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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenFahrstuhl ins Unterbewusstsein10.05.2007

Fahrstuhl ins Unterbewusstsein

Entwicklungen in der modernen Traumdeutung

Etwa ein Drittel seiner Lebenszeit verbringt der Mensch im Schlaf. Dennoch ist das keine verlorene Zeit, denn Nacht für Nacht passiert ganz viel - wir träumen, tauchen ein in eine Welt mit ihren eigenen Gesetzen und Regeln: Menschen können fliegen, durch Mauern gehen, mit Tieren sprechen; Zeitgrenzen verschwinden, Wünsche oder Ängste nehmen Gestalt an.

Von Andrea Westhoff

Haben Träume eine Bedeutung für das "Wachleben"?  (AP)
Haben Träume eine Bedeutung für das "Wachleben"? (AP)

"''Oft werd ich wach, mitten in der Nacht, und ich erinnere mich eben wirklich auch häufig an meine Träume. Ich träume von Tieren, ich träum auch häufig, dass jemand, der mir nahe steht, stirbt, dass ich verlassen werde, verraten werde, und ich träum auch manchmal klassische Alpträume mit Monstern, die irgendwo auf mich lauern oder solche Dinge.''"

"3898 Begriffe mit 3224 Deutungen - die Traumsymbol-Datenbank jetzt im Netz!

"Ich glaube nach wie vor, dass es ein wichtiger Weg zum Unbewussten ist, ich würde nicht unbedingt sagen der Königsweg, er ist für mich eine Art, sagen wir mal, Notiz der Seele, Traumdeutung würde dann heißen, all diesen Spuren nachzugehen."

"Die Traumbilder sind wie Spiegelbilder im Wasser durch die Bewegung verzerrt, und man muss verstehen, in dem verzerrten Bilde das Wahre zu erkennen."

"Um Träume zu erheben oder auch verschiedene Variablen, die mit den Träumen zu tun haben, werden Fragebogen, Tagebücher und die Laborweckungen eingesetzt, wo gesunde Personen ins Labor kommen, und nachts dann auch geweckt werden und nach Träumen befragt werden."

Träume zu erklären - mit ihren oft bizarren Bildern, unmöglichen Verknüpfungen und Zeitsprüngen - das gehört seit Urzeiten zu jeder Kultur fast überall auf der Welt. Traumsymbolbücher füllten über Jahrhunderte die Bibliotheken und galten vielfach als Ergebnis akribischer Wahrheitssuche. Aber erst mit Sigmund Freuds Buch "Die Traumdeutung" von 1899 beginnt die systematische Erforschung der nächtlichen Vorgänge. Eva Jaeggi, Psychoanalytikerin und Berliner Professorin für Psychologie:

"Das wichtigste daran ist, dass er damit aufgehört hat, Träume sozusagen zu übersetzen, 1 zu 1, dass nicht irgendwelche Bilder ganz festgelegt etwas bedeuten, das heißt er hat im Traum dieselben Kräfte walten sehen, die im normalen Seelenleben sind, dass Konflikte, die abgewehrt werden, verdrängt werden, in entstellter Form unter Umständen wieder auftauchen können, ... ."

....als Hinweise auf verborgene Sehnsüchte und Wünsche, meist sexuelle, deutete Freud die Träume, als "Königsweg zur Kenntnis des Unbewussten im Seelenleben". Damit faszinierte er freilich das skandalverliebte Bürgertum mehr als seine wissenschaftlich-medizinischen Kollegen.

In den 1950er Jahren schien sich Freuds Traumdeutung dann endgültig "erledigt" zu haben: Mittels der Aufzeichnung von Gehirnströmen in Schlaflaborversuchen hatte der US-Forscher Nathaniel Kleitman entdeckt, dass Menschen mehrmals nachts unter den geschlossenen Augenlidern heftig die Augen hin- und herbewegen, und wenn man sie aufweckte, erzählten die Probanden von intensiven Träumen. Viele Schlafforscher setzten diesen Zustand des "Rapid Eye Movement" kurz REM-Schlaf, mit dem Traum gleich und glaubten, es sei nicht mehr als ein "biochemisches Gewitter" im Stammhirn, ohne tieferen Sinn.

[Manchen erschien eine "Traumdeutung" sogar schädlich, dem Biochemiker und berühmten Entdecker des DNA-Modells Francis Crick zum Beispiel. Er behauptete:

"Wir träumen, um zu vergessen".

Das Gehirn benutze die Träume, um störende Erinnerungen oder sinnlose Assoziationen aufzurufen, zu überprüfen und dann quasi zu "löschen". Ein Grund, so Crick, warum wir uns in der Regel so schlecht an unseren Träume erinnern. ]

Und doch war das keineswegs das Ende der Traumdeutung, erzählt Dr. Michael Schredl, Leiter des Schlaflabors am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim:

"Die Traumforschung ist sozusagen in Wellen verlaufen, und heute denk ich gibt's tatsächlich wieder ne Konjunktur der Traum- und Schlafforschung, also im Sinne der cognitive science, was macht das Gehirn nachts während des Schlafes? Welche Gehirnareale sind da aktiv? und ich denke, das ist eine Richtung, die jetzt wieder stärker im Kommen ist."

Der südafrikanische Neurologe und Psychologe Mark Solms entdeckte durch die Arbeit mit hirnverletzten Patienten, dass Träume nicht nur im Stammhirn entstehen, sondern auch in jenem höheren Teil, der im Wachzustand für Gedächtnis und Gefühle zuständig ist und der vor allem aktiv wird, wenn wir etwas wollen: Essen, Trinken, Rauchen, Sex...
Solms sagte auf einem Vortrag während der Lindauer Psychotherapiewochen 2005.

Wir haben aufgrund des aktuellen Standes der neurowissenschaftlichen Forschung guten Grund, Freuds radikale in der Traumdeutung formulierte These ernst zu nehmen, dass Träume Phänomene sind, die durch unsere Wünsche erzeugt werden."

Nicht mehr die Couch, sondern das High-Tech-Schlaflabor ist heute der Platz, wo Traumforschung stattfindet...

" Das ist' n Einzelableiteplatz, das ist ein ganz normales Krankenhausbett, komplett verkabelt, da sieht man da vorne den Verstärker, wo die ganzen Kabel dann reingesteckt werden; Infrarotkamera und die läuft synchron und die Daten sowohl der Kamera als auch der Biosignale, die werden die ganze Nacht aufgezeichnet."

Fragebögen, Hirnstrommessungen, neueste bildgebende Verfahren und Traumtagebücher sind die Hilfsmittel für moderne Schlafforscher wie Michael Schredl, der lieber von "Traumarbeit" als von "Traumdeutung" spricht:

"Ich sehe Träume einfach als psychische Aktivität, die während des Schlafes stattfindet. Also genauso wie sie tagsüber denken, erleben und fühlen, macht das gleiche das Gehirn, das Bewusstsein, nachts während des Schlafes auch. Ob man da jetzt den Begriff Unterbewusstes braucht oder nicht, ist, denk ich, sekundär, die Grundidee ist eben, dass Information verarbeitet wird, bearbeitet wird, was dem Menschen dann auch während des Tages hilft."

In mehreren Studien in Mannheim konnte zum Beispiel gezeigt werden, wie stark sich das Tagesgeschehen in unseren Träumen wieder findet. Allerdings wird es nicht ganz konkret abgebildet: vornehmlich beschäftigen uns im Schlaf aktive Handlungen, Begegnungen mit Menschen und emotional bewegende Dinge. Außerdem wurden vier Traumbefragungen von 1956 bis 2000 ausgewertet und dabei deutliche Geschlechtsunterschiede festgestellt, zum Beispiel beim Thema "Arbeit":

"Männer arbeiten mehr, also träumen sie auch mehr von Arbeit, das hat sich auch bestätigt, sowohl 1956 als auch 2000, interessanterweise war es so, dass insgesamt das Thema Arbeit auch bei Frauen stark zugenommen hat, aber auch bei Männern, was ich natürlich soweit interpretierte, dass das Thema Arbeit natürlich in der heutigen Zeit ein viel höheres emotionales Gewicht hat als damals, wo sagen wir mal wir mal Arbeitsplätze, Vollbeschäftigung und solche Dinge viel sicherer waren, als es heute ist. "

Der Geschlechtsunterschied bezogen auf die gesamte Traumthemenpalette ist immens - und übrigens stabil von 1956 bis heute.

"Die Männer träumen mehr von physischer Aggression, also von Gewalt, körperlicher Gewalttätigkeit und von Sexualität, während Frauen zum Beispiel, jetzt in einer Studie von mir mehr von Problemen im sozialen Bereich träumen als Männer, und da ist die Grundidee, dass die Träume also trotz aller Emanzipation usw. natürlich immer noch unterschiedliche Lebenswelten widerspiegeln. Nehmen wir mal das Thema Sexualität: Man kann heute immer noch genauso wie vor 50 Jahren nachweisen, dass Männer im Durchschnitt wesentlich häufiger an Sex tagsüber denken als Frauen, und dann hat man natürlich auch sofort eine Erklärung für den Geschlechtsunterschied bei Sexträumen, auch bei physischer Aggression ist es so, sie müssen sich nur die Nachrichten anschauen oder ähnliche Sachen, Gewalttaten werden auch heute genauso wie vor 50 Jahren vorwiegend von Männern verübt, das heißt also es ist ganz klar, dass Geschlechtsstereotype immer noch vorhanden sind, das heißt die spiegeln sich dann auch im Traum wider."

Umgekehrt scheinen manche Träume sich in die Realität hinüber zu retten:

"Das haben wir untersucht, weil mich das selbst interessiert hat, weil die Literatur ja voll ist von Beispielen, wo berühmte Künstler Gemälde schaffen, oder Paul McCartney hat die Melodie von Yesterday im Traum gehört, auch Wissenschaftler, die Ideen im Traum gehabt haben und das dann in der Realität umsetzen konnten, und uns hat interessiert, wie ist das denn bei dem normalen Menschen, und haben da auch Daten von über 1.000 Versuchspersonen gesammelt und ausgewertet und das waren dann so Dinge wie eine Idee für einen Vortrag oder für die Diplomarbeit, also eine wissenschaftliche Problemlöseseite, dann gab's natürlich auch viele Hobbykünstler, die den Traum benutzt haben für ein Gemälde oder eine Geschichte zu schreiben, und wir haben dann noch eine dritte Kategorie entdeckt oder untersucht, das ist der Traum als Anstoß, etwas Neues zu tun. Man träumt von irgend einem schönen Ort und fährt dann in Urlaub, oder man träumt von einer Person, also das war ein Beispiel, wo ein Junge von einem Mädchen geträumt hat, und der Traum war dann der letzte Anstoß, das Mädchen anzusprechen."

"Auf einem Katafalk lag ein mit Trauerkleidern geschmückter Leichnam. Ringsum Wachsoldaten und eine Menschenmenge, die den ruhenden Leib, dessen Gesicht von einem Stück Leinen verdeckt war, mit traurigen Mienen betrachtete. Andere weinten tief erschüttert. 'Wer ist im Weißen Haus gestorben?' fragte ich einen der Soldaten. 'Der Präsident', antwortete er. 'Er ist einem Mörder zum Opfer gefallen.'"

Diesen Traum soll Abraham Lincoln seinen Freunden erzählt haben, wenige Tage, bevor er ermordet wurde.
Auch Vorhersehungen sind für die wissenschaftliche Traumdeutung durchaus noch ein Thema, weiß der Mannheimer Psychologe Michael Schredl:

"Als Forscher ist man natürlich bei solchen Phänomen erstmal sehr vorsichtig, man muss gucken, ob die Übereinstimmung zwischen dem, was passiert ist, und dem Traum wirklich hoch ist, weil, ich hatte einem Fall schon, wo eine ältere Frau erzählt hat, sie träumt von schmutzigem Wasser und dann stirbt jemand in ihrem Bekanntenkreis, also bei so weitläufigen Verbindungen ist es natürlich so, dass die Wahrscheinlichkeit dann doch irgendwann mal zuschlägt, ..."

Das Problem solcher prophetischen Träume ist nämlich, dass sich ihre Wahrheit erst erweist, wenn das Ereignis eingetreten ist! Es gibt also möglicherweise eine Vor-Ahnung, aber keine Vorhersage durch den Traum. Trotzdem gehört das Phänomen für Michael Schredl zur psychologischen Traumarbeit dazu:

"Ein bisschen problematischer Bereich ist, dass manche Leute Angst vor ihren Träumen entwickeln, grade wenn sie schon mal die Erfahrung gehabt haben, dass sie ein negatives Ereignis vorhergesagt haben, und da ist es auch ganz wichtig, dass man solche Leute ernst nimmt und mit ihnen über ihre Träume spricht und über die Angst, dass ihre Träume was Negatives vorhersagen."

Neben der psychologischen Grundlagenforschung spielt die Traumdeutung bis heute in der psychotherapeutischen Praxis eine große Rolle. Vor allem natürlich bei Therapeuten wie Eva Jaeggi, die Freud nicht nur wegen ihrer Wiener Herkunft nahesteht:

"Da ich Psychoanalytikerin bin, arbeite ich viel und gern mit Träumen. Jeder Traum hat viele Schichten, deswegen ist er eben nie ganz auszudeuten, und er ist für mich eine Art Notiz auch des Unbewussten, wie eine Art hingeworfene paar Zeilen, und man kann sicher nicht alle diese Notizen entziffern, aber ich habe den Eindruck, dass es immer sehr viel mit wichtigen Situationen, mit wichtigen Konflikten und auch mit Wünschen zu tun hat, so dass der Traum in der Therapie einfach ein Hilfsmittel sein kann, um Dinge hervorzuholen, die vielleicht bisher in dieser Weise nicht bewusst gewesen sind, oder nicht so gesehen wurden."

Das erinnert doch sehr an Freuds Traumdeutung, auch wenn moderne Psychoanalytiker das Wort deuten eigentlich nicht gern benutzen, sagt Eva Jaeggi, schon gar nicht in der Traumarbeit selbst!

"Die wichtigste Frage, wenn ein Patient einen Traum erzählt, ist: "Was fällt Ihnen dazu ein?" und bloß nicht "Wie deuten Sie diesen Traum?" und natürlich deutet auch nicht der Analytiker, sondern man schaut mal, wie sich diese Bilder, die da produziert wurden, verästeln lassen, was noch angefügt wird, was dazu assoziiert werden kann, und daraus ergibt sich dann ein Bild, aber das muss gar nicht ein vollständiges Verständnis des Traumes sein."

...manchmal allerdings haben Menschen schon Sehnsucht nach vollständiger Deutung - wenn Träume sie bedrücken, sie nachts aus dem Schlaf schweißgebadet aufschrecken und schweratmend nach der sicheren Realität tasten lassen. Kurz: wenn es sich um Alpträume handelt. Auch diese hat der Mannheimer Traumforscher Michael Schredl untersucht:

"Das Hauptthema ist Verfolgung, das heißt entweder menschliche - Tiere oder auch Fantasiefiguren - Aggressoren bedrohen den Träumer und die Träumerin und es kommt dann zu ner Verfolgungsjagd, zweithäufigstes war dann Verletzung oder Tod von anderen Personen, bei Kindern häufig der Eltern oder Geschwister und auch Fallen ist ein häufiges Thema in Alpträumen."

Selbst bei der Deutung von Alpträumen bleibt Schredl ganz "bodenständig", behält den Zusammenhang zum realen Leben im Blick - und wandelt dabei manchmal doch ein wenig auf Freuds Spuren:

"Die Interpretation, warum bestimmte Themen den Alptraum prägen, ist natürlich sehr von der Person abhängig, was ihr Angst macht. Meine Vorstellung ist, dass der Traum Bilder wählt, die besonders deutlich Angst darstellen. Verfolgung ist ein Angstthema, und grade bei der Verfolgung ist natürlich die Idee, dieses Weglaufen vor etwas Bedrohlichem, dass das möglicherweise auch einen Bezug zur Wachrealität hat. Möglicherweise ist im Wachzustand das Problem, die Angst nicht so groß, aber es gibt doch auch da immer wieder Dinge, vor denen man gern weglaufen möchte."

Träume haben eine Bedeutung - wir wissen nur noch nicht genau, welche. Selbst für den Wissenschaftler Michael Schredl sind sie mehr als Statistiken und Messdaten...

"Zur Traumforschung bin ich natürlich auch gekommen über das Interesse für meine eigenen Träume. An meinen eigenen Träumen, ich schreib jetzt schon seit über 20 Jahren Träume auf, hat mich immer am meisten fasziniert der kreative Aspekt, wo die Tagesereignisse zwar auftreten und auch die wichtigen Elementen, die einen beschäftigen, und man im Traum die gleichen Schwierigkeiten hat wie im Wachzustand, trotzdem werden ganz neue Bilder geschaffen, ganz neue Erlebnisse, also es ist ein sehr kreativer Akt."

Und für die Menschen, die um ihre Träume wissen, haben sie auf jeden Fall einen Sinn, selbst wenn sie nicht in alle Winkel ausgedeutet werden können

"Auch wenn es sehr anstrengend ist und ich auch öfter das Gefühl habe ich bin weniger ausgeschlafen morgens, hab ich auch das Gefühl, das ist ein Teil von mir und das hat bestimmt auch seine Wichtigkeit. Vielleicht ist das nötig, vielleicht brauch ich das, ich bin ich eher son bodenständiger Typ, pragmatischer Typ im wirklichen Leben und vielleicht ist das sone andere Seite, die dann eben nachts stattfindet oder sone gewisse Fantasie oder Ängste, die nachts dann auch dran sind. Und ich weiß nicht, obs mir wirklich besser gehen würde, wenn ich dieses Ventil da nachts nicht hätte."

"Träume, die nicht gedeutet werden, sind wie Briefe, die nicht geöffnet wurden"

...sagt der Talmud.

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