Corso / Archiv /

Entzauberter Flugbetrieb

Airportarchitektur im Wandel

Von Peter Backof

Blick auf den Flughafen Frankfurt
Blick auf den Flughafen Frankfurt (AP)

Flughäfen sind wie Bahnhöfe - Sehnsuchtsorte. Plätze, von denen aus sich Fern- und Heimweh stillen lassen. Oder besser: Sie waren es. Denn während sie einst - wie New Yorks La Guardia - Meilensteine der Architektur sein sollten, sind sie heute selten mehr als seelenlose Kästen mit Passagierumschlagfunktion.

"Ladys and Gentlemen, hier spricht Ihr Captain. Washington hat uns soeben über militärischen Flugverkehr in unserem Luftraum unterrichtet. Bitte achten Sie darauf, dass die Tischchen vor Ihnen hochgeklappt sind. Ich werde Ihnen etwas Musik einspielen, wäre Ihnen aber dankbar, wenn Sie im Gang nicht tanzen."

Die Ansage aus der Hollywood-Adaption von Arthur Haleys "Airport". Ja, früher, da war Fliegen noch ein Melodram, da waren die Teller an Bord noch aus Porzellan, da sahen Flughäfen noch aus wie Fiorello La Guardias Vision für New York 1939. Der Düsenantrieb begann den Propeller zu ersetzen, da brauchte es längere Pisten. Der Bautrupp fragte ungläubig: Hier soll er hin? – nicht wegen der Umwelt, sondern wegen des immensen Aufwands. Der Bürgermeister von New York sprach: Ja, hier hin! Legt diese anderthalb Quadratkilometer Sumpfland trocken und nennt diesen Hafen nach mir: La Guardia. Denn Flughäfen sind Visitenkarten und sollen sein wie Meilensteine der Architektur! Andreas Fecker:

"Natürlich steckt dahinter auch eine Philosophie, mit der Abfertigung der Flugzeuge: Wie kommen die Flugzeuge ans Terminal?"

Und wie die Passagiere? - fragt und weiß Andreas Fecker, Fluglotse im Ruhestand und Autor, unter anderem von "Boarding Completed", dem in Deutschland bislang bestverkauften Sachbuch über internationale Flughäfen.

Andreas Fecker: "Da gibt es verschiedene Prinzipien. Zum Beispiel das Charles de Gaulle-Prinzip; ein Satelliten-Terminal mit Fingern ringsum."

So in Paris, Charles de Gaulle oder Berlin-Tegel – Dann gibt es das Prinzip Multi-Terminal, typisch für Flughäfen, die über Jahrzehnte wachsen. Etwa Frankfurt am Main.

Andreas Fecker: "Wenn Du früh von Gate A 42 nach Brüssel fliegen musst, kommt man sich vor, man könnt man grad nach Brüssel laufen."

Doch erst noch einmal Zwischenstopp in New York. Nachdem La Guardia abermals zu klein geworden war, setzte der finnische Designer Eero Saarinen mit einer Dachkonstruktion aus zwei geschwungenen Flügeln ein Symbol für das Jet-Zeitalter: wenig funktional, und ebenso wenig aerodynamisch wie die Flossen der riesigen Straßenkreuzer, mit denen man am Terminal vorfuhr. Bis heute die Flughafen-Silhouette überhaupt, ein Sinnbild für das Fliegen.

"Das Ziel ist bereits anvisiert. Ich krieg das Ding nicht abgeschüttelt!"

Heute stattdessen: Rollbänder, Shopping-Trassen, im Volksmund immer noch Duty Free genannt, was angesichts des überteuerten Angebots überhaupt keinen Sinn mehr ergibt, und dann wieder: Rollbänder – künstlich übertünchte Langeweile. Jüngsten Architekturen, in Hongkong zum Beispiel umgehen diese: Mobile Lounges befördern die Passagiere direkt vom Check in ins Flugzeug.

Andreas Fecker: "Das heißt, die Passagiere müssen keinen Meter laufen. Ist auch nicht sehr beliebt, weil man in dieser Zeit, wo man gefahren wird, zur Inaktivität verdammt ist. Man kann nicht rennen, man kann nicht eilen."

Man fühlt sich buchstäblich abgefertigt. Entzaubert erscheint der Flugbetrieb auch in einem Fotoessay von Peter Fischli und dem kürzlich verstorbenen David Weiss. Ein Buch völlig ohne Text. Man sieht nur: 800 Fotos, je vier auf einer Doppelseite. Fast nirgends sind Menschen zu sehen. Fischli und Weiss ging es um die Dokumentation technischer Abläufe. Man sieht: Flugzeuge, Abfertigungsgefährte, schmucklose Architekturen, die sich überall auf der Welt immer mehr angleichen. Fliegen ist durch-globalisiert.

Andreas Fecker: "Fliegen ist eigentlich nur noch das Starten und das Ankommen und möglichst, wenn man Economy fliegt, sich nicht die Knie wund zu scheuern."

"Die Flugzeugsitze eng und klein, die Knie bis unters Kinn gezogen. Meine Beine schlafen ein, wär ich bloß nicht mitgeflogen. Unter den Wolken muss die Beinfreiheit wohl grenzenlos sein."

Otto Waalkes parodiert Reinhard Mey und das Prinzip Billigflug mit seiner Containerarchitektur. Billigfluglinien ihrerseits ginge es nur um das Abschöpfen von Gewinnen. Noch dazu würden sie oft von Kommunen bezuschusst, die sich Imagegewinn versprechen, empört sich Andreas Fecker:

"Heutzutage fliegt man mit dem Shuttle zum Ballermann und zahlt dafür 50 Euro."

Und das hat mit dem früher erhebenden Gefühl, ein Flugzeug zu besteigen, gar nichts mehr zu tun. - Jede Airline reicht heute ihre Wirtschaftlichkeitskalkulation direkt bis zum Passagier durch. Der Lack ist ab. Manche Airline fliegt ohne Lack am Jet und spart so Sprit. Die Süddeutsche Zeitung hat letzthin Sprüche zusammengetragen, teilweise bewusst makabere, mit denen Piloten heute ihre Passagiere ein wenig bespaßen wollen:

"Alles, was Sie an Bord lassen, wird gleichmäßig unter den Flugbegleitern aufgeteilt. Bitte lassen Sie keine Kinder und Ehegatten zurück."

"Der Satz steht aber nicht in der Dienstanweisung – Aber die Passagiere sind viel unbesorgter, wenn der Captain ein bisschen locker klingt."

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Corso

DetroitMotor City ohne Motoren

Motor-City ohne Motoren: Die Michigan Avenue - ungefähr eine Meile entfernt von Downtown. Praktisch autofrei.

Detroit war einst der Motor des amerikanischen Traums - zumindest bis in die 50er-Jahre, als dort fast zwei Millionen Menschen lebten. Inzwischen hat sich die Einwohnerzahl mehr als halbiert. Detroit ist eine der bekanntesten schrumpfenden Städte der Welt. Aber die Stadt ist mehr als das: sie ist wild, rau und kreativ.

Corso SpezialGute Aussichten? - Gute Aussichten!

Eine Besucherin betrachtet die Ausstellung "Gute Aussichten - Junge Fotografie 2013/2014" im Haus der Photographie in Hamburg.

Erst die Ausbildung und dann. Ja was dann? Beginn des Berufslebens, der Karriere, eines steilen Aufstiegs? Seit zehn Jahren gibt es in Deutschland den Wettbewerb "gute aussichten", der jungen Fotografen diesen Start in ihr sehr spezielles Berufsleben erleichtern will.

Corso-GesprächBegegnungen mit dem Tod

Bartholomäus Grill, ehemaliger Afrika-Korrespondent "Die Zeit", Berater des Bundespräsidenten, aufgenommen am 09.05.2008 in den Berliner Union Filmstudios während der Aufzeichnung der ZDF-Talksendung "Nachtstudio" zum Thema "Passion Afrika".

"Um uns die Toten" heißt ein neues Buch des "Spiegel"-Korrespondenten Bartholomäus Grill. In ihm setzt sich der Journalist mit der Vielfältigkeit des Sterbens auseinander. Auch wenn sich Grill - ausgelöst durch den Freitod des krebskranken Bruders - mit der Endlichkeit des Lebens beschäftigt hat, ist bei ihm die Angst vor dem Tod geblieben.