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StartseiteSport am WochenendeFanarbeit am Existenzminimum01.05.2011

Fanarbeit am Existenzminimum

Sozialarbeiter und Pädagogen kümmern sich seit 30 Jahren um Gewaltprävention

Am Tag der Arbeit finden keine Bundesligaspiele statt, um die Polizei zu entlasten, darauf haben sich Politik und Fußballverbände vor einem Jahr geeinigt. Neben den traditionellen Mai-Demonstrationen sollen so zusätzliche Einsätze von Sicherheitskräften bei brisanten Fußball-Spielen durch randalierende Hooligans vermieden werden.

Von Ronny Blaschke

FC Hansa Rostock (fc-hansa.de)
FC Hansa Rostock (fc-hansa.de)

Wenn es um gewaltbereite Fans geht, werden oft mehr Strafen gefordert. Was aber ist zu tun, um Aggression und Extremismus gar nicht erst entstehen zu lassen? Auf diese Frage suchen Sozialarbeiter seit 30 Jahren Antworten. 1981 wurde in Bremen das erste pädagogische Fanprojekt eröffnet, inzwischen sind es fast 50 in Deutschland. Doch die Zahlen trügen. Bis heute arbeiten Fanprojekte am Existenzminimum, wie das Beispiel des Zweitliga-Aufsteigers Rostock zeigt.

An jedem Wochenende fährt Nico Stroech ins Stadion, das ist sein Beruf. Seit fast vier Jahren leitet Stroech das Fanprojekt in Rostock. Der Erziehungswissenschaftler möchte Sozialarbeit im Rostocker Fußball etablieren. Nicht für den FC Hansa, sondern für die Jugendlichen, die den Verein umgeben.

"Theoretisch könnte es jede andere Sportart oder jeder andere kulturelle Hintergrund sein. Viele Jugendliche, die sich fernab jeglicher Jugendhilfe in ihrem sozialen Umfeld bewegen. Das klassische Zitat, was wir immer so hören: ,Na wer von uns geht denn schon in den Jugendklub?’ Da geht’s wirklich um Formen der klassischen Jugendhilfe, wo der Fußball und die Vereinsaffinität dazu dienen, sie als Medium zu nutzen, um an diese Jugendlichen heranzukommen."

Das Fanprojekt Rostock liegt in der Wismarschen Straße, das Stadion ist nicht weit entfernt. Nico Stroech und seine beiden pädagogischen Kollegen betreuen Jugendliche im Alter von 13 bis Mitte zwanzig.

Auf 250 Quadratmetern können sich die Fans des FC Hansa entfalten. Sie haben die Einrichtung selbst gestaltet. An der Fensterfront stehen zwei Kickertische, daneben eine kleine Bar. Das Fanprojekt hilft den Jugendlichen in allen Lebenslagen. Manche Fans leisten im Projekt ihre Sozialstunden ab. Andere haben kaum Kontakt zu ihren Eltern oder leiden unter ihren Arbeitgebern. Immer wieder wollen sie mit Nico Stroech über ihre Sorgen sprechen. Weniger Sorgen führen zu weniger Frust. Und ohne Frust entstehen weniger Konflikte. Gewaltprävention im weiteren Sinne. Nico Stroech will Feindbilder und Klischees abbauen. Wie einfach das gehen kann, hat er 2007 gemerkt, als er zum ersten Mal einen der Fans näher kennenlernen durfte.

"Und dann zeichnet sich ein Bild im Kopf, wo man denkt: Oh mein Gott, was kommt denn da jetzt für einer an. Zwei Meter groß, zwei Meter breit, das muss ja ein ordentlicher Packer sein. Und dann kommt da wirklich ein ganz netter, freundlicher, höflicher, junger Mann rein, der sich mit einem ganz nett, freundlich, höflich unterhält. Das war ein ziemliches Aha-Erlebnis."

Die Sozialarbeit mit Fans ist eine Konsequenz aus den Katastrophen der achtziger und 90er-Jahre. Wöchentlich war es in den Stadien zu Ausschreitungen gekommen. Doch erst 1992 wurde das Nationale Konzept Sport und Sicherheit verabschiedet: das NKSS. Die Kosten für ein Fanprojekt sollten auf einer Drittellösung basieren, unter Beteiligung der jeweiligen Kommune, des Bundeslandes und des DFB. Die Vereine wurden außen vor gelassen, um die Unabhängigkeit der Fanprojekte und die Bedeutung der staatlichen Jugendhilfe zu betonen.

Doch erst nach der WM 1998 wurde Sozialarbeit in der Branche tatsächlich ernst genommen. Hooligans hatten den französischen Polizisten Daniel Nivel in Lens fast zu Tode geprügelt.
Sozialarbeit wurde unverzichtbar. Seit 1998 ist das Netzwerk der Fanprojekte rasant gewachsen, in Stuttgart wird vermutlich bald das 50. eröffnet. Kein anderes Land der Welt leistet sich ein solches System. Doch es gibt Einwände, sagt Michael Gabriel, seit 2006 Leiter des Dachverbandes der Fanprojekte.

"Also trotzdem ist jedes Fanprojekt unterfinanziert. Ganz banal, wenn man schaut, wie viel Geld für Sicherheit aufseiten der Polizei ausgegeben wird und das ins Verhältnis setzt zu dem, was ausgegeben wird für soziale Arbeit, die langfristig wirkt, die nachhaltig wirkt und nicht nur punktuell an einem Spieltag wirkt, dann ist das natürlich eine riesige Diskrepanz, das ist eigentlich ein gesellschaftlicher Skandal, dass das so ist. Aber auf der anderen Seite kann man es Skandal nennen aber es wird sich nichts ändern daran."

100 Millionen Euro sollen Polizeieinsätze in der Fußball-Saison 2009/2010 gekostet haben, davon ließe sich Fanarbeit 17 Jahre lang finanzieren. Nach Einschätzung von Michael Gabriel ist nur ein Zehntel der Fanprojekte wunschgemäß ausgestattet, mit einem Etat von 180.000 Euro. Die im Sicherheitskonzept geforderten drei Pädagogen sind ein Wunsch geblieben, im Schnitt sind weniger als zwei Hauptamtliche in den Projekten angestellt. Die Finanzierung scheitert nicht am Fußball. Der DFB und die Deutsche Fußball-Liga haben ihr Drittel stets pünktlich bezahlt, oft stellen sich jedoch Kommunen und Landesregierungen quer. So wie in Rostock, wo das Fanprojekt erst nach 15 Jahren Streit eröffnet werden konnte.

Ob Nico Stroech die verlorene Zeit aufholen kann? Die Fans des FC Hansa haben einen schlechten Ruf, weil ein kleiner Teil durch Ausschreitungen und verbotene Feuerwerkskörper große Schlagzeilen produziert. Stroech will sich den Fans mit Argumenten nähern, nicht mit Repression. Dafür nutzt er auch das gemeinsame Kicken in der Halle. Er hält auch Kontakt zu Fans mit einem Stadionverbot. Wer, wenn nicht er als Sozialarbeiter sollte diese Aufgabe übernehmen?

"Ja, es ist doch nichts schlimmer für einen jungen Menschen als Perspektivlosigkeit. Jungen Leuten klar zu machen, welche Möglichkeiten sie haben, sich in einem demokratischen Rechtsstaat zu Recht zu finden und sich nicht ihrer Ohnmacht hinzugeben, zu sagen: Meine einzige Handlungsalternative ist, einen Stein zu nehmen und den auf einen Polizisten zu schmeißen, um meiner Ohnmacht, um meiner Wut, um meiner Hilflosigkeit Ausdruck zu verleihen."

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