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StartseiteKultur heuteUnmut über Tarantinos Kritik an Polizeigewalt08.11.2015

FilmboykottUnmut über Tarantinos Kritik an Polizeigewalt

Hollywood-Regisseur Quentin Tarantino, der in seinen Film Orgien aus Gewalt inszeniert, ist die Zielscheibe einer Boykott-Kampagne geworden. Nicht wegen seiner brutalen Leinwandinszenierungen, sondern weil er etwas gesagt hat, was Polizisten in den USA nicht hören wollen.

Von Jürgen Kalwa

Der Regisseur Quentino Tarantino bei einem Protestmarsch am 24.10.2015 in New York gegen Polizeigewalt. (Imago)
Der Regisseur Quentino Tarantino bei einem Protestmarsch am 24.10.2015 in New York gegen Polizeigewalt. (Imago)

Sie sind bewaffnet. Sie kennen die Gesetze. Und sie sind viele. Rund 330.000, ein rundes Viertel der 1,2 Millionen Polizisten in den USA, die als Mitglieder der größten Gewerkschaft – der "Fraternal Order of Police" – ihr Selbstverständnis vor sich hertragen. Ihre Vereinigung sei "die Stimme der Gesetzeshüter unserer Nation".

Vorwiegend weiße Gesetzeshüter mit Ledernacken-Haarschnitt und autoritärer Attitüde, möchte man hinzufügen. Genauso wie einen guten Ratschlag. Wer sich mit ihnen konfrontiert sieht, sollte auf einiges gefasst sein. Besonders falls er als Mensch mit dunkler Hautfarbe in der Gefahr ist, ihr klassisches Vorurteilsmuster und Macho-Denken anzutriggern. So gut wie jede Ausgangslage birgt die Gefahr einer Eskalation, an deren Ende ein toter Zivilist stehen kann.

Neu ist daran nichts. Die Gewalt und der Rassismus seien der gleiche wie immer, sagt der Journalist und Essayist Ta-Nehisi Coates, Sohn eines Black Panthers, und in diesem Jahr Empfänger des prestigeträchtigen MacArthur-Preises. Er verlor vor Jahren einen guten Freund, der von der Polizei aufgrund einer Verwechslung erschossen wurde. Nur die Smartphones mit ihren Objektiven seien neu. Das betonte er bei der Vorstellung seines jüngsten Buches "Between the World and Me".

"Bin ein Mensch mit einem Gewissen"

"It's the cameras that are new. It's not the violence that is new. We are not in the midst of a new wave of anything."

Dass tödliche Übergriffe auf diese Weise dokumentiert werden, wirft allerdings zumindest eine Frage neu auf: Um was für eine Tat handelte es sich bei den Schüssen, mit denen der unbewaffnete Walter Scott im April in North Charleston in South Carolina niedergestreckt wurde?

Wie nennt man das, wenn ein ebenfalls unbewaffneter Mann wie Eric Garner in New York mit einem Würgegriff von der Polizei erstickt wird? Und seine Hilferuf ignoriert werden?

"I can't breathe. I can't breathe. I can't breathe ..." (Ausschnitt aus einem Amateur-Video)

"Ich bekomme keine Luft."

Filmregisseur Quentin Tarantino findet, dass man solche Gewalttaten nur mit einem Wort belegen kann.

"Ich bin ein Mensch mit einem Gewissen. Wenn ich Mord sehe, kann ich nicht einfach daneben stehen. Ich muss die Ermordeten "Ermordete" nennen und die Mörder "Mörder".

Polizeigewerkschaft kündigt "eine Überraschung" an

Es war eine kurze Ansprache, die Tarantino vor zwei Wochen bei einer Protestdemonstration hielt. Aber das Echo klingt noch nach. Die "Fraternal Order of Police" etwa wehrt sich lautstark gegen die Verwendung des Wortes "Mörder". Sie will nicht nur einen Boykott der Filme des Regisseurs organisieren. Obendrein kündigte sie in der letzten Woche dunkel "eine Überraschung" an.

Der Schöpfer von so extrem blutigen Leinwanddramen wie "Pulp Fiction", "Kill Bill" oder "Django Unchained" will sich von solchen Drohungen nicht einschüchtern lassen. Das machte er bei seinem bislang einzigen Fernsehinterview am Mittwoch im Sender MSNBC deutlich.

"They are not dealing with the issues that we were talking about. No. They want to demonize me. They want to slander me, imply that I am saying things that I didn't say. The reason is because they want me to shut up. And they want to make sure that no other people like me, prominent citizens, will stand up for that side."

"Man will mich dämonisieren und verleumden. Man will, dass ich den Mund halte und dass sich prominente Staatsbürger wie ich sich nicht mehr für diese Sache einsetzen."

Debatte über die Kernfragen werden vernebelt

Kein Wunder. Nach Erhebungen der Webseite killedbypolice.net wurden 2015 schon mehr als 1000 Amerikaner von der Polizei getötet. Jeder Fall liegt anders. Und nur in seltenen Fällen gibt es Videoaufzeichnungen, die die Abläufe illustrieren. Weshalb das Wort "Mord" auch vermutlich nur in einer beschränkten Zahl von Fällen berechtigt wäre. Obwohl es im amerikanischen Sprachgebrauch freizügiger benutzt wird als etwa im deutschen Strafgesetzbuch. In den USA fallen auch Tötungsdelikte ohne Vorsatz und ohne niederträchtige Motive in diese Kategorie von Schwerstverbrechen. Sie werden in einigen Bundesstaaten mit der Todesstrafe geahndet.

Die Kampagne gegen den Hollywood-Regisseur verfügt übrigens über alle Elemente, die notwendige Debatte über die Kernfragen nach Kräften zu vernebeln. Das Vorgehen erinnert an 2003, als die damals höchst erfolgreiche texanische Country-Rock-Band Dixie Chicks in London ihrem Publikum ihr Missfallen über die Kriegspolitik von George W. Bush kundtat.

"We're ashamed that the President of the United States is from Texas"

Die Musik des Trios wurde von fast allen Country-Radio-Stationen aus dem Programm gekegelt. Tausende von vormaligen Fans warfen ihre CDs demonstrativ in eigens bereit gestellte Mülleimer oder ließen sie von einer Dampfwalze öffentlich zermalmen.

Eine wirkliche Debatte über das Recht der Musikerinnen, sich politisch zu äußern gab es damals nicht. Und so ist auch heute. Stattdessen füllen larmoyante Stellungnahmen die Programme parteiischer Fernsehsender wie Fox News, für deren Arbeitsweise politische Schlagseite wichtiger ist als jeder Erkenntnisgewinn.

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