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Facebooks "Timeline" empört die Datenschützer

Das soziale Netzwerk will das Leben seiner Nutzer nachzeichnen

Wissenschaftsjournalist Marcus Schuler im Gespräch mit Manfred Kloiber

Die Nutzerdaten aus "Timeline" wird Facebook vermutlich zu Geld machen, sprich weiterverkaufen.
Die Nutzerdaten aus "Timeline" wird Facebook vermutlich zu Geld machen, sprich weiterverkaufen. (dradio.de / Facebook)

Internet.- Mit "Timeline" will Facebook nach und nach so etwas wie eine Biografie seiner Nutzer erstellen: In einem Zeitstrahl soll zu sehen sein, wann welcher Nutzer welchen Kommentar gepostet hat, welches Foto hochgeladen hat, wo gewesen ist. Klar, dass das vor allem Datenschützer auf den Plan ruft.

Manfred Kloiber: Facebook will das ganze Leben abbilden. Jedes Musikstück, das man hört, jeden Film, den man sieht, jedes Foto, das man macht, jede Wegstrecke, die man zurücklegt - für jeden Nutzer ein Lebensarchiv - beginnend mit der Geburt. Dazu wurde das soziale Netzwerk komplett umgebaut. Marcus Schuler, am Donnerstag stellte der Chef von Facebook, Mark Zuckerberg, auf der F8, der jährlichen Entwicklerkonferenz von Facebook, die umwälzenden Neuerung vor. Was ist denn tatsächlich neu, was wurde verändert?

Marcus Schuler: Die sogenannte Timeline, die Zeitleiste, wird wie eine Art Online-Magazin gestaltet sein, wie ein Blog muss man sich das vorstellen. Alles was man jemals bei Facebook von sich publik macht, kann man auf einem Zeitstrahl mit Jahreszahlen ansurfen, darauf klicken. Facebook will, dass man das Netzwerk mit seinen geschätzt mehr als 800 Millionen Menschen, mit seinen Mitgliedern zum zentralen Archiv macht, auf dem man jegliche Aktivitäten mit seinen digitalen Freunden teilt.

Kloiber: Und wann soll dieses neue Facebook starten?

Schuler: So ganz klar ist das noch nicht. In den nächsten Wochen jedenfalls, heißt es. Man kann aber über einen Entwickler-Zugang die neuen Funktionalitäten schon selbst freischalten. Auf TechCrunch.com, aber auch auf anderen Webseiten finden sich ganz einfache Anleitungen, wie das geht.

Kloiber: Und wie soll das alles funktionieren? Da ist man ja dann ständig damit beschäftigt, diese Timeline zu füttern, Status-Updates einzugeben und so weiter.

Schuler: Genau das wird aber automatisiert werden, es ist zum Teil schon automatisiert. Nehmen Sie als Beispiel die Location-Dienste, also die ortsbasierten Dienste. Da gibt es ja mittlerweile schon sehr viele Anbieter, die ihre Apps auf dem Smart Phone, dem Tablet-Computer oder im Browser mit Facebook verknüpfen. Zum Beispiel die britische Tageszeitung "The Guardian" oder die "Washington Post" haben angekündigt, dass sie die neue Funktionalität unterstützen werden. Liest man deren digitale Ausgaben – zum Beispiel auf dem Tablet-PC, liest man dort einen Artikel, dann würde dies automatisch auf der neuen Zeitleiste bei Facebook veröffentlicht werden. Ein anderes Beispiel: Der Musikdienst Spotify ist weltweit ja sehr populär, in Deutschland ist er allerdings noch nicht benutzbar, weil die Rechte nicht geklärt sind. Wir hinken dort immer ein wenig hinterher. Bei Spotify jedenfalls kann ich via Mobiltelefon oder am PC meine Lieblingsmusik anhören. Und die Musiktitel, die ich mir dann anhöre, würden automatisch in dieser neuen Zeitleiste bei Facebook erscheinen. Und das lässt sich eben beliebig fortsetzen auf viele Aktivitäten: Filme schauen, auf Reisen gehen, Fotos machen, Bücher lesen und so weiter. Ich muss dazu aber nicht mehr in Facebook direkt eingeloggt sein, es reichen schon andere Dienste, die eben auf meinem Telefon installiert sind und die die Freigabe haben, meine Aktivitäten an Facebook zu übermitteln.

Kloiber: Es entstehen ja riesige Datenmengen, die dann Facebook auch sicherlich kommerziell nutzen kann.

Schuler: Natürlich steckt dieses Ziel dahinter. Alles andere wäre blauäugig zu glauben. Je mehr Daten Facebook über einen sammelt umso transparenter wird man als Mensch. Und je mehr Daten man über einen Menschen hat, umso besser kann man als Werbetreibender dieser Person Produkte anbieten. In der analogen Welt gibt es so etwas ja schon seit langem: Dienste wie Payback oder die Deutschland Card funktionieren nach einem ähnlichen Prinzip. Und man muss natürlich auch wissen: Facebook verlangt für seine Dienste keinen Cent. Er ist für die Nutzer kostenlos. Geld muss also das kalifornische Unternehmen anderswo verdienen.

Kloiber: Die neuen Angebote von Facebook haben sicherlich auch die Datenschützer interessiert. Was sagen die?

Schuler: Ja natürlich. Der Bundesdatenschutzbeauftragte Peter Schaar meldete sich gleich gestern zu Wort und hat alarmierend davor gewarnt, diese neuen Funktionen zu nutzen. Er sagte, jeder sollte sich bewusst sein, dass einmal übertragene Daten der eigenen Kontrolle entzogen werden. Die Nutzer sollten sich laut Schaar ernsthaft überlegen, ob sie die Geschichte ihres Lebens, wie von Herrn Zuckerberg vorgeschlagen, auf Facebook erfassen sollen. Ich glaube, es ist wichtig, die Nutzer zu sensibilisieren und ihre Sinne zu schärfen – nämlich dann, wenn sie ohne eigenes Wissen Daten an soziale Netzwerke weitergeben. Hier ist Einzelaufklärung notwendig. Und ich vermute, das ist noch notwendiger bei den heutigen Teenagern und weniger bei uns Älteren, die wir dort meist ohnehin sehr vorsichtig und sensibel mit diesen Daten umgehen.



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