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ESC stellt "ein moralisches Dilemma für die Sänger" dar

Blogger hofft auf mediale Aufmerksamkeit nach dem Eurovision Songcontest in Baku

Emin Milli im Gespräch mit Anne Raith

Blick auf die islamische Altstadt von Baku, Hauptstadt der Kaukasus-Republik Aserbaidschan
Blick auf die islamische Altstadt von Baku, Hauptstadt der Kaukasus-Republik Aserbaidschan (picture alliance / dpa)

Den Eurovision Songcontest in Baku werde sich der aserbaidschanischer Blogger Emin Milli anschauen, da er hoffe, dass Sänger währenddessen Proteste aussprechen. Er befürchtet, dass die Repressionen gegen Oppositionelle nach dem ESC weitergehen werden.

Anne Raith: Demonstrationen und Festnahmen haben den diesjährigen Eurovision Songcontest begleitet ebenso wie eine in großen Teilen kritische Berichterstattung. Über Menschenrechtsverletzungen, über Zwangsumsiedlungen, undemokratische Strukturen. Nicht erst seit den Vorbereitungen für das große, Milliarden teure Spektakel Eurovision Songcontest hat Emin Milli auf die prekäre Lage in seinem Heimatland hingewiesen. Der Blogger stammt aus Baku, er hat in Deutschland studiert und 2009 hat er gemeinsam mit einem Freund ein satirisches Video über korrupte Politiker veröffentlicht, woraufhin die beiden verhaftet und zu 17 Monaten Haft verurteilt wurden. Im November 2010 kam er frei. Derzeit wohnt Emin Milli in London, wo er an seiner Magisterarbeit schreibt. Ich hab ihn vor der Sendung via Skype erreicht und wollte zuerst von ihm wissen, ob er heute Abend das Finale des Eurovision Songcontest verfolgen wird.

Emin Milli: Ja, ich werde es machen, unbedingt.

Raith: Warum?

Milli: Ich hab seit einiger Zeit versucht, diese Message rauszubringen, dass die Sänger beim Eurovision eigentlich sollten sich für Menschenrechte aussprechen. Und ich hoffe, dass einer von Sängern oder einige oder mehrere einfach sagen, dass sie Freilassung von allen politischen Gefangenen Aserbaidschans verlangen. Ich weiß, es klingt auch ein bisschen naiv, aber ich hoffe, es gibt ein Prozent Möglichkeit und es kann doch klappen, weil ich finde, es ist ein moralisches Dilemma für die Sänger, weil meiner Meinung nach es ist nicht okay, einfach nach Aserbaidschan kommen, in so einer Situation, und eine Party zu haben genau da, wo die Leute gezwungen waren, ihre Häuser zu verlieren, illegalerweise, und auch nicht die entsprechende Kompensation bekommen haben. Und dann einfach dahin zu kommen und Party zu haben, wo wir über 70 politische Gefangene haben, die sind im Hungerstreik. Die Leute außerhalb, gestern und auch vorher, können nicht sich einfach frei sammeln und friedlich protestieren. Es geht nicht. Und in dieser ganzen Situation einfach zu sagen, wir haben damit nichts zu tun – ich glaube, das wäre dann moralische Disqualifizierung.

Raith: Auf wen hoffen Sie denn da? Auf diejenigen, die für Aserbaidschan antreten, oder auf ausländische Teilnehmer?

Milli: Das ist gute Frage. Also eigentlich ich hab gesehen, dass schwedische Sängerin hat unabhängige Journalisten besucht, sie hat auch Menschenrechtler besucht und hat auch ein paar kritische Bemerkungen schon zur Situation in Aserbaidschan gemacht. Und das finde ich sehr gut. Ich weiß nicht, warum Roman Lob, deutscher Vertreter, das nicht gemacht hat. Ich meine, die ganze Zeit Berichte, die ganze deutsche Medien wird seit einem, zwei Monaten, und dann einfach zu kommen und sagen, ist alles super. Natürlich ist doch alles super, wenn man in einem Palast ist, was von Präsidentenfamilie aufgebaut wird. Wenn Sie vom Flughafen zum Crystal Palace sehen, ja, einige Strecken sind von Mauern gebaut, ja? Die wollen nicht mal, dass Sie sehen, was hinter den Mauern sind.

Raith: Herr Milli, versuchen Sie uns einen Einblick zu geben sozusagen, was hinter den Mauern ist. Wie würden Sie die Lage schildern?

Milli: Aserbaidschan in den 90ern, natürlich es war sehr schwierige Situation. Wir hatten Krieg mit Armenien, wir hatten 100.000 Flüchtlinge. Unsere Gebiete verloren. Also diese traumatische Situation. Und allen diesen Jahren haben geendet mit einem Parlament in 2010, wo es keinen einzigen Oppositionellen gibt. Weil oft höre ich in Medien, wenn die Regierungsvertreter reden, die sagen, wir sind junge Demokratie, ja. Wir brauchen Zeit für Entwicklung. Ich bin verstanden, ich bin kein Radikaler, ich weiß auch, man braucht eine Zeit für Entwicklung. Aber wenn wir gucken, wo wir waren und wohin wir gehen, dann können wir sehen, wir bewegen uns nicht in Richtung einer Demokratie, sondern genau umgekehrt. Das kann man auch so am Beispiel vom Parlament sehen, wo es keinen Oppositionellen heute gibt. Es gab zum Beispiel in den 90ern hunderte politische Gefangene. Aserbaidschan ist 2001 in Europarat beigetreten. Ich war selbst bei dieser Zeremonie und ich hatte so viele Hoffnungen, ja. Aber nach zehn Jahren, was ist? Ich bin ein Bürger, ich habe Gefängnis hinter mir, nur weil ich diese Regierung kritisiert habe. Ich habe meine Hoffnungen für diese Regierung, dass sie sich reformieren kann, was ich damals gedacht hätte, diese Hoffnungen habe ich verloren. Die haben so viele Repressionen gemacht, ja, also irgendwann in Nordkorea protestiert auch jetzt niemand, ja. Das heißt nicht, in Nordkorea ist alles super.

Raith: Was glauben Sie denn, Herr Milli, was der Songcontest jetzt daran ändern kann, wenn Sie sagen, Sie haben Ihre Hoffnung eigentlich schon verloren?

Milli: Also ich habe nicht meine Hoffnung verloren. Ich habe meine Hoffnung für diese Regierung verloren, dass sie sich reformieren kann, einerseits. Andererseits als ein Bürger ich hab keine andere Wahl, als meine Gedanken frei auszusprechen, diese Situation zu kritisieren und hoffen, dass andere Bürger das auch machen werden und wir dann eine bürgerliche Bewegung haben. Weil Aserbaidschan, wir haben auch eine stolze Tradition von Demokratie. Seit 1918 das war allererste demokratische Republik in der islamischen Welt. 1919 hatten wir Wahlrechte für Frauen gegeben, wo Frankreich 1944 dieses Recht gegeben hat. Und ich bin sicher, dass wir haben eine neue Generation, und was in den letzten Zeiten auch gesehen haben: Es gibt immer noch Proteste, ja. Die Regierung sagt, wir haben Öl, wir haben doch Geld, warum, alle sind glücklich. Alle sind nicht glücklich.

Raith: Wie groß ist der Rückhalt in der Bevölkerung für die oppositionelle Bewegung?

Milli: Man muss so sagen: Also es gibt eine große, würde ich sagen, Armee von Unzufriedenen, weil die Öleinnahmen haben nur eine sehr kleine Schicht profitiert. Die Mehrheit hat natürlich etwas mehr, was sie in 90ern hatten, ja, das will ich nicht bestreiten, aber das ändert nicht viel, ja, und die Leute haben Angst, weil wenn sie etwas sagen, was Regierung nicht gefällt, dann können sie im Gefängnis landen, sie können auch Arbeit verlieren. Die Verwandten können Arbeit verlieren. Deswegen die Leute haben Angst und die Tatsache, dass die meisten heute nicht auf die Straße gehen, heißt nicht, dass die diese Regierung unterstützen. Und ich fand sehr gut, dass zum ersten Mal, ich glaube, Europäisches Parlament hat ganz starke Resolution über Menschenrechte in Aserbaidschan aufgenommen. Es ist einfach nichts, was nur Aserbaidschan angeht. Es geht um europäische Werte. Ich finde auch als falsch, immer zu sagen, na, es gibt da Öl und Gas, wir können nicht zu viel Kritik ausüben. Ich verstehe die Logik überhaupt nicht.

Raith: Herr Milli, Pardon, Sie sagen es, die EU unterhält ja ein Partnerschafts- und Kooperationsabkommen mit Aserbaidschan. Das Land ist besonders wegen Öl und Erdgas strategisch wichtig. Sehen Sie, dass sich an dieser Politik etwas ändert in der EU?

Milli: Es ändert sich schon. Ich glaube, Eurovision hat geholfen wirklich, die Stimmung im Europäischen Parlament zu ändern. Es gab zwei Resolutionen, die sehr gut waren, weil die haben verlangt die Befreiung von besetzten aserbaidschanischen Gebieten von Armenien. Und sie haben auch Konditionalitätsprinzip für diese Verhandlungen in Assoziationsabkommen da gestellt, sie haben auch die Freiheit für politische Gefangene, mehr politische Rechte in Armenien und Aserbaidschan verlangt vom Europäischen Parlament, das war sehr gut. Und endlich sogar Konservative haben aufgehört, aserbaidschanische Regierung zu unterstützen und wir haben eine starke Resolution unterstützt. Es ist schon peinlich geworden, diese Autokratie zu unterstützen, und ich finde, dass ist eine ganz wichtige Entwicklung.

Raith: Aber Herr Milli, noch scheint sich die aserbaidschanische Regierung nicht beeindrucken zu lassen. Sie geht ja sehr hart im Moment noch gegen Demonstranten vor und sieht sich ja selber auch als Opfer eines Informationskrieges.

Milli: Die machen so eine Propaganda wie in Sowjetzeiten ja daraus, und ich finde es gut, weil bringen diese Lügen zum Absurditätslevel und zeigen im Fernsehen und das hat eine Gegenreaktion, ja? Im Internet haben alle nur darüber gelacht. Da kann man das nicht mehr seriös angucken und das ist sehr gut. Natürlich es hilft, und Änderung kommt nicht in einem Tag, verstehen Sie, aber was ganz wichtig, die Wahrheit zu sagen, alles so zu zeigen, wie es ist, und dann wird für diese Regierung wird Macht verlieren vor allem auf Softpower-Level.

Raith: Wie groß, Herr Milli, ist denn die Gefahr, dass das Ausland Aserbaidschan nach dem Eurovision Songcontest wieder gänzlich aus den Augen verliert und sich nichts ändert, sogar vielleicht im Gegenteil, dass die Regierung dann erst recht hart durchgreift, wenn eben niemand mehr guckt.

Milli: Ja, die Leute können verhaftet werden. Die sich jetzt aussprechen und protestieren. Die können verhaftet werden und die werden nicht sagen, wir schicken dich ins Gefängnis, weil du während Eurovision protestiert hast. Aber weil du Deutschlandfunk Interview gegeben hast. Nein, dann hören Sie irgendwann in einem Jahr, ach, Emin Milli ist im Gefängnis, weil er drogenabhängig ist, weil man hat Drogen in seinen Taschen gefunden, ja? Werden Sie es glauben? Hoffentlich nicht. Das gleiche kann mit jedem passieren, der heute aktiv ist.

Raith: Herr Milli, Sie gehen davon aus, dass die Repressionen nach dem Eurovision Songcontest genauso hart oder noch härter weitergehen?

Milli: Auf jeden Fall. Ich meine, es ist nicht zum ersten Mal. Die Leute, die das machen, wissen ganz genau, mit wem sie zu tun haben, das ist ein autoritärer Staat. Aber wir wären sehr dankbar, wenn europäische Medien, wenn europäische Politiker, Stiftungen, viel mehr Aufmerksamkeit Aserbaidschan schenken. Zum Beispiel Weißrusslands Opposition hat unabhängiges Fernsehen in Polen. Aserbaidschanische Zivilgesellschaft hat es nicht. Ich hab das vor Kurzem mit einigen europäischen Politikern gesprochen und Medienvertretern. Und die sagten, ja, aber wir haben jetzt Fernsehen in Weißrussland und da ändert sich nichts, ja? Wir haben dieses Fernsehen in Polen, da ändert sich nichts. Und ich habe gesagt, na ja, man kann nicht erwarten, dass etwas sich in einem Tag ändert. Al Dschasira ist in arabische Welt 1996 gekommen und erst 2011 hat sich anders geändert. Wie wir jetzt am Beispiel von Ägypten sehen. Das ist ein Prozess.

Raith: Herr Milli, auch deswegen werden Sie im September wieder zurückgehen nach Aserbaidschan, wenn Sie Ihre Magisterarbeit in London vollendet haben. Haben Sie keine Angst, wieder verhaftet zu werden? Sie haben es vorhin angesprochen, Haft könnte Ihnen drohen auch nach diesem Interview. Warum gehen Sie trotzdem zurück?

Milli: Also ich bin ein Mensch. Ich hab eine Würde, ich habe auch Ängste und ich bin kein Held. Ich sage und tue das, was ich für richtig halte. Ich war nicht immer so. Ich wollte mich aus der Politik irgendwo raushalten, ganz ruhig, weil ich hatte Angst. Dann bin ich kritischer und kritischer geworden, dann war ich bestraft auf verschiedene Art und Weise, Gefängnis, dann komme ich raus, ja mein Vater ist gestorben, als ich im Gefängnis war. Meine erste Ehe ist kaputt gegangen, weil es ganz schwierig war, in meinem Leben einfach ein guter Mann zu sein. Das alles hat Einfluss. Und wenn du guckst, okay, was machst du im Leben, willst du die Situation ändern in deinem Land, wo du geboren bist? Oder willst du einfach wegrennen. Und ich will nicht irgendjemanden beurteilen, der Aserbaidschan verlässt. Ich verstehe, ein Freund von mir, Musiker, der gefoltert war, ja, Jamal Ali, er hat Aserbaidschan verlassen. Aber andererseits will ich, so viel ich Kraft habe, will ich in Aserbaidschan bleiben, weil ich glaube, das ist auch wichtig, dass irgendjemand da bleibt. Dass jemand diesen Kampf einfach in Aserbaidschan auch weiterführt. Und ich fühle eine bestimmte Verantwortung. Und ich einfach überwinde meine Angst, ich muss ganz ehrlich sagen.

Raith: Der aserbaidschanische Blogger Emin Milli über Menschenrechte und Meinungsfreiheit in Aserbaidschan am Tag des Eurovision Songcontest. Das Gespräch haben wir vor der Sendung via Skype aufgezeichnet und Sie finden es in Bälde auch im Internet unter dradio.de.


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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