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StartseiteKultur heuteDarmstadt rehabilitiert verfolgten Verfasser26.10.2015

Ernst Elias NiebergallDarmstadt rehabilitiert verfolgten Verfasser

Er war subversiv, der Darmstädter Vormärz-Schriftsteller Ernst Elias Niebergall. Das Volk lachte schon lange über die frechen Satiren des Büchner-Zeitgenossen. Doch der Darmstädter Obrigkeit war er lange suspekt. Zeiten ändern sich. Nach fast 200 Jahren setzte ihm die Stadt ein Denkmal vor dem Staatstheater - gleich neben dem Denkmal für Georg Büchner.

Von Ludger Fittkau

"Gestatten sie Mir, dass ich mich vorstelle: Mein Name ist Datterich. Und gegenwärtig bin ich ohne Amt, aber früher müssen sie wissen, begleitete ich eine Stelle im Finanzwesen."

Natürlich geht es nicht ohne den Auftritt des Datterich, wenn ein Denkmal für seinen Schöpfer Ernst Elias Niebergall eingeweiht wird. Mathias Znidarec verkörpert den ehemaligen Finanzbeamten des Fürstentums Hessen-Darmstadt, der sich nun durch die Kneipen der Stadt schnorrt, indem er für ein Glas Rotwein zum Erzähler wird.

Sich lustig macht über Männerduelle mit der Pistole im Morgengrauen, über nationalistische Denkmalbauten wie das gegen Frankreich gerichtete Hermanns-Denkmal, für das natürlich auch der Darmstädter Fürst spendet, weil es eben alle tun.

Der "Datterich" des Vormärz  ist unter den Bedingungen der politischen Zensur geschrieben, sein Schöpfer Ernst Elias Niebergall stand wie sein berühmterer Zeitgenosse Georg Büchner als Student in Gießen immer mit einem Bein im Knast, beide wurden von der selber Person im Auftrag der Darmstädter Obrigkeit bespitzelt.

Daran erinnerte am Wochenende der grüne Darmstädter Oberbürgermeister bei der Einweihung des Niebergall-Denkmals vor dem Staatstheater:

"Die Französische Revolution, der Aufbruch zu Beginn des 19. Jahrhunderts war eigentlich schon wieder still und unter der Knute der Karlsbader Beschlüsse niedergeknüppelt. Die Wartburg, das Hambacher Fest waren schon wieder fern und das wissen Sie auch  -  die Darmstädter wissen das – der weltberühmte Zeitgenosse von Niebergall, der Verfasser des hessischen Landboten war auf der Flucht vor den staatlichen Schergen und vor den Zensoren. Auch Niebergall wurde versucht, etwas anzuhängen, das ist nicht gelungen."

"Friede den Hütten – Krieg den Palästen". Während Georg Büchner nach Veröffentlichung des "Hessischen Landboten" 1834 nach Frankreich und schließlich in die Schweiz floh, überwinterte der ebenfalls unter Beobachtung stehende Niebergall als Hauslehrer in einer Kleinstadt bei Darmstadt.

Der "Datterich" erschien noch vor der Revolution von 1848. Doch erst 1915 wurde das Stück in Berlin entdeckt, von der jungen expressionistischen Bewegung der Hauptstadt,, wo es trotz südhessischen Dialekts, in dem es geschrieben war, aufgeführt wurde. Die Berliner Kritiker, soweit sie den Text verstanden, waren begeistert. Etwa Alfred Kerr. In Berlin gibt es deshalb seit Langem eine Niebergall-Straße, doch im Darmstädter Fürstentum war Niebergall eben nicht besonders beliebt – bei der Obrigkeit zumindest.

Jetzt steht sein Denkmal an einem besonders prominenten Ort der Stadt. Darüber freut sich der frühere Schauspieldirektor Jonas Zipf besonders. Er hatte am Darmstädter Staatstheater in diesem Sommer ein Datterich-Festival organisiert und dabei mit einer eigens gegründeten "Datterologischen Gesellschaft" auch die Person Niebergall ins Zentrum gerückt. Jonas Zipf bei der Denkmal-Enthüllung am Wochenende, um der rund 300 Darmstädter vor das Theater zogen:

"Ja, es ist jetzt wirklich eine schöne Situation auch gerade hier vor dem Theater. Niebergall guckt so schräg rüber aufs Theater. Das ist ja eigentlich ein sehr repräsentativer Ort. Das passt ja zu einem so subversiven Schriftsteller wie Niebergall gar nicht so richtig. Aber er hat es wieder mal geschafft, sich hier rein zu mogeln. Er stehe unterhalb der katholischen Kirche und schaut schräg in die Fußgängerzone und auf sein Theater, wo seine Tradition fortgepflegt wird."

Nein, reinmogeln musste sich die Bronzefigur von Thomas Duttenhöfer diesmal nicht. Duttenhöfer, Professor für Grundlehre und Zeichnen an der Fakultät für Gestaltung der Hochschule Mannheim hat eine Skulptur geschaffen, die Bewegung und Dynamik einfängt. Die wieder aufkeimende Unruhe vor der Revolution von 1848 mit dem nicht weit von Darmstadt entfernten Paulskirchenparlament wird sichtbar. Der Darmstädter Oberbürgermeister Jochen Partsch zeigt sich sehr zufrieden mit der späten politischen Rehabilitierung Niebergalls und der Figur Duttenhöfer:

"... die wir auch gleich gemeinsam enthüllen werden ohne das irgendein Staatsschutz oder irgendjemand uns daran hindern kann. Das ist gut so. Herzlich Willkommen in Deiner Heimatstadt – Ernst Elias Niebergall."

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