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StartseiteForschung aktuellEine Tütentoilette für die Slums03.09.2012

Eine Tütentoilette für die Slums

Aus der Sendereihe "Die WC-Verbesserer"

Als der schwedische Städteplaner Anders Wilhelmson die Slums in Indien besuchte, schilderten ihm die Bewohner ihr größtes Problem: fehlende Sanitäranlagen. Wilhelmson nahm diese Klage ernst und erfand eine so simple wie saubere Lösung: das Tütenklo.

Von Lucian Haas

Richtige Toiletten gibt es in sogenannten Slums in der Regel nicht.  (AP)
Richtige Toiletten gibt es in sogenannten Slums in der Regel nicht. (AP)

Rund um viele Städte der Entwicklungsländer wuchern die Slumgebiete. Es sind Orte mit extremer Armut und extrem schlechten hygienischen Verhältnissen. Denn Toiletten gibt es dort in der Regel nicht. Den Menschen bleibt oft nichts anderes übrig, als ihre Fäkalien offen in die Gossen zu entsorgen. Dort werden sie zu einem Herd gefährlicher Infektionen wie Typhus, Cholera oder Bakterienruhr. Saubere Toiletten wären in solchen Regionen ein Segen, doch in der Praxis ist das schwer zu realisieren.

"Zu den Problemen gehört als erstes der Platzmangel. Selbst wenn man wollte, fehlt in den Slums der Raum, um überhaupt Toiletten zu errichten. Außerdem würden die Bewohner nicht in deren Bau investieren. Sie leben dort ja informell." 

Camilla Wirseen ist Projektleiterin bei Peepoople. Das junge Unternehmen aus Schweden hat sich auf die Fahnen geschrieben, ein so simples wie hygienisches Sanitärsystem für die Ärmsten der Armen zu entwickeln und auf den Markt zu bringen. Die Lösung heißt: Peepoo – was man umgangssprachlich und mit Verlaub mit "Pisskack" übersetzen könnte.

"Man nutzt es, man schließt es, und dann ist es wie weg. Da ist kein Geruch, und alle gefährlichen Keime werden auch noch zerstört."

Das Peepoo ist eine Tüte. Allerdings keine einfache Plastiktüte, sondern ein wohl durchdachtes System: Jede Tüte ist doppelt, das heißt, sie hat ein innenliegendes Futter, das sie stabiler macht. Benutzt wird sie nur einmal. Für den Toilettengang wird das Peepoo über einen Eimer gespannt. Danach wird die innere Tüte zugedreht und die äußere sauber und dicht mit einem Knoten verschlossen. Da all das aus einem kompostierbaren Spezial-Biokunststoff besteht, kann ein benutztes Peepoo am Ende als Dünger auf einem Feld entsorgt werden. Und das angeblich absolut hygienisch.

"Die größte Herausforderung bestand darin, einen Weg zu finden, um all die Krankheitserreger, Würmer, Cholera-Bakterien und was noch so gefährlich ist in den Fäkalien abzutöten."

Schwedische Forscher der Universität von Uppsala fanden die Lösung: Die Peepoo-Tüten sind innen mit Harnstoff beschichtet. In Kontakt mit Urin oder Kot, wird ein Teil des Harnstoffs in Ammoniak umgewandelt. Es wirkt als Zellgift, das sämtliche Mikroorganismen unschädlich macht. Studien belegen: In den warmen Temperaturen der Tropen ist der Peepoo-Inhalt binnen einer Woche sterilisiert, in kühleren Zonen nach etwa drei Wochen. Allerdings ist nicht vorgesehen, dass die Slumbewohner am Ende zwangsweise ihre kleinen Gemüsegärten mit Hunderten von Kompost-Tütenklos überdecken. Zur Peepoo-Idee gehört auch ein koordiniertes Sammelsystem mit einem Tütenpfand. Wie das funktionieren kann, wird derzeit in Kibera erprobt, einem großen Slum nahe der kenianischen Hauptstadt Nairobi.


"Dort verkaufen wir die Peepoos über Mikrofinanz-Geschäftsfrauen. Und dann gibt es Sammelstellen, wo wir die vollen Tüten zurückkaufen, denn sie haben ja auch einen Düngewert. Wir verkaufen also eine Tüte für umgerechnet 3 Cent. Und wenn die Nutzer sie zurückbringen, bekommen sie einen Cent zurück."

Nach Angaben von Camilla Wirseen ist die Akzeptanz der Tütenklos vor Ort hoch. Allerdings deckt der Verkauf der Peepoos noch nicht die Kosten. Die Tüten werden bisher noch in vergleichsweise teurer Handarbeit hergestellt. Ende des Jahres wird Peepoople eine erste Fabrik in Betrieb nehmen, mit einer täglichen Kapazität von einer halben Million Peepoos. Zudem soll ein Verfahren entwickelt werden, um aus den sammelkompostierten Klotüten einen handelbaren Volldünger herzustellen. Im großen Maßstab realisiert, könnte Peepoople am Ende mit den Tütenklos für die Armen sogar Profit abwerfen.

"Der Markt ist im Grunde riesig. 2,6 Milliarden Menschen haben heute keine Toiletten. Allein eine Milliarde Menschen leben in städtischen Slums. Und diese Zahl wird in den nächsten Jahren noch stark zunehmen."

Zudem hat sich Peepoople einige Großabnehmer gesichert, darunter das Internationale Rote Kreuz und das UN-Flüchtlingshilfswerk. Sie wollen künftig Peepoo-Tüten in Katastrophengebieten und Flüchtlingscamps kostenlos verteilen. Logistisch ist das die schnellste und einfachste Lösung, um dort die hygienischen Verhältnisse zu verbessern.

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