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StartseiteUmwelt und Verbraucher"Einen Fall wie mit den spanischen Gurken möchte man natürlich vermeiden"06.06.2011

"Einen Fall wie mit den spanischen Gurken möchte man natürlich vermeiden"

Wissenschaftsredakteur zur neuen Spur bei EHEC

Sind Sojasprossen die Quelle des EHEC-Erregers? Solange das Ergebnis des Gentests noch ausstehe, "sollte man natürlich die Spur genauso genießen wie die Sprossen: mit Vorsicht", sagt Wissenschaftsjournalist Arndt Reuning.

Arndt Reuning im Gespräch mit Theo Geers

Sojasprossen stehen im Verdacht, den EHEC-Erreger zu verbreiten (picture alliance / dpa/ Julian Stratenschulte)
Sojasprossen stehen im Verdacht, den EHEC-Erreger zu verbreiten (picture alliance / dpa/ Julian Stratenschulte)

Theo Geers: 21 Tote bislang, allein diese beklemmende Zahl zeigt: Mit dem EHEC-Erreger ist nicht zu spaßen. Und bei der fieberhaften Suche nach der Quelle blickt seit gestern alles nach Hannover, denn seit gestern gibt es eine neue heiße Spur. Danach soll der EHEC-Erreger durch Sprossen verbreitet worden sein, die aus einem Gartenbaubetrieb im Landkreis Uelzen in der Lüneburger Heide stammen. Wohl gemerkt soll, denn erst heute Mittag wird es Ergebnisse geben, noch werden die Proben der Keimlinge untersucht.
Bei mir im Studio ist jetzt mein Kollege Arndt Reuning aus der Wissenschaftsredaktion. Herr Reuning, wie heiß ist denn diese Spur wirklich?

Arndt Reuning: Es gibt einige starke Indizien, die darauf hinweisen, dass dort tatsächlich der Ursprung des Ausbruchs liegen könnte. Zum einen eben die Tatsache, dass diese Sprossen zu bestimmten Krankheitsfällen zurückverfolgt werden können, und außerdem gibt es dort eine Mitarbeiterin, die ist an einer EHEC-Infektion erkrankt. Es könnte also sein, dass sie sich entweder dort infiziert hat, oder aber dass sie selbst die Überträgerin gewesen ist. Allerdings eine genetische Untersuchung steht, wie Sie gesagt haben, noch aus, Ergebnisse sind für heute Nachmittag erwartet und das wäre dann erst der abschließende Beweis. Und solange das Ergebnis des Gentests noch aussteht, sollte man natürlich die Spur genauso genießen wie die Sprossen: mit Vorsicht.

Geers: Das heißt, wir wissen auch noch nicht genau, ob dieser Erreger, den wir ja alle suchen, auf diesen Sprossen draufklebte, um es mal etwas laienhaft auszudrücken. Wie ist man denn auf die Spur überhaupt gekommen?

Reuning: Eigentlich ganz klassisch mit Detektivarbeit. Man hat geschaut, was haben die Patienten gegessen, an welchen Orten haben sie gegessen, und dann hat man einfach eine Schnittmenge gebildet. Dann musste man eben zurückverfolgen, woher sind denn diese Sprossen oder was auch immer geliefert worden.

Geers: Das heißt, man hat zum Beispiel auch in diesem Lübecker Restaurant geprüft, das ja zeitweilig unter Verdacht stand, dass es daher stammen könnte?

Reuning: Dort gab es ja eine Häufung von Fällen, also wird man das ganz besonders stark unter die Lupe genommen haben.

Geers: Noch mal zurück zu den Sprossen, Herr Reuning. Ist es denn generell ungewöhnlich, dass Sprossen, also gekeimte Mungo oder Azukibohnen oder andere Keimlinge, den EHEC-Erreger tragen können?

Reuning: Nein, das ist immer mal wieder vorgekommen. Einen großen Ausbruch hat es zum Beispiel in Japan gegeben im Jahre 1996. Da waren es Rettigsprossen, die zu mehr als 10.000 Krankheitsfällen von EHEC geführt hatten. Und auch hier bei uns kommt es immer mal wieder vor, nicht so häufig wie Lebensmittelinfektionen bei Fleisch, aber die Untersuchungen zeigen immer mal wieder, es gibt Fälle, wo zum Beispiel Listerien gefunden werden, wo Salmonellen gefunden werden, oder eben auch Kolibakterien. Das liegt zum einen daran, dass die Samen, zum Beispiel eben von Bohnen, bei ungefähr 40 Grad keimen. Sie werden dann mit Wasser besprüht, und das sind natürlich Bedingungen, die Bakterien lieben. Das heißt, sie können einfach sehr gut dort wachsen. Dann werden die Keime abgeschnitten und an dieser Schnittfläche tritt Zellsaft aus, und das ist ein Nährboden für Bakterien. Das ist also ein Einfallstor für diese Bakterien auf die Sprossen.
Außerdem hat es auch damit zu tun, dass die Sprossen dann verpackt werden in Plastiktüten, in Cellophan oder so irgendwas, und das ist natürlich wie ein kleines Treibhaus. Da können die Bakterien auch wieder besonders gut gedeihen.

Geers: Nun sind Sprossen auf der anderen Seite sehr gesund, Herr Reuning. Ihr Vitamingehalt ist ja im Vergleich zu anderer Rohkost vergleichsweise hoch, deshalb ist es ja auch so ein beliebtes Gemüse. Wie soll man denn generell mit Sprossen in der Küche umgehen?

Reuning: Viele Gesundheitsbehörden warnen davor, die Sprossen roh zu verzehren. Besonders Senioren, Kinder, Schwangere, geschwächte Menschen sollten das nicht tun. Man kann sie natürlich zum Kochen verwenden und dabei werden ja auch nicht alle Vitamine und alle Eiweißstoffe komplett zerstört. Man kann die Sprossen natürlich auch zu Hause ziehen, dann weiß man ganz genau, dass sie frisch sind, dann hat man eben nicht mehr dieses Problem mit der Schnittfläche. Am besten natürlich dann in Watte oder auf einem Fließstoff, denn auch die Erde, die man eventuell benutzt, könnte ja wieder kontaminiert sein.

Geers: Das bedeutet also, generell schon Vorsicht bei Sprossen. Aber wie gesagt, wir wissen noch nichts Genaues. Genaue Ergebnisse wird es wahrscheinlich wann geben?

Reuning: Heute Nachmittag. Am frühen Nachmittag möchte das Landwirtschaftsministerium in Niedersachsen die Ergebnisse des Gentests bekannt geben, und dann erst wissen wir ganz genau: Haben wir es mit EHEC zu tun und haben wir es mit EHEC O104 zu tun. Und noch so einen Fall wie mit den spanischen Gurken möchte man natürlich vermeiden.

Geers: Danke schön! – Das war Arndt Reuning mit dem, was wir derzeit wissen zum Thema EHEC-Erreger.

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