzten Vorsendungsfassung hier: Manuskript als PDF / Manuskript als TXT. Die Webbegleitung zu dieser Sendung ergänzt und fokussiert das Thema der Sendung, bietet einen eigenen Zugangsweg zu dem Thema.


Über den Whiskey

Whiskey – ob Scotch, Irish, Bourbon, japanischer Jamazaki oder auch deutscher Whiskey: In den vergangenen zehn Jahren hat das Destillat eine steile Karriere gemacht als ein Getränk für Kenner, für Gentleman und auch für Ladies. Whiskey hat das Aroma der großen weiten Welt. Whiskey hat Geschichte und er kann Geschichten erzählen.

René Zweiacker von der Weinhandlung Kleefisch in Köln-Nippes über die verschiedenen Whiskey-Länder:

Whiskey-Trinker waren vor allem Cowboys, kantige Detektive und coole Stars wie Frank Sinatra oder Humphrey Bogart. Aber das ändert sich: Julia Nourney ist eine der besten Whiskey-Kennerinnen im deutsch-sprachigen Raum, aber auch in Schottland, Irland oder den Vereinigten Staaten eine gefragte Expertin. Wie trinkt man Whiskey?

"Ich schaue mir erst mal die Farbe des Whiskeys an, stelle Vermutungen an, ob er eventuell gefärbt ist oder nicht. Dann rolle ich den Whiskey im Glas und schaue mir die Schlieren-Bildung an. Man sieht ja am Glas immer sehr gut, ob ein Whiskey in sehr dicken, ganz langsamen Nasen runterläuft oder ob er eher in ganz dünnen, sehr schnell laufenden Nasen am Glasrand runterläuft. Ich rieche eigentlich eher vorsichtig am Glas, rechts und links, lass in jedem Nasenloch einen eigenen Eindruck entstehen, weil wir unterschiedliche Gesichtshälften haben und deswegen auch unterschiedlich große Nasenmuscheln haben und aus diesem Grund auch unterschiedliche Aromen wahrnehmen können. Ich bewege den Whiskey absichtlich intensiv im Mund, sodass er wirklich alle Bereiche des Gaumens benetzen kann. Beim ersten Schluck brennt das dann erst Mal ganz ordentlich. Das ist aber ganz normal. Deswegen ist es vielleicht auch ganz gut, erst den zweiten Schluck zu beurteilen und nicht den allerersten. Und dann lass‘ ich den Whiskey am Gaumen stehen, ziehe ein bisschen Luft drüber."

René Zweiacker von der Weinhandlung Kleefisch in Köln-Nippes über seinen Lieblingswhiskey:

Verschiedene Whiskey-Sorten:

  • Scotch: Scotch ist der beliebteste Whiskey weltweit, Nationalgetränk und Exportschlager der Schotten. Das Scotch Whisky Regulation schreibt genau vor, wann ein Scotch ein Scotch ist. So muss gemälzte Gerste verwendet werden, andere Getreidesorten sind manchmal ebenfalls erlaubt. Auch muss er im Eichenfass reifen, mindestens drei Jahre lang. Er wird in zwei Durchläufen gebrannt. Typisch ist das Darren des Korns über Torffeuer
  • Irischer Whiskey: Der irische Whiskey wird in der Regel in drei Durchläufen gebrannt und nicht über Torf gedarrt. Dadurch ist er milder, als der schottische Whiskey. Auch irischer Whiskey wird in Eichenfässern mindestens drei Jahre gelagert. Das Regularium ist der Irish Whiskey Act.
  • Bourbon: Häufigster Bestandteil im amerikanischen Whiskey ist Mais ("Corn"). Im sogenannten Bourbon-Act von 1964 wird für den Bourbon, der eine Untersorte ist, festgelegt, dass sein Anteil mindestens 51 Prozent betragen muss. Und dass er im Virgin-Oak-Fass reifen muss. Weiterhin wird auch Roggen ("Ray"), Gerste ("Barley") und in anderen Sorten auch Weizen ("Wheat") verwendet.

Schottischer Whiskey

Trailer zu "Angel‘s Share – ein Schluck für die Engel" über den schottischen Whiskey auf Youtube:

Eine legendäre Stätte des schottishen Freiheitskampfes ist das Cullodon Moor nördlich von Inverness. Hier unterlagen die schottischen Clans unter Bonny Prince Charlie am 16. April 1746 den Engländern – es war die letzte Schlacht im schottischen Unabhängigkeitskampf.

Theodor Fontane machte im Sommer 1858 auf seiner Reise "Jenseits des Tweed" Halt auf dem Schlachtfeld. Und er erfährt dort einiges über das besondere Verhältnis der Schotten zur Freiheit und zum Whiskey.

"In der Mitte der vierziger Jahre trat in Inverness ein Komitee zusammen, das die Absicht aussprach, auf dem Schlachtfelde ein Culloden-Denkmal zu errichten. Die Idee fand Anklang; ziemlich bedeutende Summen wurden gezeichnet, Pläne eingesandt und Feldsteine in langen Wagenreihen bereits hinausgefahren, um vorweg Baumaterial und Fundament zu haben.

Als die Begeisterung auf ihrer Höhe war, geschah, was in England nur allzu oft geschieht: Sekretär und Kassierer wurden unsichtbar. Jetzt erfolgte ein Umschlag in der Stimmung. Das Volk von Inverness, gleichviel, ob es beigesteuert hatte oder nicht, schickte sich an, wenigstens ein Culloden-Fest an Stelle des Culloden-Denkmals zu haben und zog zu Tausenden auf das Schlachtfeld hinaus. Die ersten Stunden vergingen ohne Exzesse, und einige Redner suchten das Volk für die Idee zu begeistern, aus dem bereits vorhandenen Material eine Steinpyramide aufzuschichten. Man begann auch, aber eh' noch irgendein Resultat gewonnen war, fing der Whisky an, seine Wirkung zu äußern. Der Steinhaufen, der schon dalag, wurde auseinandergerissen; dem Sekretär und Kassierer wurden Hochs gebracht, "weil sie gescheite Leute gewesen seien", die Gräber wurden zu Zech- und Tanzplätzen, und eine von Lärm, Übermut und Whisky berauschte Menge zog endlich wieder in die Stadt zurück." (Theodor Fontane, "Jenseits des Tweed. Bilder und Briefe aus Schottland", Reisebericht 1860)

Manches wird im Verborgenen stattgefunden haben, denn wegen der hohen englischen Whiskey-Steuern wurde viel schwarzgebrannt und geschmuggelt – auch das war eine Form des schottischen Widerstands.

Johannes Soyener beschreibt die Geschichte eines schottischen Clanchefs, der mit seinen Söhnen schwarzbrennt und ständig auf der Hut vor den englischen Whiskyjägern sein muss.

"Kenneth starrte angestrengt auf das farblose Destillat, das im stetigen Fluss der gewundenen, kupfernen Kühlschlange entströmte. Es war ein Augenblick der Anspannung und ein Augenblick der Entscheidung, während sich der Torfrauch über dem Dach von Scoury House mit dem dichten Nebel des Herbstes mischte." (Johannes K. Soyener: "Teeclipper,  Roman, Bastei Lübbe 1998, ISBN: 978-3-404-15695-5)

Die Whiskey-Steuer ist auch heute noch eine beständig sprudelnde Einnahmequelle des britischen Staates. Doch das könnte der Brexit ändern.

"Ich gehe mal davon aus, dass die Schotten, wenn der Brexit wirklich kommt, ein weiteres Mal abstimmen werden, ob sie Teil Großbritanniens bleiben wollen oder nicht. Weil die Schotten wirklich sehr gerne in der EU verbleiben würden, eben nicht nur wegen Öl, Tourismus, sondern eben auch wegen dem Whiskey." (Julia Nourney)

Einbrüche im Whiskey-Handel, Zoll- und Steuerhöhungen – die Schotten fürchten ein Szenario, dass die Iren schon einmal erlebten.

Irischer Whiskey

"Irischer Whiskey war die unumwundene Nummer Eins in der Zeit zwischen 1780 und 1905 ungefähr. Einerseits war das natürlich der Kampf um die Eigenständigkeit in Irland, der hat sicherlich sehr viel Ressourcen gekostet. Und ein ganz wesentlicher Punkt war, dass die Iren durch ihre Selbstständigkeit nicht mehr Mitglied des Commonwealth waren und deswegen natürlich überall Zölle bezahlen mussten, bzw. ihre Kunden Einfuhrzölle bezahlen mussten." (Julia Nourney)

Nur gut, dass die Iren immerhin für sich selber sorgen können, denn einen Schluck Whiskey haben sie auch bitter nötig – bei dem Wetter. Heinrich Böll hat davon im "Irischen Tagebuch" ein Lied gesungen:

"Binnenländertorheit, die Tür zu öffnen, um zu sehen, was draußen los sei. Alles ist los: die Dachpfannen, die Dachrinne, nicht einmal das Mauerwerk ist sehr vertrauenerweckend. Gut ist es, immer Kerzen, die Bibel und ein wenig Whiskey im Hause zu haben, wie Seeleute, die auf Sturm gefasst sind; dazu ein Kartenspiel, Tabak, Stricknadeln und Wolle für die Frauen, denn der Sturm hat viel Atem, der Regen hat viel Wasser, und die Nacht ist lang." (Heinrich Böll: "Betrachtungen über den irischen Regen", Aus: "Irisches Tagebuch", Köln, Kiepenheuer & Witsch 1988, ISBN: 978-346-2019-049)

Heinrich Böll in Irland:
Heinrich Böll hielt sich mehrere Monate in Irland auf und verfasste auf dieser Grundlage einen halbdokumentarischen Reisebericht zunächst für die FAZ und dann später darauf basierend das Buch "Irisches Tagebuch". Es wurde von den Rezensenten vielfältig gelobt. "Das Erlebnis der irischen Zeit, das intensive Erlebnis der Zeit in Irland ist vielleicht das Entscheidende, auch der entscheidende Gehalt dieses Buches", schreibt so zum Beispiel Rolf Becker 1957 im Kölner Stadtanzeiger.

Das Land der Heiligen, der Gelehrten und der Dichter. Bemerkenswert ist der große Beitrag, den die kleine Insel zur Weltliteratur liefert. Und es lässt sich trefflich darüber spekulieren, wie viel Inspiration die Dichtung dem irischen Whiskey verdankt. Dazu gibt es viele Aussagen:

  • William Faulkner: "Die chemische Analyse der sogenannten dichterischen Inspiration ergibt 99 Prozent Whisky und einen Prozent Schweiß."
  • Oscar Wilde: "Ich verstehe nicht, weshalb man soviel Wesen um die Technik des Komödienschreibens macht. Man braucht doch nur die Feder in ein Whisky-Glas zu tauchen."
  • Irisches Sprichwort: "Realität ist ein Zustand, der durch Mangel an Whiskey entsteht."
  • George Bernhard Shaw und Oscar Wilde, James Joyce und Samuel Beckett wussten ein Glas Whiskey zu schätzen. Aber manch ein Dichter, trank auch mehr als ihm gut tat. Brendan Behan war berühmt für seine Sauftouren. Er nannte sich einen "Alkoholiker mit einem Schreibproblem".

So wie Brendan Behan schrieb auch Flann O'Brien bevorzugt in Bars und Schenken. Kein Wunder, dass viele Szenen in Kneipen stattfinden, so auch O'Briens berühmte Schnurre um die "Mollykül-Theorie".

"Seine Schritte führten Mick ins "Metropole" in der wichtigsten Straße von Dublin. Man nannte es weder Kino, Restaurant, Tanzsaal noch Schnapshöhle, obwohl es all diese Wonnen bot. Das Trinken geschah in einer stillen, mild beleuchteten Diele im Souterrain, wo die Tische durch hohe, feststehende Wandschirme aus dunklen Hölzern gegeneinander abgeteilt waren. Es war eine bevorzugte Zuflucht für Gemeindepriester vom Lande, und, obwohl Kellnerinnen bedienten, waren weibliche Gäste ausgeschlossen.

Als im Nachbarabteil eine Bestellung serviert wurde, verdutzte Mick der Dank, den der unsichtbare Gast aussprach, war er doch in Aussage wie Tonfall unverwechselbar: "In Dankbarkeit für diese Flasche, meine liebe Maid, werde ich eine neuntägige Andacht für die Ausgestaltung Ihrer Seele irreziprok zum Heiligen Martin von Tours persönlich abhalten."

Es half alles nichts: Mick musste sein Glas nehmen und in die Nachbarlaube ziehen. Glücklicherweise war Sergeant Fottrell allein. Er erhob sich mit altmodischer Courtoisie und streckte eine Hand aus. "Mir war nach einem stillen Glas, und ich dachte, hier unten würde mich keiner kennen." (Flann O'Brien: "Aus Dalkeys Archiven", Roman. Aus dem Englischen von Harry Rowohlt, Suhrkamp Verlag 1982, ISBN: 10-351-8016-237)

Amerikanischer Whiskey

Trailer (englisch) zu "Wild Bill" (1995) bei Youtube:

Mit den Auswanderern aus Irland und Schottland kam auch der Whiskey nach Amerika. Anfangs mag das ein oder andere Fässchen echter Scotch auf den Trecks gen Westen gerollt sein, aber der Transport war teuer und der Whiskey wurde immer dünner. Deshalb begannen Iren und Schotten bald, ihren eigenen, amerikanischen Whiskey zu brennen.

Tatsache ist: Ohne Whiskey wäre der Wilde Westen wohl kaum so schnell erobert worden. Ohne Whiskey wäre mancher Revolverheld brav in seinem Bett gestorben, auch Wild Bill Hickok. Doch der Whiskey wollte es anders. Pete Dexter hat das Ende von Wild Bill Hickok in seinem Roman "Deadwood" - der Roman bot auch die Vorlage für den Hollywood-Film "Wild Bill" mit Jeff Bridges aus dem Jahr 1995 - beschrieben:

"Bill schob den Gin and Bitters fort. "Lass mich was Neues probieren", sagte er. "Das hier hat sein Aroma verloren." Der Barkeeper schob das Glas einen Meter weiter einem Siedler vor die Nase - inzwischen tranken die halben Badlands Pink Gin – und schenkte Bill einen Whiskey ein.

Der Whiskey schmeckte gesund und vertraut, und Bill wünschte, Charley würde durch die Tür kommen, damit sie zusammen einen trinken konnten. Er wartete, bis der Barkeeper ihm noch einen eingeschenkt hatte, nahm dann die Flasche und ging hinüber zum Tisch, wo Pink Buford, Carl Mann, Charles Rich und der Lotse, Massie, Poker spielten.

Verschiedene Spirituosen in einem Geschäft. (picture alliance / dpa / Bodo Marks)Verschiedene Spirituosen in einem Geschäft. (picture alliance / dpa / Bodo Marks)

Jack McCall kam durch die Hintertür herein und ging an den Tresen. Er nahm sich ein Glas, das vor einem der Reisenden stand, und trank es aus, bevor Harry Sam Young ihn davon abhalten konnte. Der Barkeeper sah den Katzenmann mit eisigem Blick an. "Ein Whiskeydieb ist nirgendwo willkommen", sagte er. "Ein Whiskeydieb wird selbst von Dieben gehasst ..."

Aber in Jack McCalls Augen lag etwas, das Harry Sam Young schon einmal gesehen hatte, und er brach mitten im Satz ab. Jack McCall wandte sich von ihm ab und schob sich durch die Goldgräber und die Huren am Tresen. Er hielt jetzt einen Revolver in der Hand, und jene, die ihn kommen sahen, wichen ihm aus.

Am Ende des Tresens stand der Pokertisch. Bill hatte seine Karten aufgenommen und hielt sie an die Brust. Pink Buford, der ihm gegenüber saß, bemerkte Bills ungewöhnliche Art, die Karten zu halten, und beschloss, zu passen.

Captain Jack Crawford sah den Katzenmann und die Waffe und wich ebenfalls zurück. Jack McCall feuerte in Bills linke Kopfhälfte aus weniger als dreißig Zentimetern Entfernung." (Pete Dexter: "Deadwood", Roman. Aus dem Englischen von Jürgen Bürger und Kathrin Bielfeldt, liebeskind Verlag 2011, ISBN 978-3-935890-82-3)

Zeitgenössisches Porträt des US-amerikanischen Schriftstellers Jack London. (picture-alliance / dpa)Der US-amerikanische Schriftsteller Jack London (1876-1916). (picture-alliance / dpa)

Der Whiskey hat in der Geschichte der Vereinigten Staaten eine heroische Rolle gespielt – im Guten wie im Bösen. Jack London meinte, der Whiskey – John Barleycorn genannt – habe seine Opfer leider meist unter den besten Männern gefunden.

"Gerade die guten Kameraden, die wertvollen, die Burschen mit der Schwäche allzu großer Kraft, die geistreichen, feurigen und von prachtvoller Tollheit entflammten, gerade die verführt und verdirbt er am liebsten." (Jack London:  "König Alkohol", Roman. Aus dem Englischen von Erwin Magnus, Anaconda Verlag 2014, ISBN 978-3-7306-0172-3)

Lesetipp: Lange Nacht über Jack London
Der Alkohol spielte im Leben in seinem Leben eine große, zerstörerischere Rolle; die Lange Nacht über Jack London vom 26.11.2016 beschreibt sein wechselhaftes Leben und seinen steinigen Weg zum erfolgreichen Schriftsteller.

In der amerikanischen Geschichte gab es nur einmal einen Versuch, dem Whiskey den Garaus zu machen – als die Frauen ihm den Kampf ansagten. T. C. Boyle, auch ein Freund des Whiskeys, hat die frühe Phase dieses Feldzuges in einer Kurzgeschichte beschrieben:

"Einen Monat später rumpelte ein Fuhrwerk vom Bahnhof die Warsaw Street entlang, das Doges neue Mahagonitheke aufgeladen hatte. McGurk und ich nahmen uns den Nachmittag frei, um im kühlen Dämmerlicht von Doge's Place zu sitzen und dabei zuzusehen, wie Doge und Cal sie aufstellten und zum ersten Mal wachsten. Wir tranken ein paar Whiskys, und dann erwähnte Doge, er habe gehört, dass Mrs. Mad wieder am Werk sei und die guten Bürger von Wichita austrockne. Cal und ich lachten, aber der arme John nahm es nicht so gut auf, weil Lucy ihn verlassen hatte, der Bewegung beigetreten und mit ihr auf und davon war. Cal schüttelte den Kopf. "Diese Frauen", sagte er, "die kann nichts aufhalten. Als Nächstes wollen sie auch noch das Wahlrecht."" (T. C. Boyle: "John Barleycorn lebt", in: "Tod durch Ertrinken. Erzählungen", Dtv 2011, ISBN 978-3-423-12329-7)

Am 16. Januar 1920, wurde in den USA die Prohibition eingeführt. Mit dem Alkoholverbot wurden die Vereinigten Staaten alles andere als trocken. Im Gegenteil: Es wurde mehr getrunken denn je, allerdings illegal und im Verborgenen. Die Prohibition brachte die Mafia ins Geschäft. Upton Sinclair beschreibt in seinem Roman "Alkohol" den jungen Whiskey-Fahnder Kip, ein überzeugter Abstinenzler, der bei seinem Job allerdings ein großes Problem hat: Um Schwarzhändler zu überführen, muss er testen, ob sie tatsächlich Whiskey ausschenken.

"Kip nahm einen Mundvoll davon und versuchte, es zu schlucken, – da geschah etwas Merkwürdiges. Es war, als ob der Alkohol in seiner Kehle explodiert wäre. Er spürte einen Schlag gegen die obere Mundpame; Nase, Augen und Ohren tränten, ein schwerer Hustenanfall packte ihn; der größte Teil des Mundinhalts lag auf dem Boden der Hauskneipe.

Abe packte seinen Freund, klopfte ihm auf den Rücken und versuchte, sein Gleichgewicht wiederherzustellen. Um die Situation zu retten, rief er aus: "Teufel noch einmal! Was für ein Zeug verkauft ihr uns denn da, Junge!" (Upton Sinclair: "Alkohol", Roman, Aus dem Amerikanischen von Elias Canetti, Malik-Verlag 1952)

Landesweite Statistiken zeigten, dass von den 190 Millionen Litern Whisky, die zu Beginn der Prohibition in Lagerhallen der Regierung aufbewahrt worden waren, am Ende der Prohibition im Jahr 1933 zwei Drittel fehlten. Die landesweite Mordrate stieg nach der Einführung der Prohibition um fast ein Drittel an. Bestechung war an der Tagesordnung.

Trailer (englisch) zum Malteser Falken mit Humphrey Bogart (1941) auf Youtube:

In Zeiten krimineller Umtriebe hatte freilich auch der amerikanische Krimi eine Hochzeit: Dashiell Hammetts Detektive führen ihre Ermittlungsgespräche bevorzugt bei einem doppelten Scotch, fahren mit dem Wagen die halbe Nacht durch die Gegend mit einer Kanone im Handschuhfach. Wenn Sie reden, dann immer durch geschlossene Zähne und in kurzen Sätzen, so wie im Malteser Falken mit Humphrey Bogart als Detektiv Sam Spade.

Geschichten rund um den Whiskey

  • Max Frisch erzählt die Geschichte des Mannes ohne Geschichte in seinem Roman "Mein Name sei Gantenbein": "Ich sitze in einer Bar, Nachmittag, daher allein mit dem Barmann, der mir sein Leben erzählt. Ein trefflicher Erzähler! Ich warte auf jemanden. Während er die Gläser spült, sagt er, "So war das!" Ich trinke. Eine wahre Geschichte also. "Ich glaub's!" sage ich. Er trocknet die gespülten Gläser. "Ja", sagt er noch einmal, "so war das!" Ich trinke und beneide ihn – nicht um seine russische Gefangenschaft, aber um sein zweifelloses Verhältnis zu seiner Geschichte ..." (Max Frisch: "Mein Name sei Gantenbein", Roman, Fischer Verlag, ISBN: 3-436-00988)
  • Andrzej Szczypiorski beschreibt einen Mann, der sich weigert, jemals wieder Whiskey zu trinken. Die Geschichte spielt im völlig zerstörten Warschau kurz nach Kriegsende: "Nein, ich trinke keinen Whiskey. Durchaus möglich, dass er ein sehr edles Getränk ist, aber er hat mich schon einmal verraten. Unser Wodka nie. Der Wodka hat mir nie Unrecht getan. Er war treu. Aber diese rothaarige angelsächsische Hure hat mir zwei Jahre meines Lebens gestohlen ..." (Andrej Szczypioski: "Amerikanischer Whiskey”, In: "Amerikanischer Whiskey. Erzählungen.”, Aus dem Polnischen von Klaus Staemmler, Diogenes Verlag 1989, ISBN: 3-257018266)
  • In den 60er- und 70er-Jahren war Whiskey gesellschaftsfähig, er schuf überhaupt erst Gesellschaft. Oft war er sogar das Entrée-Billet, Mitglied in einer Kneipengesellschaft zu werden, die wie ein zweites Zuhause ist. J. R. Moehringer hat eine solche Initiation in seinem Roman "Tender Bar” beschrieben: "Für Steve war die Bar an der Ecke der egalitärste aller amerikanischen Sammelpunkte, und er wusste, Amerikaner verehrten seit jeher ihre Bars, Saloons, Tavernen und "Kneipen" – eines seiner Lieblingsworte. Er wusste, wie wichtig Amerikanern ihre Bars waren und dass sie hingingen, weil sie dort von Glanz bis Schutz alles bekamen, vor allem aber, weil sie dort die Geißel des modernen Lebens loswurden – die Einsamkeit." (J. R. Moehringer: "Tender Bar", Roman, S. Fischer 2007, ISBN: 978-3-10-049602-7)
  • Der Whiskey hat so manchen Dichter ruiniert, und aus manch ruinierter Existenz einen guten Dichter gemacht. Charles Bukowski, das Enfant terrible unter den amerikanischen Underground-Schriftstellern, schrieb stark autobiografisch und über Menschen auf der Schattenseite des "American Way of Life": Kleinkriminelle, Obdachlose, Prostituierte – und über Alkohol in jedweder Form, bevorzugt aber über Whiskey: "Ich schloss die Tür ab, ging mit Flasche und einem Glas zur Couch, schraubte den Verschluss auf und goss mir einen strammen Drink ein." (Charles Bukowski: "Ende der Durchsage”, Gedichte. Aus dem amerikanischen Englisch von Carl Weissner, Kiepenheuer & Witsch 2012, ISBN 978-3-462-04409-6)

Produktion dieser Langen Nacht:
Autor: Rüdiger Heimlich, Redaktion: Dr. Monika Künzel, Regie: Claudia Mützelfeldt, Sprecher: Josef Tratnik (Erzähler), Gunter Schoß (Zitator I), Bernt Hahn (Zitator II), Thomas Anzenhofer (Zitator III) Webvideo- und Webproduktion: Jörg Stroisch

Über den Autor Dr. Rüdiger Heimlich:
Rüdiger Heimlich geboren 1959, studierte in Heidelberg, Halifax und Kingston, Kanada, Literaturwissenschaft. Beim Kölner Stadtanzeiger ist er im Politikressort beschäftigt, arbeitet seit 1990 aber auch als freier Journalist für verschiedene Medien, unter anderem den Deutschlandfunk. 2012 wurde er mit dem Kölner Medienpreis ausgezeichnet.

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