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StartseiteForschung aktuellWo das Risiko am höchsten ist14.06.2018

Erdbebengefahr in DeutschlandWo das Risiko am höchsten ist

Die Erdbebengefahr in Deutschland ist gering, aber keinesfalls vernachlässigbar. Jetzt wurde mit veränderter Methodik eine neue Risikoeinschätzung vorgenommen, sagte der Geoforscher Gottfried Grünthal im Dlf. Auch die letzten 1.000 Jahre Seismizität spielten dabei eine Rolle.

Gottfried Grünthal im Gespräch mit Uli Blumenthal

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Albtrauf bei Gutenberg im Lenninger Tal mit der Felsformation Reiterfelsen.  (imago / Arnulf Hettrich)
Die Schwäbische Alp und die Rheinschiene beobachten Geoforscher im Hinblick auf Seismizität genauer. (imago / Arnulf Hettrich)
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Uli Blumenthal: Wo ist in Deutschland häufiger mit einem Erdbeben zu rechnen, wo mit besonders starken Erschütterungen, welche Gegenden bleiben von solchen Ereignissen verschont? Das Geoforschungszentrum GFZ hat jetzt ein Kartenwerk über die Erdbebengefahr in Deutschland herausgeben. Obwohl die Gefährdung durch Erdbeben in Deutschland relativ gering ist, ist sie keinesfalls vernachlässigbar. Welche Regionen überhaupt durch Erdbeben gefährdet und welche Schäden zu erwarten sind, darüber geben die Gefährdungskarten Auskunft, an deren Erarbeitung Gottfried Grünthal vom Geoforschungszentrum GFZ, Sektion Erdbebengefährdung und dynamische Risiken, federführend beteiligt war. Vor 20 Jahren gab es schon einmal eine solche Kartensammlung zum Erdbebenrisiko in Deutschland - warum war jetzt diese Neueinschätzung erforderlich?

"Können weitestgehend frühere Ergebnisse reproduzieren"

Gottfried Grünthal: Diese Einschätzung, die wir vor 20 Jahren in die deutsche Normung haben einfließen lassen, war allerdings nicht die einzige Erdbebengefährdungseinschätzung, die wir in der Zwischenzeit vorgenommen haben, sondern das war seit der Rechnung vor 20 Jahren jetzt wiedermal eine, die im Auftrag des Deutschen Instituts für Bautechnik speziell für die deutsche Erdbebenbaunorm berechnet worden ist.

Blumenthal: Und wie sehen die Ergebnisse dieser Neueinschätzung aus, was hat sich verändert, gibt es Gebiete, die man bislang unterschätzt hat? Gibt es welche, die man überschätzt hat? Wie kann man diese neuen Ergebnisse beschreiben?

Grünthal: Wir sehen eine ausgesprochene Persistenz in den Ergebnissen. Das heißt, wir können weitestgehend unsere früheren Ergebnisse reproduzieren.

Blumenthal: Das heißt?

Grünthal: Das heißt, die Parameter, die wir vergleichen können anhand des neuen Berechnungsmodells mit den früheren Berechnungsmodellen, haben sich kaum geändert, obwohl die Berechnungsmethodik, die wir neu angewandt haben, sich grundsätzlich geändert hat.

Gefährdungen in den Gebieten der Rheinschiene

Blumenthal: Und wie muss man sich jetzt solche Gefährdungskarten vorstellen, sind die so wie beim Wetterbericht irgendwie, eine Grafik mit bunten, farblich unterlegten Gebieten, wo eine höhere Gefährdung vorhanden ist oder eine geringe? Wie muss man die beschreiben?

Grünthal: Diese Gefährdungskarten bilden praktisch die beobachtete Seismizität ab. Sie zeigen anhand unserer Farbgebung die roteren Farben in Gebieten der Rheinschiene, also vom Raum Basel über den Oberrhein, Mittelrhein und dem Niederrhein, mit dem Spot, dem Fleck der höchsten Erdbebenaktivität und damit auch höchsten Erdbebengefährdung im Raum der Hohenzollernalp, wo seit 1911 eine erhöhte Erdbebentätigkeit beobachtet wird.

Blumenthal: Und wie ist die Auflösung einer solchen Karte? Man kennt das ja von anderen geologischen Karten oder auch bei den Wetterkarten, gibt es so ein Gitternetz, was Sie über die Bundesrepublik gelegt haben, und mit welcher Detailgenauigkeit können Sie Auskunft geben über das Gefahrenpotenzial für ein mögliches Erdbeben?

Erdbebenkatalog: letzten tausend Jahre als Grundlage

Grünthal: Wir berechnen die Erdbebengefährdung für ein Rasternetz von 0,1 mal 0,1 Grad geographischer Länge und Breite.

Blumenthal: Das sind wie viele Kilometer?

Grünthal: Das sind ungefähr, in der Mitte Deutschlands, sieben mal elf Kilometer. Und für die Erstellung von Erdbebengefährdungskarten interpolieren wir dann noch diese Ergebnisse auf ein Raster von 0,01 mal 0,01 Grad geographischer Länge und Breite.

Blumenthal: Und was ist die Basis dieser Karten, dieser Kartierung, welche Daten fließen da ein? Also welche Zeiträume erfassen Sie eigentlich für die Erstellung der Karten?

Grünthal: Um also Aussagen über die Erdbebengefährdung zu machen muss man möglichst weit in die Historie schauen. Und wir haben für unser Gebiet einen hinreichend zuverlässigen Erdbebenkatalog für die letzten 1000 Jahre zur Grundlage. Das ist die eine, die wesentliche Eingangsgröße. Dann gehen mit ein die Geologie, Tektonik und die aktuellen Bruchstörungen, die also momentan aktiv sind, und vor allen Dingen die Dämpfungsmodelle der Starkbodenbewegung mit der Entfernung.

Radius von 300 Kilometern jenseits der Grenze

Blumenthal: Das heißt also, es ist auch ein ganz starkes geologisches Modell, was, wenn ich es richtig verstanden habe, aber auch über die Grenzen von Deutschland hinaus schauen muss, weil Erdbeben außerhalb der Grenzen dann natürlich auch hineinwirken in das Gebiet der Bundesrepublik.

Grünthal: Richtig, denn die größten Erdbeben, die sich in Deutschland ausgewirkt haben, haben ihren Erdbebenherd unmittelbar jenseits unserer Grenzen gehabt. So das Basel-Erdbeben von 1356, ungefähr nur 8 bis 10 Kilometer jenseits unserer Landesgrenze, Staatsgrenze. Oder das Erdbeben von 1692 in Verviers in Belgien, das auch ja markante Schadensauswirkungen innerhalb Deutschlands gehabt hat. Das heißt, wir müssen alle Regionen einfließen lassen in die Berechnung der Erdbebengefährdung, von denen unser Territorium noch makroseismisch beeinflusst werden kann. Das sind in Kilometern mindestens dann 300 Kilometer jenseits unserer Grenzen, die einfließen müssen in die Integration über die Beeinflussung entsprechender Herd-Regionen außerhalb unseres Territoriums auf das Gebiet der Bundesrepublik.

Moment-Magnituden ab dem Jahr 1.000 nach Christus

Blumenthal: Sie haben schon gesagt, wie weit Sie in der Zeit zurückschauen. Wie kann man denn aber die Angaben, die Beschreibung der Stärke von Erdbeben vergleichbar machen? Es gibt ja sicher wahrscheinlich unterschiedliche Angaben, Richterskala, heute wird die Momenten-Magnituden-Skala benutzt, es gibt auch die Mercalliskala - wie macht man all diese Daten dann vergleichbar, gibt es dann so eine Einheit, die dann erstellt wird, eine einzelne Zahl, die man benutzt?

Grünthal: Ja, und zwar die modernen Erdbebenkataloge werden über den gesamten Zeitraum, also ab dem Jahr 1000 nach Christus oder auch noch weiter vorher, alle in Form von Moment-Magnituden skaliert. Aber aus der vorinstrumentellen Zeit liegen ja nur verbale Beschreibungen über die Auswirkungen von Erdbeben in ihrem Erschütterungsgebiet vor. Und diese verbalen Beschreibungen lassen sich aber überraschend genau mithilfe der makroseismischen Intensitätsskala umsetzen in moderne Magnituden. Anhand empirischer Beziehungen, die am GFZ ermittelt wurden. Wir sind in der Lage, alle Beben einheitlich heutzutage mit Moment-Magnituden hinreichend genau stärkemäßig zu klassifizieren

2/3 der früher katalogisierten Schadenbeben: "fake quakes"

Blumenthal: In der Pressemitteilung, die die Grundlage für unser Interview ist, habe ich aber auch gelesen, dass mehr als 60 Prozent der in den alten Karten aufgeführten Erdbeben oder Schadensereignissen eigentlich nie stattgefunden haben. Wie kommt das zustande, mehr als die Hälfte hat es gar nicht gegeben? Stimmt das?

Grünthal: Das stimmt bedingt, und zwar in einzelnen Gebieten sind tatsächlich ungefähr zwei Drittel der früher katalogisierten Schadenbeben"fake quakes" gewesen - falsche Erdbeben. Und diese Erkenntnis ist aber nicht ganz neu, sondern ist im Rahmen der letzten Jahrzehnte schon gewachsen worden und im Rahmen von einer ganzen Reihe von Veröffentlichungen dokumentiert und eingeflossen in die modernen Erdbebenkataloge. Wenn wir also den Vergleich unserer neuen Einschätzung der Erbebengefährdung vornehmen mit unserer Einschätzung der Erbebengefährdung von vor 20 Jahren, dann werden einzelne Gebiete innerhalb Deutschlands deutlich, wo die Verringerung der Erbebengefährdung auf den Einfluss der neuaufgefundenen "fake quakes" zurückzuführen ist.

Blumenthal: Das Geoforschungszentrum Potsdam legt neue Karten zur Erdbebengefährdung Deutschlands vor. Im Interview dazu Professor Gottfried Grünthal vom Geoforschungszentrum, Sektion Erdbebengefährdung, GFZ.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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