Seit 00:05 Uhr Fazit
 
  • Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 00:05 Uhr Fazit
StartseiteKultur heuteStreet Dance mit politischem Anspruch20.05.2017

FLEXNStreet Dance mit politischem Anspruch

FLEXN ist ein Tanzstil, bei dem es so scheint, als habe der Körper keine Knochen. Doch FLEXN ist nicht nur tänzerisch äußerst beeindruckend, sondern will auch eine politische Botschaft vermitteln. Für die Streetkids in New Yorks Problemvierteln ist das Tanzen oft die einzige Möglichkeit, sich Gehör zu verschaffen.

Von Simone Hamm

Ein Breakdancer mit seinem Ghettoblaster.  (imago/ZUMA Press)
Ein Breakdancer mit seinem Ghettoblaster. (imago/ZUMA Press)
Mehr zum Thema

Auf Biegen und Brechen Breakdance zwischen Straßentanz und Bühnenshow

FLEXN, das ist die Kunst, den Körper so zu verbiegen, so als hätte er keine Knochen. FLEXN, das sind extreme Dehnungen. Das sind rhythmische Bewegungen zu harter Musik, die an Breakdance erinnern. FLEXN hat seine Wurzeln im jamaikanischen "bruk-up dance", einem Tanz aus jamaikanischen Dance Halls, bei dem aggressive Kampfbewegungen nachgeahmt werden. FLEXN ist kein zeitgenössischer Tanz, den sich ein Choreograf ausgedacht hat: FLEXN ist auf den Straßen von Brooklyn entstanden - der Street Dance der schwarzen Kids.

Die Tänzer von D.R.E.A.M. Ring erzählen ihre Geschichte. Es ist eine Geschichte von Gewalt und Schüssen, Armut und Chancenlosigkeit; vom unbedingten Willen, aus einem solchen Leben herauszukommen. Tanzend.

"Mit ihren Erfahrungen sind sie noch nicht in den Mainstream vorgedrungen. Dabei ist ihr Tanz so mächtig. Weil niemand für sie spricht, müssen sie es selber tun - mit ihren Körpern. Es ist keine Debatte, es ist ein Kunstprojekt", sagt Regisseur Peter Sellars.

Getanzte Realität

13 Männer und die drei Frauen gehören zu D.R.E.A.M. Ring. Die einzige weiße Tänzerin Martina Heimann kommt übrigens aus Deutschland. Sie tragen Trainingshosen und Baseballschuhe. Sie bewegen sich wie Schlangenmenschen. Manchmal sieht es aus, als sei der Oberkörper falsch herum auf den Unterkörper gesetzt worden. Sie moonwalken auf Zehenspitzen. In vorgetäuschten Kämpfen demonstrieren sie den Irrsinn der Straßenkämpfe, die Gewalt der Polizei. Ein Mann wird mit verdrehten Armen abgeführt - schon beim Zugucken schmerzt es.

"Es ist ihre Realität, es sind ihre Freundschaften, ihre Arbeit. Ihr Blick auf das politische System, die Brutalität der Polizei, das Justizsystem. Darüber wollen und müssen sie sprechen. Aber das fällt ihnen nicht leicht. Am besten können sie sich mitteilen, wenn sie tanzen", sagt Co-Regisseur Reg Roc, der 2009 damit anfing, junge FLEXN-Tänzer zusammen zu bringen und der sie bis heute trainiert. 90 Prozent, sagt er, sei Improvisation. Jeden Abend entstehe so ein anders Stück.

Im Klammergriff eines Polizisten

Das Leben eines jungen Schwarzen in den USA, in Problemvierteln wie Brownsville oder Bedford Stuyvesant in Brooklyn, zählt nicht viel. Die Stücke, die D.R.E.A.M. Ring jetzt zeigen, sind entstanden kurz nachdem der asthmakranke 43-jährige Afroamerikaner Eric Garner in Brooklyn starb, unbewaffnet, im Klammergriff eines Polizisten, immer wieder "I can't breath" rufend.

"Die meisten Geschichten über Polizeigewalt an jungen Afroamerikanern ist ein, zwei Tage später vergessen. Diese Geschichte blieb. Vier Wochen später wurde Michael Brown erschossen. Man konnte die Empörung darüber im ganzen Land spüren. Und gerade da haben wir dieses Stück gemacht."

Natürlich ist das eingeflossen in ihren Tanz. FLEXN besteht aus verschiedenen Komponenten: bone breaking, Gleiten, Pausieren, wiederholen, wieder zusammenbringen,, wie Regisseur Peter Sellars erläutert:

"Jede dieser Tanzbewegungen zeigt, wie man als Afroamerikaner überleben kann. Du musst die Situation stets beherrschen. Du musst geschmeidig sein. Knochenbrechen bedeutet, jeden Knochen in deinem Körper zu brechen und sie wieder zusammen zu setzen, um aus deinem zerbrochenen Ich etwas Neues zu machen."

Ein mitreißender Abend

Der Einsatz der Tänzer von D.R.E.A.M. Ring ist atemberaubend. Sie tanzen ihr Leben und sie leben, ihren Tanz. D.R.E.A.M heißt nicht nur Traum, es ist auch eine Abkürzung für: Dance rules everything around me. Tanz beherrscht alles um mich herum. Diese Leidenschaft, diese Entschiedenheit sind in jeder Bewegung zu spüren - 90 Minuten lang. Ein mitreissender Abend.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk