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Eine offene Wunde im kollektiven Bewusstsein Argentiniens

Neue politische Literatur zum Falklandkrieg

Von Victoria Eglau

Ein britischer Soldat bei der Sicherung eines von Argentinien aufgegebenen Waffen- und Munitionslagers auf den Falklandinseln (1982)
Ein britischer Soldat bei der Sicherung eines von Argentinien aufgegebenen Waffen- und Munitionslagers auf den Falklandinseln (1982) (picture alliance / dpa / PA)

Der verlorene Krieg um die Falklandinseln ist bis heute eine offene Wunde im kollektiven Bewusstsein Argentiniens. Dies zeigt sich auch daran, dass noch drei Jahrzehnte später eine Fülle neuer Literatur zu dem desaströsen militärischen Abenteuer auf den Markt kommt.

Es gibt in Argentinien eine Menge Literatur über die Malwinen, weil dies ein besonderes Jahr ist – so eine Verlagssprecherin vor kurzem bei der Buchmesse von Buenos Aires. Am 2. April vor 30 Jahren landeten von Argentiniens Militärdiktatur entsandte Truppen auf den Falklandinseln, am 14. Juni ergaben sie sich den weit überlegenen britischen Streitkräften. Der verlorene Krieg um das Territorium im Südatlantik, auf das Argentinien seit jeher Anspruch erhebt, ist bis heute eine offene Wunde im kollektiven Bewusstsein des südamerikanischen Landes.

Die Diktatur sah sich 1982 wegen ihrer Wirtschaftspolitik und ihrer Menschenrechtsverletzungen immer mehr in Frage gestellt. In dieser Situation setzte sie sich an die Spitze eines Anspruchs, der von der großen Mehrheit des Volkes unterstützt wurde.

... schreibt der Historiker Federico Lorenz in der aktualisierten Neuauflage seines Buches Las Guerras por las Malvinas – "Die Kriege um die Malwinen". Dass die Inselgruppe argentinisch sei und Großbritannien sie 1833 widerrechtlich in Besitz genommen habe, lernt jeder Argentinier schon als Kind in der Schule.

Die Militäroffensive zur Rückeroberung der Falklandinseln im April 1982 wurde von einer riesigen Menschenmenge auf der Plaza de Mayo in Buenos Aires frenetisch bejubelt. Der Anspruch auf die Inseln und der argentinische Nationalismus seien untrennbar miteinander verbunden, analysiert der Publizist und Politiker Fernando Iglesias in seinem neuen Buch "Die Malwinen-Frage – Kritik des argentinischen Nationalismus":

Die Erhebung des Themas Malwinen zur nationalen Sache – zur Causa Malvinas – ist der konzeptuelle Kern des argentinischen Nationalismus. Sie verteidigt und verherrlicht Werte und Verhaltensweisen, die die Überwindung dieses Nationalismus unmöglich machen.

Die Niederlage im Falklandkrieg, in dem 649 argentinische Soldaten starben, brachte 1983 die Militärregierung zu Fall – das Land kehrte zur Demokratie zurück. Kaum ein Argentinier bestreitet heute, dass der Krieg ein verheerender Fehler war. Auch, weil er diplomatische Verhandlungen mit Großbritannien über die Souveränitätsfrage, die die amtierende Regierung von Präsidentin Cristina Kirchner vehement fordert, bis auf weiteres unmöglich gemacht hat. Dass drei Jahrzehnte nach dem desaströsen militärischen Abenteuer so viel neue Literatur auf dem Markt ist, zeigt, dass die Argentinier den Falklandkrieg noch längst nicht verarbeitet haben. Egal, ob es um militärische, politische, historische oder menschliche Aspekte geht – jedes Buch findet seine Leser.

Eine Veröffentlichung, die derzeit besonders viel Aufmerksamkeit erregt, ist Lágrimas de Hielo – zu Deutsch "Eistränen" - von Natasha Niebieskikwiat. Die Journalistin prangert darin brutale Misshandlungen von jungen Soldaten durch ihre Vorgesetzten an.

"In den meisten Fällen wurde der Soldat mit Händen und Füßen an vier Pfählen festgebunden. In dieser Position ließ man ihn stundenlang auf der Erde liegen, dünn bekleidet und bei Minusgraden, während in der Nähe Bomben fielen. Das war die Strafe für einen Disziplinverstoß, der in der Regel darin bestand, dass sich die unterernährten Soldaten Lebensmittel besorgt hatten. Eine weitere Folter war das Begraben bei lebendigem Leib. Stundenlang musste der Bestrafte so verharren – bis zum Hals in feuchter Erde. Verbreitet waren außerdem Prügel und das Simulieren von Erschießungen."

Erst vor wenigen Jahren haben die Opfer angefangen, über die erlittenen Erniedrigungen und Foltermaßnahmen zu sprechen. Die Aussagen, die Natasha Niebieskikwiat in zahlreichen Interviews mit argentinischen Falkland-Veteranen aufgezeichnet hat, sind erschütternd. Sie bewegen die Argentinier – viele Medien haben das Thema aufgegriffen. Niebieskikwiats Buch macht deutlich, dass der Feind nicht nur die britischen Truppen, der chronische Hunger und die unzureichende militärische Ausrüstung waren, sondern auch die eigenen Vorgesetzten.

"Die repressiven Praktiken der Diktatur und des Staatsterrorismus wurden auf die Soldaten, die auf den Inseln kämpften, ausgeweitet. Die Misshandlungen entsprachen der damaligen Kultur des argentinischen Militärs. Viele der sogenannten Helden des Kriegs um die Malwinen hatten sich zuvor der Ermordung und des Verschwindenlassens von Menschen schuldig gemacht."

Vielleicht könnte die eindrucksvolle Dokumentation Lágrimas de Hielo – "Eistränen"- dazu beitragen, dass die Urheber der Menschenrechtsverletzungen in Argentiniens Streitkräften eines Tages vor Gericht gestellt werden. Mehr als hundert Veteranen haben Anzeige erstattet, und es gibt Bemühungen innerhalb der Justiz, die Misshandlungen – gegen den Widerstand der Militärs – als Verbrechen gegen die Menschlichkeit einzustufen, womit sie unverjährbar wären.

KURSIV International
Natasha Niebieskikwiat: Lágrimas de Hielo – Torturas y violaciones a los derechos humanos en la guerra de Malvinas.
Grupo Editorial Norma,
296 Seiten, ca. 16 Euro
ISBN: 978-9-875-45319-7

Fernando A. Iglesias: La cuestión Malvinas – Crítica del nacionalismo argentino
Editorial Aguilar
207 Seiten, ca. 9 Euro

Federico Lorenz: Las Guerras por Malvinas. 1982 – 2012
Editorial Edhasa
396 Seiten, ca. 56 Euro
ISBN: 978-9-509-00956-1

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