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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenWissen ist erst dann Wissen, wenn andere daran teilhaben21.11.2013

ForschungWissen ist erst dann Wissen, wenn andere daran teilhaben

Wie konnten in der antiken Welt fast zeitgleich Sonnenuhren auftauchen? Woher wussten die Menschen in vergangenen Zeiten, wann sie säen mussten und wann auf keinen Fall? Mit der Frage, wie Wissen entsteht und wie es vermittel wird, hat sich die diesjährige Tagung des Exzellenzclusters 264 - Topoi, beschäftigt.

von Eva-Maria Götz

Das Bild zeigt ein nur mit Linien gezeichnetes Tier mit Hörnern (Brown University)
Wissen und Kenntnisse wurden zuerst mündlich überliefert (Brown University)

Sie lagen 330.000 Jahre lang unentdeckt tief in der Erde des Braunschweiger Landes, nahe der Stadt Schöningen: acht Speere, sorgfältig aus weichem Fichtenholz geschnitzt, bis zu 2,30 Meter lang, in Form und Maß vollkommen.

"Der Schwerpunkt liegt im vorderen Drittel und das ist genau die Art und Weise wie man auch heute noch Speere produziert. Der deutsche Leichtathletikverband schreibt das genau vor, wo der Schwerpunkt liegen soll, und das deckt sich sehr gut", sagt Michael Meyer, Professor für Ur- und Frühgeschichte an der Freien Universität Berlin und einer der beiden Sprecher des Exzellenzclusters "Topoi".

Entwickelt und hergestellt wurden diese ältesten uns heute bekannten Waffen von Vorfahren des modernen Menschen Homo sapiens, vom Homo Erectus, und benutzt wurden sie zur Jagd auf Wildpferde.

"Der Mensch, der das zum ersten Mal hergestellt hat, hat ganz offensichtlich Versuche durchgeführt, in dem er andere Holzstücke geworfen hat und hat dann gemerkt, in dem er das verändert hat, dass also diese Art von Speer besonders gut geeignet ist. Also, wir sehen, letztendlich so 'ne Art Versuchsanordnung, die zu dieser optimalen Speerform dann geführt hat."

Try and error, knowing how und knowing that , die schrittweise Entwicklung neuen Wissens stand aller Wahrscheinlichkeit nach am Beginn dieser Erfindung, die das Leben dieser Vor-Menschen-Gruppe revolutioniert hat.

"Und dann geht eine Lawine los, jetzt kann man sich dem Jagdwild anders annähern, man kann aus größerer Entfernung werfen, das wird etwas sicherer für den Jäger, und jetzt kann man auch in einer größeren Gruppe auf Großwild gehen, das heißt, die sozialen Gruppen organisieren sich anders, und konzipieren jetzt eine neue Art der Jagd."

Eine Sprache entwickelte sich, in der die Jäger sich verständigen konnten. Vorratshaltung musste geplant, für eine gerechte Aufteilung der Beute ein Maßsystem entwickelt werden. Und wahrscheinlich waren auch spirituelle Handlungen unseren frühen Vorfahren mit der stark fliehenden Stirn nicht unbekannt: Unversehrte Schädelknochen in der Fundstelle weisen auf ein Ritual nach der Jagd hin, bei dem die Speere, die mit Erfolg verwendete worden waren, vergraben wurden gemeinsam mit den Schädeln der getöteten Tiere. Ein anderes Beispiel: Ein im Verhältnis eins zu drei geknickter Eisenstab, an der Stelle des Knicks eine Aufhängung, am Ende der kürzeren Stabseite ein Haken, an dem die Waagschale befestigt wurde, auf der längeren Strecke auf der anderen Seite des Knicks ein flexibles Gewicht und auf dem Eisenstab eine eingeritzte Skala: fertig war in antiken Zeiten eine Schnellwaage.Das Bild zeigt eine Wiese mit Bäumen. Darüber sind die Sternbilder Waage und Jungfrau zu sehen (Stellarium)Sternbilder gaben Hinweise auf die Zeit der Aussaat (Stellarium)

Eine Waage setzt physikalische Kenntnisse voraus 

"Nach allem, was wir im Moment wissen, ist es so, dass Waagen erstmals in Ägypten um 3000 vor auftauchen und sich dann relativ schnell verbreiten, etwa 500 Jahre später in allen großen frühen Hochkulturen vorhanden sind, und die bronzezeitliche Welt damit natürlich einschneidend verändern, denn erst das Wiegen ermöglicht die Grundlage einer modernen Wirtschaftsform, wie wir sie uns vorstellen können."

250 solcher Waagen waren bekannt, als der Physiker und Wissenschaftshistoriker Jochen Büttner mit der systematischen Erforschung dieser Waagen begann. Inzwischen hat er 600 dieser Präzisionsobjekte gefunden, die so simpel wirken und doch ein solch komplexes Verständnis von physikalischen Zusammenhängen voraussetzen.

"Was nun interessant ist, das über diese Wiege Wissen über Gewichte zusammenkommt mit Wissen über den Hebel. Das Hebelgesetz ist auf eine bestimmte Art verkörpert in der Waage und nicht mehr nur quantitativ, sondern wirklich qualitativ. Die Waage trägt 'ne Skala und kann damit zumindest Voraussetzungen des Denkens über Prinzipien zeigen, welche ihr zugrunde liegen."

Die Speere von Schöningen und die Waagen aus der Zeit des Römischen Reiches - nur zwei der vielen Entdeckungen aus der Vor- und Frühgeschichte der Menschheit, die Aufschluss geben über den Wissensstand ihrer Erfinder und Erbauer. Über deren Kenntnisse der Mechanik und der Mathematik, über ihre sozialen und kognitiven Fähigkeiten, über die Art, wie Wissen generiert und weitergegeben wurde.

"Und es ist so, dass die ersten Texte überhaupt, die wir heute zur Mechanik ansprechen wollen, nahezu zeitgleich zur ungleicharmigen Waage aufkommen und zwar nach allem was wir wissen, etwas später. Also, wir können davon ausgehen, dass das Aufkommen dieses neuen Typus Waage Theorien über die ihr zugrunde liegenden physikalischen Prinzipien stimuliert hat."

Wissen gründet auf Erfahrung und praktischem Nutzen 

"Wissen ist Wahrnehmung" - diese Erkenntnis zog sich als roter Faden durch die Vorträge, die gemäß der Zusammensetzung des Berliner Clusters aus sehr unterschiedlichen Disziplinen stammten. Ob in den babylonischen Berechnungen von Rechtecken und Dreiecken, ob in den griechischen Traktaten über Pneumatik, ob in den ersten Versuchen, Sprache mithilfe einer Grammatik in Regeln zu fassen oder die unterschiedlichen Reaktionen des menschlichen Körpers auf unterschiedliche Heilpflanzen zu beschreiben und die Pflanzen anhand dieser Beobachtungen in Gruppen einzuteilen - das theoretische Wissen über Dinge und Zusammenhänge stand nie allein. Es gründete auf Erfahrungen und hatte einen praktischen Nutzen.

"Wann eigentlich muss ich aussäen? Im Frühling. Wann darf ich nicht eine zweite Saat beginnen, damit nicht die Sommerhitze das Saatgut zerstört? Das sind wohldefinierte Regeln." Gerd Grasshoff, Professor für Wissenschaftsgeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin und ebenfalls Sprecher von Topoi. "Wir stellen uns das heute einfach vor, in dem wir in den Kalender schauen und dann wissen wir, es ist der 13. April. Das war aber nicht so einfach. Das sind Regeln, die für uns schon in die Kategorie Prinzipien führen, wenn die sagen: wenn bestimmte Sternkonstellationen zum ersten Mal im Frühjahr wieder sichtbar werden, dann genau ist der Zeitpunkt der Saat."

Doch wie wurde dieses Wissen vermittelt? Wie konnten in der antiken Welt fast zeitgleich Sonnenuhren auftauchen, die annähernd baugleich waren und alle funktionierten, obwohl man Sonnenuhren nicht einfach kopieren kann, da sie auf geografische Gegebenheiten reagieren und man andererseits nicht davon ausgehen konnte, dass alle Steinmetze auch Experten der Astronomie waren?Zeugnis der Römerzeit: die Porta Nigra in Trier. (picture alliance / dpa / Hermann Wöstmann)Zeugnis der Römerzeit: die Porta Nigra in Trier. (picture alliance / dpa / Hermann Wöstmann)

Das Wissen der Druiden ging verloren

"Hier müssen Transformationsprozesse, Überlieferungsprozesse stattgefunden haben, die anders ablaufen, als man normalerweise denkt." Zumal in den Zeiten, in denen das Wissen noch nicht niedergeschrieben, archiviert und in andere Sprachen übersetzt wurde, wie der Altphilologe Bernd Roling erläutert. "Das ganze Wissen, was die Druiden in Gallien gehabt haben, das wissen wir aus Caesar, das wissen wir aus Lucan, war mündlich weitergegebenes Wissen. Deshalb kennen wir es heute auch nicht mehr. Das ist mit der Ausrottung der Druidenkaste durch die römische Politik weitestgehend verschwunden. Wir wissen aber, dass die Druiden Schulen hatten, in denen Wissen immer wieder weitergegeben und in Versform auswendig gelernt wurde. "

Verse, teilweise umfangreich wie Bücher, in denen das Wissen über Dinge und Zusammenhänge gleichsam aufbewahrt wurde, gab es in allen frühen Hochkulturen. "Das sicherte natürlich Herrschaftswissen auch, das war ein Wissen, dass nicht allen Menschen vermittelt werden sollte, aber es hat eine Transformation des Wissens ermöglicht, die über Jahrhunderte auch funktioniert hat."

Wie die Speere, die Waagen, die Sonnenuhren und die mathematischen Beweise werden auch im Forschungsverbund "Topoi" auch überlieferte Texte als Dinge betrachtet, die Auskunft geben darüber, wie Wissen entstand und wie es vermittelt wurde. Und an wen!

"Ein ganz besonders interessanter Text ist Papyrus Salt 825, der befindet sich heute im British Museum. Das ist eine Handschrift wahrscheinlich der 30. Dynastie, das ist so ungefähr das 3. Bis 4. Jahrhundert vor Christus, da datiert die Handschrift", sagt Alexandra von Lieven, Ägyptologin an der Freien Universität und mit dem Entziffern von Geheimtexten beschäftigt.

Wer das ausplaudert, stirbt eines schnellen und gewaltsamen Todes

"Und das ist ein Text, in dem zunächst einmal mythologische Dinge über den Tod des Osiris erzählt werden. Und die Götter trauern sehr um ihn und dann wird geschildert, wie aus den Tränen und dem Schweiß und allen möglichen Produkten, die die Götter im Prozess dieses Trauerns absondern, wie da bestimmte Gegenstände entstehen. Ingredienzien, aus denen man dann auch Dinge herstellen kann, bei der Balsamierung. Und dann gibt es hinten ein großes Ritual, das heißt: Vollendung des Werkes. Es wird auch gesagt, dass das ein ganz wichtiges Werk ist und es wird mehrfach gesagt, am Anfang und am Ende dieses Texts, das wird mehrfach betont: das Leben ist in ihm und der Tod ist in ihm und wer das ausplaudert, stirbt eines schnellen und gewaltsamen Todes. Und ich würde sagen, dass das nicht nur eine religiöse Fiktion ist, sondern dass, wenn man jemanden erwischt hätte, der das ausplaudert, wahrscheinlich wirklich ihn standrechtlich getötet hätte. Das ist der geheimste Text, den ich überhaupt hatte."

Doch auch dieser altägyptische Text wurde irgendwann einmal öffentlich und diente dazu, die Zeit, in der er entstand, besser zu verstehen. Denn dies, so Gerd Grasshoff, ist eine der Voraussetzungen von Wissen: es ist nicht für einen Einzelnen bestimmt und es steht nicht für sich. Es muss geteilt und angewandt werden.

"Und das ist ein Teil des Wissens überhaupt, auch des technologischen Wissens, es ist erst dann Wissen, wenn sie, modern gesprochen, open Access, andere teilhaben lassen an diesem Prozess. Und das ist von Anfang an eine der Grundbedingungen des Wissens in der Antike gewesen und ...dieses führte sehr schnell dazu, dass wenn an irgendeiner Stelle Neuerungen eintreten, die praktisch für die historischen Zeiträume instantan sich verbreiten. Wer auch immer dann in Kontakt miteinander steht, der übernimmt, was er meint brauchen zu können, und das erfolgt in Geschwindigkeiten die verblüffen."

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