Sprechstunde / Archiv /

Einsame Abhängigkeit

Sucht im Alter

Von Michael Engel

Sucht und Abhängigkeit bei alten Menschen sind ein zunehmendes Problem.
Sucht und Abhängigkeit bei alten Menschen sind ein zunehmendes Problem. (picture alliance / dpa / Maurizio Gambarini)

Bundesweit haben nach Schätzungen der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen rund 400.000 ältere Menschen ein Alkoholproblem. Ein bis zwei Millionen sind medikamentenabhängig. Die therapeutischen Angebote sind vielfältig und die Heilungschancen gut.

Anonyme Alkoholikerin (72): "Mein Mann ist vor vier Jahren vor meinen Augen vom Balkon gestürzt und war sofort tot. Da habe ich es wirklich geschafft, mal an einem einen Tag eine Flasche Weinbrand zu trinken. Na ja, und wenn ich dann morgens wach wurde, dann habe ich mir die nächste Flasche geholt und habe die auch wieder alle gemacht."

Trauer, Krankheit, Armut und Vereinsamung sind die Hauptgründe für eine Sucht im Alter, sagt Lennart Westermann von der Paritätischen Gesellschaft für Sozialtherapie und Pädagogik – STEP in Hannover. STEP berät Betroffene, aber auch Angehörige:

"Die Frage ist ja immer: Wie erkennen ich das? Auch Angehörige wollen wissen, wie erkennen ich, ob meine Mutter jetzt ein Sucht entwickelt oder ein kritisches Konsumverhalten an den Tag legt. Es kann zum Beispiel sein, dass Hobbys aufgegeben werden. Oder dass eine ältere Person anfängt häufiger zu stürzen. Oder dass Gedächtnislücken auftreten oder dass die Sprache verwaschen wird."

In jedem Fall sollten Kinder oder Enkel ein Gespräch suchen. Denn sie sind häufig die Ersten, die den Betroffenen sagen können, dass ein Handlungsbedarf besteht.

Anonymer Alkoholiker (63): "Ich hatte versucht, ohne Medikamente einfach den Alkohol abzusetzen. Habe gesagt, das schaffst Du. Du kommst durch. Und dann bin ich umgefallen."

Beim Alkohol treten die Warnsignale offener zutage, sagt Lennart Westermann. Während die Männer durchweg zur Flasche greifen, entwickeln die Frauen häufiger eine Medikamentensucht:

"Generell kommt dazu, dass Ärzte eben auch Frauen häufiger Medikamente verschreiben. Besonders im Alter. Deswegen haben wir diesen Effekt, dass im Alter generell auch mehr Medikamente verschrieben werden. Ganz besonders Beruhigungsmedikamente oder auch stimmungsaufhellende Medikamente, also alles Psychopharmaka, die tatsächlich das seelische Befinden steuern."

In Deutschland gibt es über 1300 Psychosoziale Beratungsstellen, Sucht- bzw. Drogenberatungsstellen sowie Beratungsstellen für Alkohol- und Medikamentenabhängige. Die Angebote sind kostenlos. Außerdem unterliegen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Schweigepflicht. Adressen nennt u.a. das Info-Telefon der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.

"Ein Familienangehöriger, der zum Beispiel wissen will, wie soll er sich verhalten, unsicher ist bei der Einschätzung, was ist mit meinem Vater, was ist mit meiner Oma los, jeder kann kommen und sagen: Wie verhalte ich mich oder sehe ich das richtig, was soll ich tun' In dem Moment, da er losgeht, verändert sich schon das System. Denn auch das hat eine Auswirkung auf denjenigen, der eventuell direkt betroffen ist."

Abhängige Seniorinnen und Senioren, die in Pflegeheimen leben, werden allerdings eher selten gemeldet, sagt Lennart Westermann von der STEP Hannover. Er würde sich wünschen, dass auch in den Alten- und Pflegeheimen offensiver mit dem Thema umgegangen wird. 0.15

Anonymer Alkoholiker (65): "Ich habe vorher natürlich immer etwas getrunken. Bei Feiern oder beim Kegeln. Wie sich das für einen Mann gehört. Und leider habe ich nicht gemerkt, dass der Alkohol die Macht über mich gewonnen hat."

Die therapeutischen Angebote sind vielfältig: Gespräche, einzeln oder in der Gruppe mit anderen Betroffenen, können helfen. Es gibt aber auch ambulante, medizinisch orientierte Therapien und reguläre Suchtkliniken mit stationärer Betreuung. Die Hilfe ist da, so Lennart Westermann, sie muss nur gewollt werden:

"Das heißt, man muss sich konzentrieren auf den neuen Weg, den man jetzt ganz bewusst gehen will. Und das ist eine langfristige Auseinandersetzung, wo es auch immer wieder mal zu Rückschlägen kommen kann. Aber insgesamt muss man einfach sagen: In jedem Alter sind die Heilungschancen sehr gut, gerade bei Sucht. "



Mehr bei deutschlandradio.de

Links bei dradio.de:

Mit Tabletten gegen die Einsamkeit

 

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Sprechstunde

Prävention Sport im Alter

Nordic Walking

Altern ist im Hinblick auf die Leistungsfähigkeit ein Verlustgeschäft: Zwischen dem 20. und 70. Lebensjahr verliert der Mensch rund ein Drittel seiner Muskelmasse. Die Ausdauerleistung nimmt nach dem 30. Lebensjahr um bis zu 15 Prozent pro Jahrzehnt ab.

KrankheitsübertragungHundebisse und Katzenklo

Ein Hund sitzt neben einer Katze.

Fast zwei Drittel aller Erreger, die beim Menschen Krankheiten auslösen, werden vom Tier zum Menschen übertragen. Katzen und Hunde können Überträger von Bakterien, Viren oder Parasiten sein, aber auch Füchse, Schafe und Rinder.

SchwerpunktthemaNebenwirkungen von Medikamenten

Ein Haufen gemischert, bunter Tabletten

Juckreiz, Hautausschlag oder Atemnot sind nur einige der Nebenwirkungen, die bei der Einnahme von Medikamenten auftreten können. Viele Patienten leiden unter allergischen Reaktionen und Unverträglichkeiten, unabhängig davon, ob ein Medikament verschreibungspflichtig ist oder nicht.

MedikamenteAllergie oder Überempfindlichkeit?

Eine Frau liegt krank im Bett. 

Nebenwirkungen von Medikamenten treten in unterschiedlicher Intensität auf. Eine starke Ausprägung kann eine Unverträglichkeit des Medikaments bedeuten. Dass wirklich eine Allergie gegen ein bestimmtes Präparat vorliegt, ist jedoch eher selten. Ein Test kann hierüber Aufschluss geben.

Prostatakrebs-BehandlungÜberwachen statt operieren

Blick auf einen Operationstisch, auf dem ein Patient liegt, dessen Prostatabereich zu sehen ist. Um in herum drei in blaue Kittel gekleidetes Krankenhaus-/Operationspersonal mit Geräten zur Operation.

Die Stiftung Männergesundheit fordert ein Umdenken bei der Therapie von Prostatakrebs. Niedrig-Risiko-Prostatakarzinome müssten nicht direkt operiert werden. Eine neue Studie zeige, dass Abwarten und eine regelmäßige Überwachung oft ausreichen würden.

Prostatakrebs-BehandlungDie Vorteile des Abwartens

Professor Thorsten Schlomm zeigt in der Martini-Klinik am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf auf ein 3D-Modell einer Prostata.

In Deutschland wird Prostatakrebs, der wenig aggressiv ist, zu schnell operiert. So lautet das Fazit einer aktuellen Versorgungsstudie. Professor Thorsten Schlomm, Leiter des Prostatakrebszentrums am Uniklinikum Hamburg-Eppendorf, plädiert deshalb für eine aktive Tumorüberwachung.