Montag, 18.12.2017
Startseite@mediasres"Wir wollen die Glaubwürdigkeit zurückgewinnen"11.05.2017

Fehler auf der DLF-Facebook-Seite"Wir wollen die Glaubwürdigkeit zurückgewinnen"

In einem Facebook-Beitrag zitiert der Deutschlandfunk aus einem Vortrag von Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles und hat dabei einen Fehler gemacht. Ein verkürztes und damit falsches Zitat wurde bei Facebook tausendfach geteilt und kommentiert. Wie konnte es dazu kommen?

Antje Allroggen im Gespräch mit Marco Bertolaso

Gegenüberstellung des richtigen Zitates von Bundesarbeitsministerin Nahles und des falschen Zitates, das am 9.5. vom Deutschlandfunk bei Facebook verbreitet wurde (Detel /Deutschlandfunk)
Gegenüberstellung des richtigen Zitates von Bundesarbeitsministerin Nahles und des falschen Zitates, das am 9.5. vom Deutschlandfunk bei Facebook verbreitet wurde (Detel /Deutschlandfunk)

Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) hat sich auf der re:publica in Berlin gegen die Einführung des bedingungslosen Grundeinkommens ausgesprochen. In einem Facebook-Beitrag zitiert der Deutschlandfunk aus dem Vortrag der Arbeitsministerin und hat dabei einen Fehler gemacht.

In einer "Zitat-Kachel" in einem Facebook-Post zitiert der Deutschlandfunk die Bundesarbeitsministerin mit den Worten: "Das bedingungslose Grundeinkommen führt dazu, dass keiner mehr schlechte oder niedrig bezahlte Arbeit machen möchte."

Richtig lautet das Zitat: "Das Grundeinkommen führt dazu, dass keiner mehr schlecht oder niedrig entlohnte Arbeit macht. Leute, wenn das stimmen würde, dann käme ich ins Schwanken."

Ohne den zweiten Satz wird Frau Nahles' Gesamtaussage ins Gegenteil verkehrt. Auch sprach Nahles nicht von "schlechter" Arbeit, sondern von "schlecht bezahlter".

Wie konnte es dazu kommen? 

"Ein gravierender Fehler, den wir sehr bedauern"

Antje Allroggen: Diese Mediensendung wurde auch deshalb ins Leben gerufen, um über solche Fehler in der Berichterstattung zu reden, auch, wenn es das eigene Haus betrifft. Und das wollen wir jetzt aus gegebenem Anlass tun. Ich habe vor der Sendung mit Marco Bertolaso gesprochen. Er ist Deutschlandfunk-Nachrichtenchef und stellvertretender Leiter der Online-Redaktion. An ihn ging die Frage: Wie ist es zu dem Fehler gekommen, was ist genau passiert?

Marco Bertolaso: Zunächst einmal möchte ich ohne jeden Zweifel klarstellen, es ist ein Fehler, es ist ein gravierender Fehler, den wir sehr bedauern. Was aber nicht reicht, dass wir ihn bedauern, sondern wir müssen gucken, wie ist es dazu gekommen, und wie können wir es hinbekommen, dass so etwas nie wieder passiert. Das muss mal als erster Satz stehen, und da mache ich mal eine Atempause, damit alle merken, dass das der Leitsatz ist. Jetzt fragen Sie, wie ist es dazu gekommen. Die Frage haben wir uns auch gestellt, als wir gestern gemerkt haben, was da passiert war. Ich möchte das mal so kurz zusammenfassen: Wir haben, wie andere Medien auch, die re:publica auch in diesem Jahr sehr ernst genommen und dachten, dass wir dort auch neben der Radioberichterstattung eine Social-Media-Begleitung wahrnehmen. Die Kolleginnen, die dort gearbeitet haben, haben in einer Verkettung von Problemen, wo auch technische Dinge eine Rolle spielten, diesen einen Satz von Andrea Nahles aus dem Zusammenhang genommen, für bare Münze gehalten und haben dann die Verbreitung über Facebook vorgenommen. Zunächst hat es auch noch über unser Schwesterprogramm DLF Kultur einen Tweet gegeben, und wir sind jetzt damit beschäftigt, rauszufinden, warum dort Sicherungen nicht funktioniert haben.

Allroggen: Warum dauert diese Prüfung anscheinend so lange. Frau Nahles war am Dienstag auf der re:publica, und jetzt ist Donnerstag. Warum braucht das so lange, um das jetzt zu prüfen?

Bertolaso: Dieser Post ist nicht unmittelbar nach dem Auftritt von Andrea Nahles in Berlin bei Facebook geschaltet worden. Das hat noch eine Weile gedauert, wurde also eigentlich vorgestern erst abends gemacht. Dann entwickelte sich das sehr schnell, und wir haben dann eine sehr freundliche Anfrage bekommen vom Social-Media-Team des Bundesarbeitsministeriums, das uns sagte, da ist was falsch zitiert worden. Hier habt ihr einen Link zum Video mit dem Original. Macht damit, was ihr wollt, aber beim nächsten Mal arbeitet gründlicher. Da muss man also wirklich den Hut ziehen vor der Großmütigkeit der Kolleginnen und Kollegen. In der Redaktion ist diese Mail erst mal so verstanden worden, dass wir das eigentliche Kurzzitat, dass das falsch sei. Und in der Tat, wir hatten aus einem "schlechter" ein "schlecht" gemacht, also Adverb wurde zum Adjektiv, sodass die Redaktion erst mal gedacht hat, dass da der monierte Fehler lag. Sodass wir da noch mal ein bisschen länger gebraucht haben, bis wir gemerkt haben, was wirklich passiert war.

"Das ist kein normaler Fall gewesen"

Allroggen: So eine Prüfung kann dauern. Frau Nahles hat ja auch zehn Minuten gesprochen zu einem komplizierten Thema. Sie hat auch nicht unbedingt nur Zuspruch gefunden im Publikum. Wie sind denn die Abläufe normalerweise, wenn der Deutschlandfunk auf seinem Facebook-Account etwas postet? Wer darf da wann was posten?

Bertolaso: Sie sagen das schon sehr richtig. Das ist kein normaler Fall gewesen. Normalerweise ist es so, dass wir in der Onlineredaktion ganz klare Zuständigkeiten haben. Wir haben Online-CvDs (Chef von Dienst), so nennen wir das, und wir haben auch Leute zum Teil, die für die sozialen Medien dann in ihrer Schicht hauptamtlich zuständig sind. Das alles läuft nach einem mindestens Vier-Augen-Prinzip. Aus technischen Gründen war es jetzt so, dass die Berichterstattung von der re:publica sozusagen direkt vom Laptop von der Veranstaltung ins Netz gegangen ist. Und das ist dann –

Allroggen: Ohne das Vier-Augen-Prinzip zu berücksichtigen?

Bertolaso: Doch, es hat schon natürlich ein Vier-Augen-Prinzip gegeben, weil dort ja insgesamt drei Kolleginnen im Einsatz waren. Allerdings stelle ich mir jetzt die Frage und glaube auch schon zu wissen, wie ich die beantworten werde, dass in so einer hektischen Situation es möglicherweise doch nicht ausreicht, wenn die drei Kolleginnen unter Stress sich dann austauschen. Und ich denke auch, in diesem Ausnahmefall, Außenberichterstattung für soziale Medien, ist eine Rückkopplung an die Zentrale geboten, sodass da noch mal jemand drüberguckt. Das hätte möglicherweise in diesem Fall den Fehler vermeiden können. Wobei, noch mal ganz klar, ich möchte mich nicht rausreden – der Fehler ist passiert.

"Wir wollen alles tun, um diese Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen"

Allroggen: Wie geht der Deutschlandfunk nun mit diesem Fehler um, der ja ein gravierender ist?

Bertolaso: Als wir die Tragweite des Fehlers erkannt hatten, haben wir Kontakt aufgenommen sowohl zum Social-Media-Team des Arbeitsministeriums, die uns ja so nett angeschrieben hatten. Wir haben uns auch bei der Ministerin selbst entschuldigt beziehungsweise um Entschuldigung gebeten. Wir haben dann eingeleitet die Richtigstellung in den sozialen Medien. Wir führen heute dieses Gespräch, und wir werden auch heute den Tag über in den sozialen Medien alles machen, was wir können, damit klar wird, wir haben hier einen Fehler gemacht, das ist sehr bedauerlich. Wir haben ein Stück Glaubwürdigkeit verloren, und wir wollen alles tun, um diese Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen in der Art und Weise, wie wir mit dem Fehler umgehen.

"Genauigkeit geht immer vor Schnelligkeit"

Allroggen: Wie wollen Sie künftig mit diesen Fehlern umgehen? Sie haben gerade gesagt, es handelte sich um eine Außenveranstaltung, da ist dieser Push-Druck natürlich besonders groß. Sie haben auch geschildert, was sich da in Zukunft vielleicht noch ändern müsste. Aber wie will man wirklich sicherstellen, dass die journalistische Sorgfalt in Zeiten von Social Media und Digitalisierung gewährleistet bleiben?

Bertolaso: Ich glaube, dass diese Frage eigentlich alle Medien bewegt. Wir müssen die für uns gut beantworten. Für uns ist klar, Genauigkeit geht immer vor Schnelligkeit, das sage ich Ihnen auch, obwohl mein Hauptberuf Nachrichtenredakteur ist. Trotzdem ist es auch so, dass wir sicherlich keine höhere Quote von Fehleranfälligkeit im Bereich online oder soziale Medien haben. Was dieser Fall nur noch mal so eindrücklich zeigt, ist, dass die Reichweite bei Facebook zum Beispiel, wenn das denn auch noch im Zusammenhang steht mit einem klassischen Netzthema wie dem Grundeinkommen, einfach alles andere in den Schatten stellt, was man als überregionale Zeitung oder als überregionales Rundfunkmedium sonst so erreichen kann. Noch einmal: Ich möchte mich damit nicht rausreden. Wir haben hier in den sozialen Medien einen gravierenden Fehler gemacht. Aber es ist kein Spezifikum unserer journalistischen Arbeit in den sozialen Medien. Dieser Fehler hätte uns woanders auch passieren können – sehr selten beim Haus Deutschlandfunk. Wir werden dafür sorgen hoffentlich, dass er immer seltener passiert. Wenn so etwas in den sozialen Medien passiert, dann bekommt es eine riesige Reichweite, und ich frage mich unter anderem, ob wir nicht auch noch schneller dieses Fehlers hätten gewahr werden können.

Allroggen: Wie? Haben Sie eine Vorstellung, wie das hätte passieren können?

Bertolaso: Ich kann Ihnen – das ist noch zu früh. Ich kann es Ihnen nicht sagen. Ich muss mit allen Beteiligten noch mal reden. Aber letztlich geht es ja um zwei Güter: Es geht darum, dass demjenigen, dem wir einen Schaden zufügen – in dem Fall war es Frau Nahles, es hätte aber auch irgendjemand anderes sein können, über den wir berichten –, dass wir diesen Fehler reduzieren und sofort klarstellen. Und es geht natürlich auch um unsere Glaubwürdigkeit. Es sind diese beiden Güter, die uns bewegen. Und soziale Medien sind nicht erst seit gestern da, aber sie verändern sich rasant. Und wir müssen uns immer neu anpassen, und das werden wir weiter machen, und nach diesem Vorfall umso dringlicher.

In @mediasres lief am 11.05.2017 eine gekürzte Fassung dieses Interviews.

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