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StartseiteForschung aktuellFortschritt auf niedrigem Niveau06.11.2008

Fortschritt auf niedrigem Niveau

Frauen in der physikalischen Forschung

Physik. - Unter den deutschen Physikprofessoren haben Frauen einen Anteil von etwa fünf, unter den Studienanfängern einen von 20 Prozent. Auf dem in Münster stattfindenden Physikerinnentag war Gleichstellung daher ein ebenso wichtiges Thema wie die Forschungsprojekte selbst. Der Wissenschaftsjournalist Frank Grotelüschen berichtet im Gespräch mit Marieke Degen.

Eines der großen Experimente am LHC in Genf wird von einer Frau geleitet. (AP)
Eines der großen Experimente am LHC in Genf wird von einer Frau geleitet. (AP)

Degen: Herr Grotelüschen, Sie haben mit den Physikerinnen gesprochen. Haben Physikerinnen denn generell schlechtere Karrierechancen als ihre männlichen Kollegen?

Grotelüschen: Also, zum einen muss man sagen, im Moment haben Physikerinnen durchaus gute Karrierechancen. Denn Physiker allgemein sind durchaus gefragt, haben im Moment ganz gute Berufschancen. Und das dürfte wohl auch in den nächsten Jahren so bleiben. Also, wenn eine junge Frau sich heute für Physik entscheidet, da sieht es ganz ordentlich aus mit der Karriere. Etwas anders scheint es dann aber doch mit den Chancengleichheit, also mit der Gleichstellung von Physiker und Physikerinnen auszusehen. Das jedenfalls legt der Blick auf die Statistik nahe: derzeit sind rund 20 Prozent der Physik-Erstsemester weiblich, und das ist sogar ganz erfreulich, denn vor zwei bis drei Jahrzehnten waren es deutlich weniger, zum Teil keine zehn Prozent. Aber, und das ist die schlechte Nachricht, je höher die Qualifikation, desto geringer ist der Frauenanteil. Bei der Promotion, bei der Doktorarbeit also, liegt der Frauenanteil nur noch etwa bei 14 Prozent, und schaut man sich an, wie viele Lehrstühle in der Physik von Frauen besetzt sind, kommt man derzeit auf knapp fünf Prozent nur. Zwar ist dieser Anteil in den letzten Jahren spürbar angestiegen, aber doch auf ziemlich niedrigem Niveau. Also von Gleichstellung entsprechen die hier versammelten Physikerinnen also nicht. Wohl aber von einer erfreulichen Tendenz, die sich, da gibt man sich optimistisch, in den nächsten Jahren weiter sich fortsetzen soll.

Degen: Wie ergeht es denn den Physikerinnen im Ausland?

Grotelüschen: Ja, das ist interessant, der Blick ins Ausland. In Frankreich ist immerhin fast jede zehnt Professur von einer Frau besetzt. Also immerhin doppelt soviel wie in Deutschland. Und in Portugal ist gar jeder vierte Physikprofessor eine Frau. Und das hat vor zwei Gründe, jedenfalls im Vergleich zu unseren Nachbarn Frankreich: einer ist ja bekannt, es gibt eine bessere Betreuung von Kindern, etwa in Ganztagsschulen. Dadurch gibt es eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie, und das schlägt sich dann eben auch in der Physikerzunft durch. Aber es hat auch ein etwas anderes Wissenschaftssystem in Frankreich. In Deutschland ist es so, dass Nachwuchsforscher nach ihrer Promotion heute oft zehn Jahre sich von Zeitvertrag Zeitvertrag hangeln müssen, um dann endlich eine feste Anstellung als Uni-Professor zum Beispiel zu ergattern. Und in dieser Zeit der Unsicherheit gibt kaum Geld und Gelegenheit, zum Beispiel eine Familie zu gründen. Und das schreckt gerade manche Frau dann eben ab, eine wissenschaftliche Laufbahn einzuschlagen. Und das läuft eben in Frankreich anders. Dort werden Festanstellungen in der Wissenschaft relativ früh vergeben, mit Anfang 30. Und das gibt dann natürlich eine gewisse Planungssicherheit und macht, so hieß es zumindest in Münster, die Physikerlaufbahn für Frauen dann wesentlich interessanter als in Deutschland.

Degen: Auf der Tagung ging es natürlich auch um Forschungsprojekte. Vorgestellt wurde unter anderem das Projekt Alice. Worum ging es denn dabei?

Grotelüschen: Vorgestellt hat das Professor Johanna Stachel von der Universität Heidelberg. Und bemerkenswert ist, dass sie die Sprecherin eines riesigen Physikerteams ist von mehr als 1000 Forschern aus aller Welt. Es geht eben um diesen Alice-Detektor, der an dem neuen Beschleuniger LHC beheimatet ist. LHC ist ja im September in Genf im Betrieb gegangen und dann gleich kaputtgegangen. Und Alice ist einer dieser vier riesigen Detektoren, so ein riesiger Klotz, schwer wie der Eiffelturm. Eigentlich soll der LHC vor allem Wasserstoffkerne aufeinander feuern, später aber dann soll er auch einmal Bleikerne beschleunigen und aufeinander schießen. Und Bleikerne sind viel, viel schwerer als Wasserstoff. Und diese Blei-Kollisionen soll dann Alice, dieser Riesenklotz, beobachten und haarklein analysieren. Und dabei soll dann das Spannende passieren, es soll eine Materie-Zustand entstehen, wie er Sekundenbruchteile nach dem Urknall geherrscht haben soll, eine kosmische Ursuppe gewissermaßen. Der Fachchinese spricht vom Quark-Gluon-Plasma, das ist eine direkte Verbindung von der Teilchenforschung, um die es hier eigentlich geht, mit dem Universum, mit der Kosmologie.

Degen: Der LHC bleibt ja jetzt aufgrund dieser Pannenserie noch einige Monate abgeschaltet, was machen die Forscherinnen denn in der Zwischenzeit?

Grotelüschen: Ach, da geben Sie sich ganz entspannt, weil die haben noch eine ganze Menge Arbeit. Die haben ihren Detektor noch gar nicht fertig, im Moment sind sie dabei, in ihren Labors noch die letzten Teile zusammenzuschrauben und das Ganze auch erst einmal zu vermessen. Also die ganze Verzögerung, die es jetzt gibt, hat speziell für dieses Alice-Experiment keinen so dramatischen Folgen. Obwohl, das erzählte Frau Stachel auch, als das Ding kaputt ging, war sie erst einmal kräftig enttäuscht und musste sich erst einmal berappeln. Aber jetzt schaut sie eigentlich ganz optimistisch in die Zukunft und freut sich auf die Experimente im nächsten Jahr.

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