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StartseiteEuropa heuteEine Wunde, die nicht heilen will04.09.2013

Eine Wunde, die nicht heilen will

Das SS-Massaker von Oradour spaltet die Regionen Limousin und Elsass bis heute

Robert Hébras ist einer der wenigen Überlebenden des Massakers von Oradour, bei dem eine SS-Panzerdivision am 10. Juni 1944 Hunderte Männer, Frauen und Kinder ermordete. Der Mann, der sich um die Aussöhnung mit Deutschland aktiv verdient macht, ist nun in die Mühlen der Justiz in Colmar geraten.

Von Ursula Welter

Ein Teil des Dorfes Oradour, der nach dem Massaker durch die SS als Mahnmal nicht wieder aufgebaut wurde. (picture alliance / dpa / Lachenaud Pascal)
Ein Teil des Dorfes Oradour, der nach dem Massaker durch die SS als Mahnmal nicht wieder aufgebaut wurde. (picture alliance / dpa / Lachenaud Pascal)

"Damit das zwischen uns klar ist, ich möchte nicht, dass diese juristische Affäre verbunden wird mit dem Massaker von Oradour. Das sind zwei verschiedene Dinge!"

Die Historikerin Bernadette Malinvaud ist entschieden. Ein Interview nur, wenn das klargestellt ist.

Oradour, die Ermordung von 642 Männern, Frauen, Kindern, durch die Waffen-SS, dieses Massaker, stehe auf einem anderen Blatt. Und der Streit, der sich zwischen den französischen Regionen Elsass und Limousin nach dem barbarischen Morden am 10. Juni 1944 immer wieder entzündet hat, relativiere nichts von der Schuld der Nazis.

"Man darf nicht alles vermengen", "

betont die Historikerin also.

Bernadette Malinvaud hat vor Kurzem einen Unterstützerkreis für einen der Überlebenden des Massakers ins Leben gerufen. Robert Hébras, der schwer verletzt mit dem Leben davon kam, weil er unter den Leichnamen anderer begraben wurde. 642 Menschen starben damals, unter den Opfern auch Elsässer.

" "Es gab unter den Opfern Menschen, die aus dem Elsass evakuiert worden waren", "

erklärt Stéphanie Boutaud vom Gedenkzentrum in Oradour, Elsässer, die in dem friedlichen Dörfchen im Limousin auf Sicherheit vor den deutschen Besatzern gehofft hatten.

Aber erst vor wenigen Jahren wurde auf dem Friedhof des Ruinendorfes, das bis heute an das Massaker erinnert, eine Gedenkplatte auch für diese Opfer angebracht. Das Zögern deutet auf einen alten Streit hin. Zwischen den Regionen Limousin und Elsass.

Denn zur SS-Panzerdivision "Das Reich", die in Oradour mordete, hatten ebenfalls junge Elsässer gehört, einer freiwillig, die übrigen zwangsrekrutiert.

Als den Tätern von Oradour 1953 in Bordeaux der Prozess gemacht wird, sitzen zwar nicht die Befehlshaber auf der Bank, die sind entweder gefallen oder werden von Deutschland nicht ausgeliefert, aber 22 Männer der Einheit, die das Massaker verübte. Acht Deutsche, vierzehn Elsässer:

" "Es wurde kein Unterschied zwischen beiden gemacht: Die Malgré-nous, die zwangsrekrutierten Elsässer, saßen in derselben Anklagebox wie die deutschen Mitglieder der Waffen-SS."

Ein Schock, eine Ungerechtigkeit aus Sicht der Region Elsass. Erst recht, als in den frühen Morgenstunden des 13 Februar 1953 in Bordeaux die Urteile gesprochen wurden: Zwei Todesurteile, Gefängnisstrafen zwischen fünf und zwölf Jahren.

"Es gab viele Demonstrationen im Elsass."

Bürgermeister im Elsass rufen zum Streik auf, nationale Gedenkstätten werden mit schwarzen Hüllen verhängt, Bischöfe, Pfarrer fordern Revision, Abgeordnete protestieren. Der Aufruhr ist gewaltig.

Unter dem Druck der wirtschaftlich starken Region verabschiedet die französische Nationalversammlung in Paris wenige Tage später ein Amnestiegesetz - zur "nationalen Aussöhnung" wie es heißt. Die Verurteilten werden umgehend entlassen. Diesmal trägt das Limousin Trauer. Von "Verrat der Opfer von Oradour durch den Staat" ist die Rede. Die Namen der verantwortlichen Parlamentarier werden an die Tore des Ruinendorfes geschlagen.

"Von 1953 bis in die 60er-Jahre hingen diese Listen am Eingang."

Die Familien der Opfer weigern sich außerdem, die sterblichen Überreste ihrer Angehörigen dem staatlichen Mausoleum zu überlassen, sie errichten ihre eigene Gedenkstätte.

Und bis heute ist die Wunde offen. Wie der Fall Robert Hébras zeigt, für den sich Historiker wie Bernadette Malinvaud gerade starkmachen. In wenigen Tagen wird der Oberste Gerichtshof Frankreichs entscheiden müssen, ob der Überlebende des Massakers weiter als glaubhafter Zeuge gelten darf.

Ein Gericht in Colmar hatte ihm diesen Status aberkannt, weil er in einem seiner Bücher von den "sogenannten" Zwangsrekrutierten des Elsass gesprochen hatte.

"Man hat den Eindruck, dass die Richter sich das Recht herausnehmen, die Historie zu schreiben, das ist nicht ihre Aufgabe."

Der Unterstützerkreis Robert Hébras hat inzwischen weit über das Limousin hinaus seine Anhänger gefunden:

"Unsere Aktion hat nur ein Ziel, die Ehre und Würde dieses Mannes, der sich als Überlebender von Oradour für die Aussöhnung einsetzt, wieder herzustellen."

Auf kommunaler Ebene und auch durch die wenigen Überlebenden des Massakers, wie Robert Hébras, ist immer wieder eine Annäherung zwischen Limousin und Elsass versucht worden. Nur teilweise von Erfolg gekrönt.

Im Gedenkzentrum von Oradour zuckt Stéphanie Boutaud mit den Schultern.

"Es scheint beinah seltsam", " sagt sie, ""aber fast ist die Aussöhnung mit Deutschland leichter als die zwischen Elsass und Limousin."

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