Corso / Archiv /

 

Electronica aus dem globalen Dorf

Das Worldtronics-Festival im Haus der Kulturen der Welt

Von Cornelius Wüllenkemper

DeadJ alias Shao Yanpeng ist eine Schlüsselfigur der Elektro-Szene in China
DeadJ alias Shao Yanpeng ist eine Schlüsselfigur der Elektro-Szene in China (Chen Xiongwei, Jiang Hua)

Elektronikmusik aus China, House aus Südafrika oder Tecno ohne H aus Brasilien - das Haus der Kulturen der Welt hat zurzeit rund 25 Soundtüftler aus allen Teilen der Erde zu Gast. Auf dem Festival Worldtronics stellen sie noch bis Samstag exotische Stil-Mashups und regionale Spielarten moderner Elektro-Musik vor.

Was in Brasilien derzeit für euphorische Massen in überfüllten Clubs sorgt, zog gestern Abend bei Regenwetter nur wenige Zuschauer ins Haus der Kulturen der Welt. Dabei gab es für Freunde der elektronischen Musik mit Joao Brasil aus Rio, einen bisher wenig bekannten Stil zu entdecken - die ganz junge, elektronische Version des Brega, der in den 70er-Jahren aus Lambada und Carimbo im nordbrasilianischen Belém entstand, wie Kurator Daniel Haaksmann erklärt:

"Irgendwann erreichte dann auch der Sampler Belém, mit gehöriger Verspätung, weil es gab jahrelang in Brasilien einen komischen Einfuhrzoll für elektronisches Equipment, was Geräte dort dreimal so teuer gemacht hat wie in Europa. So ist eben Tecno Brega entstanden, als eine elektronische Variante von Brega. Das hat aber nichts mit Techno zu tun, mit Detroit oder Berlin, sondern das 'tecno' steht eben für Technologie. Es gibt auch keine Plattenlabels dort, das Ganze ist quasi Schwarzmarkt, frei zirkulierend, und deswegen wird da auch gesampelt und das Urheberrecht quasi komplett ignoriert. Aber das fand ich eben auch das sehr Erfrischende daran."

Keine Autorenrechte, keine Labels, Techno-Schlager, die aus den Versatzstücken bekannter Popsongs gesampelt werden und fast ausschließlich als Demomaterial für Livekonzerte dienen? E3s sind oft die kleinen Geschichten am Rande des offiziellen Programms, die neben den musikalischen Acts das Worldtronics-Festival ausmachen. Aber es geht nicht nur um Vernetzung, Neuentdeckung, Abgrenzung und Austausch. Auch in Berlin, das ja gern als Techno-Metropole gehandelt wird, kann man noch eine ganze Menge aus kleinen, regionalen oder einfach exotischen Szenen der elektronischen Musik lernen, meint Programmchef Detlef Diederichsen:

"Zum einen, das Bewusstsein zu schärfen für zeitgenössische musikalische Entwicklungen auf der ganzen Welt, das immer noch existierende Denken anzugehen, dass die elektronische Musik eine vorwiegend europäisch-nordamerikanische Angelegenheit ist - das ist sie definitiv nicht mehr. Und natürlich spielt auch die Idee mit hinein, dass Berlin ein oder sogar das Mekka der elektronischen Musik ist, und trotzdem gibt es immer noch Dinge, die nicht ihren Weg hierher finden, und da sehen wir uns also auch noch in der Pflicht."

Selbst Kennern dürfte hierzulande zum Beispiel die Technomusik aus Hongkong eher unbekannt sein. Die Szene steckt in der südchinesischen Metropole noch in den Anfängen, die Auffassung von Musik ist dort traditionell geprägt, und Techno-Acts sind eher etwas für kunstaffine Entdecker, erzählt der 29-jährige Choi Sai-Ho.

"Ich arbeite in meiner Musik gerne mit alten Elementen, zum Beispiel mit den Sounds des Game Boy aus den 80er-Jahren oder auch mit Melodien aus der alten chinesischen Tradition. Und das kombiniere ich dann mit moderner digitaler Musik. Ich denke, das hat auch mit meiner Herkunft zu tun: In Hongkong treffen viele verschiedene Kulturen aufeinander. Außerdem hat die Stadt ein unglaubliches Tempo. Das setze ich mit Uptempo-Musik aus dem Westen auch in meinem eigenen Stil um, in Drum 'n' Bass und Breakbeat."

Am Freitag geht es dann wieder etwas gediegener zu, denn die House-Szene, die sich etwa mit Jullian Gomesoder The Lazarusman bereits seit über 20 Jahren in Südafrika etabliert hat, dürfte zumindest für westliche Ohren wenige exotische Überraschungen bringen.

Richtig globalisiert wird es dann am Samstag, der dem Moombahton gewidmet ist, einem südamerikanisch geprägten Stilmix aus Cumbia, Hip-Hop und Baile Funk, der durch den Austausch in Online-Kanälen verschiedener Weltgegenden parallel entstanden ist - sogar in Bayern ist man auf den Geschmack gekommen, wie die Schlachthofbronx beweist.



Mehr bei deutschlandradio.de

 

Externe Links:

Worldtronics 2012

 

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Corso

Corso Spezial 15 Jahre "Mein Klassiker"

Die Statue von Sherlock Holmes in der Baker Street in London.

"Mein Klassiker ist ..." – diesen Satz hören Sie bei "Corso" jede Woche aus prominenten Mündern. In den vergangenen 15 Jahren haben uns mehr als 700 Schauspieler, Musiker, Künstler, Kabarettisten und andere Persönlichkeiten ihre Klassiker verraten.

Der fünfte BeatleEinsam, depressiv und tablettenabhängig

(L-r) John Lennon, George Harrison, Manager Brian Epstein, Ringo Starr und Paul McCartney relaxen in einer Hotel-Suite während einer Auslandstournee der britischen Popgruppe The Beatles. (Undatierte Aufnahme). Brian Epstein, erfolgreicher Manager der Pilzköpfe, wurde am 19.09.1934 in Liverpool geboren und am 27.08.1967 tot in seiner Wohung in Belgravia in London aufgefunden.

"Wenn es einen fünften Beatle gegeben hat, dann war es Brian Epstein", sagte Paul McCartney einmal. Der tragische Tod von Epstein läutete auch das Ende der Beatles ein. Vor Kurzem ist seine Autobiografie in deutscher Sprache erschienen

Corsogespräch Party-Proletariat und Backstage-Storys

Londoner Duo "We are shining" "Wir wollten uns einfach möglichst individuell ausdrücken"

Ukraine-Konflikt"Natürlich streiten wir. Schließlich geht es um Krieg"

Eine Frau in Donezk in den Trümmern ihres Hauses, das bei Kämpfen zerstört wurde.

Der Konflikt in der Ukraine ist mehr als 2.000 Kilometer weit weg. Aber er betrifft auch Menschen, die in Deutschland leben. Besonders in der russischsprachigen Community wird häufig darüber gestritten, wer Recht hat. Das wird zur Zerreißprobe für Freundeskreise und Familien.

Theater-Kollektiv Rimini-Protokoll "Politiker sind letzten Endes auch nur Schauspieler"