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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturErfinder, Unternehmer und das Internet04.02.2013

Erfinder, Unternehmer und das Internet

Chris Anderson: "Makers. Das Internet der Dinge: Die nächste industrielle Revolution", Carl Hanser Verlag

Das Internet und seine Plattformen sind die Basis für eine neue industrielle Revolution, behauptet Chris Anderson in seinem Buch. Ein Erfinder gebe seine Idee im digitalen Zeitalter nicht mehr ab und werde selbst zum Unternehmer. Dadurch verändere sich das Gesicht der Industrie.

Von Sina Fröhndrich

Ein Teil der Industrie wird laut Chris Anderson durch das Internet zur Graswurzelbewegung. (Stock.XCHNG / Vangelis Thomaidis)
Ein Teil der Industrie wird laut Chris Anderson durch das Internet zur Graswurzelbewegung. (Stock.XCHNG / Vangelis Thomaidis)

Den Kaffee mit dem Smartphone bezahlen. In den USA hat diese Zukunft schon begonnen – mit einem Minikartenleser für Kreditkarten. Der Vater der Idee, aus der inzwischen ein millionenschweres Start-up geworden ist: Jack Dorsey, auch der Gründer des Kurzmitteilungsdienstes Twitter.

Jack Dorsey ist ein Maker. Ein Erfinder, der zum Unternehmer wurde. Dorsey ist nur ein Beispiel, das der Journalist Chris Anderson in seinem Buch "Makers", zu Deutsch Macher, anführt. Die Maker-Bewegung – das ist keine Beschreibung, die aus Andersons Feder stammt. Er entwickelt die Idee vielmehr weiter.

Ein Maker entwickelt seine Produktidee mithilfe einer einfachen Software, über das Internet tauscht er sich mit anderen aus, Geld sammelt er durch sogenannte Crowdfunding-Plattformen, und schließlich sucht er sich über das Internet ein Unternehmen, das die Idee ins Produkt umsetzt - von Bits in Atome sozusagen.

"Durch die Maker-Bewegung verändert sich langsam das Gesicht der Industrie; der Unternehmerinstinkt erwacht und Hobbys werden zu kleinen Unternehmen."

Neu ist also: Man ist Erfinder und Unternehmer. Ein Erfinder gibt seine Idee nicht mehr ab, indem er das Patent darauf anmeldet und die Produktion einem Unternehmen überlässt. Er wird selbst zum Unternehmer. Ein Teil der Industrie wird durch das Internet also zur Graswurzelbewegung.

"Innovationen werden nicht mehr von den großen Firmen von oben aufgesetzt, sondern sie werden von unten kommen."

Eines der Argumente, mit denen Anderson seine These stützt: Dank Crowdfunding gibt es neue Finanzierungsmöglichkeiten. Man stellt die Idee auf bestimmten Internetplattformen vor, vermarktet sie gewissermaßen, bevor sie überhaupt produziert ist, und sammelt Geld von Unterstützern. Vorbei die Zeit, in der man nur einen Kapitalgeber hatte.

"Crowdfunding ist das Risikokapital der Maker-Bewegung. Es wird nicht mehr in eine Firma investiert, sondern in ein Produkt, genauer gesagt in eine Produktidee. Diese neuen Investoren erwarten auch keine finanziellen Gewinne, sondern sie erwarten, durch das Produkt entschädigt zu werden, indem sie es entweder tatsächlich erhalten (weil sie genug gespendet haben) oder in Form eines emotionalen Gewinns durch die Gewissheit, mit dazu beigetragen zu haben, dass das Produkt Realität wurde."

Wie wichtig diese neuen Finanzierungsmodelle sind, macht Anderson mit einem Vergleich aus seiner Familiengeschichte deutlich. Andersons Großvater war "nur" Erfinder, kein Unternehmer. Er hatte einen automatischen Rasensprenger entwickelt, das große Geld machte er damit allerdings nie.

"Damals musste er ein Patent anmelden, eine Lizenz an einen Hersteller vergeben und verlor so die Kontrolle über seine Erfindung. Heute hätte er selbst für die Produktion sorgen können."

Anderson ist Enthusiast. Seine Worte vermitteln den Eindruck, als würde in Hobbykellern und an Computern dieser Welt just in diesem Moment eine neue Bewegung ihren Anfang nehmen, eine Bewegung, die enormen Einfluss auf die Wirtschaft haben wird. Eine industrielle Revolution, wie der Untertitel des Buches verlautet. Ein großes Wort gibt Anderson immerhin zu. Und auch deshalb setzt er im Buch ein Fragezeichen, formuliert vorsichtiger, im Konjunktiv. Was seine Kernthese plausibler macht.

"Das Web hat die Produktionsmittel in allen Bereichen demokratisiert und so ermöglicht, dass Imperien in Studentenbuden gegründet oder Hitalben in Schlafzimmern aufgenommen werden konnten. So könnte die neue Heimindustrie das Ende für das Industriemodell bedeuten, das ... die letzten drei Jahrhunderte beherrschte."

Wichtige Mittel dieser Entwicklung: Laser-Scanner, CAD-Anwendung, 3D-Drucker. Beim Laien sorgen diese Begriffe zweifelsohne für Fragezeichen. Doch Anderson erklärt verständlich, was sich dahinter verbirgt, etwa wie 3D-Drucker funktionieren, eine Technik von der enorme Schubkraft für die Maker-Bewegung ausgehe.

"3D-Drucker stehen erst am Anfang ihrer Entwicklung. In zehn oder 20 Jahren werden sie schnell und leise sein und viele verschiedene Materialien drucken können, von Kunststoff bis Zellstoff und sogar Lebensmittel."

Aber trotz anschaulicher Erklärung: Die Häufung der Begriffe führt an der einen oder anderen Stelle doch zu Überdruss beim Lesen. Und wer kein Maker ist, fühlt sich beim Lesen häufig inhaltlich ausgeschlossen. Dafür besticht Andersons Buch an anderer Stelle durch persönliche Erzählungen. Er ist selbst ein Bastler – vertreibt Bauteile für fliegende Spielzeugdrohnen:

"Meine erste Flugroboterfirma nahm tatsächlich auf unserem Esstisch ihren Anfang. Wir hatten alle Einzelteile beisammen, und ich bestach die Kinder, damit sie mir beim Packen halfen. Eine schmerzhafte Lektion: Überlassen Sie die Qualitätskontrolle nie einem fünfjährigen Kind – wir mussten alle Packungen noch einmal überprüfen."

Anderson ist Idealist - und das vielleicht etwas zu sehr. Denn die Welt der 3D-Drucker ist noch immer eine spezielle, eine vor allem männliche Welt, eine Welt der Tüftler. Eine Nische in der Industrieproduktion – nicht mehr. Dass daraus eine dritte industrielle Revolution entstehen könnte, kann durchaus in Zweifel gezogen werden.

Zumal Anderson unerwähnt lässt, dass ein Internetzugang in vielen Teilen der Welt noch immer nicht zur Standardausstattung gehört. Die von ihm beschriebene Entwicklung beschränkt sich damit vor allem auf westliche Industrienationen oder das aufstrebende China. Und doch: Andersons Grundidee besticht – nicht zuletzt durch seine anschauliche Art zu formulieren und die exemplarischen Belege.

Denn es sind Geschichten wie die von Apple-Gründer Steve Jobs und Facebook-Chef Marc Zuckerberg, die zeigen, wie aus Garagenbastlern millionenschwere Unternehmer wurden. Und so bleibt Andersons Buch ein vielversprechender - wenn auch nicht immer leicht zugänglicher - Einblick in die Welt der Maker.

Chris Anderson: "Makers. Das Internet der Dinge: Die nächste industrielle Revolution", Carl Hanser Verlag, 286 Seiten, 22,90 Euro, ISBN: 978-3-446-43482-0

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