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Fußball-Fan in der Stalin-Zeit

Die unbekannte Leidenschaft des Komponisten Dimitri Schostakowitsch

Von Christoph Richter

Der russische Komponist Dmitrij Schostakowitsch 1958 in Paris
Der russische Komponist Dmitrij Schostakowitsch 1958 in Paris (AP Archiv)

Der russische Komponist Dimitri Schostakowitsch war nicht nur ein feinsinniger Künstler, sondern auch ein fanatischer Fan seines Heimatvereins Zenit Leningrad, heute St. Petersburg. Mihilfe des Fußballs konnte Schostakowitsch die existentielle Angst vor Verhaftung, Deportation oder Hinrichtung – zumindest für eine kurze Zeit - vergessen.

Wladimir Putin ist aktuell einer der prominentesten Anhänger der Mannschaft von ZENIT St. Petersburg. In den 1930er und 40er Jahren - damals nannte sich die Mannschaft von ZENIT noch STALINEZ, was soviel heißt wie die Anhänger Stalins - war sie der Lieblingsverein des weltberühmten sowjetischen Komponistenstars Dimitri Schostakowitsch.

"Es gibt eine ganze Reihe von Fotos, wo Schostakowitsch am Fußballfeld sitzt. Er ist wie ein Kind, die Augen leuchten. Man hat wirklich das Gefühl, dass sich Schostakowitsch im Fußballstadion ausgetobt hat."

So die in Berlin lebende Kiewer Publizistin Katja Petrowskaja, eine ausgewiesene Kennerin der Biografie von Schostakowitsch.

"Er fuhr buchstäblich, zu fast allen Spielen. Nicht nur die in Leningrad stattfanden, sondern auch in Moskau. Ein paar Mal kam er nach Tbilissi, um Spiele seiner Lieblingsmannschaft anzuschauen."

Von Zeitzeugen wird der Komponist Schostakowitsch, Schöpfer solch herausragender Werke wie der Leningrader Sinfonie, als ein kränklich blasser Mann beschrieben, dessen Augen - versteckt hinter dicken Brillengläsern – nervös hin und her huschten. Schostakowitsch stand permanent im Fokus stalinistischer Kulturpolitik, unter ständigem Verdacht, ein Anhänger der westlichen Moderne zu sein. Ein lebensgefährlicher Vorwurf, der ihn in permanenter Angst, unvorstellbarer existentieller Anspannung leben ließ. Beim Fußball im Stadion von Stalinez Leningrad - heute Zenit St. Petersburg – konnte er jedoch entspannen, dort soll er sich frei gefühlt haben, so die Publizistin Katja Petrowskaja.

"Das Spiel stellte eine Utopie dar, weil es eine Mischung aus festen Regeln und Zufall, Kreativität ist. Also etwas, was durch Inspiration und Engagement entsteht."

Alles Dinge, die nichts mit dem totalitären orwellschen Stalin-Regime zu tun hatten, ihm geradezu widersprachen. Damit war der Fußballplatz für Schostakowitsch ein unschätzbarer kreativer, weil unkontrollierbarer Rückzugsraum, der "small way of saying no", wie es der amerikanische Historiker Robert Edelman mal formuliert hat.

Mitte der 1920er Jahre werden viele der heute noch existierenden Fußballvereine in der Sowjetunion gegründet, darunter auch ZENIT Leningrad, heute St. Petersburg. Mittels des populären Fußballs sollte die Überlegenheit des Kommunismus ausgedrückt werden, betont Osteuropa-Spezialist Matthias Stadelmann von der Universität Erlangen.

"Der Mensch soll gesund sein, er soll körperlich überlegen sein und aufgrund der körperlichen Fitness auch geistig überlegen, das gehört ganz wichtig zu den 30er Jahren. Fußball ist geradezu eine Kultbewegung. Eben Sport, Fitness, Fiskultura; wie es auf Russisch geheißen hat."

Allerdings ist das Fußball-Stadion in den Stalin-Zeiten kein Freiraum, in dem sich Fußballfans ungebremst systemkritisch austoben konnten, wie man es beispielsweise aus der DDR der 1970er und 80er Jahre kennt. Betont unmissverständlich Manfred Zeller, Sporthistoriker an der Helmut Schmidt Universität Hamburg.

"Man muss sich vorstellen, die Stadien sind sehr neu in dieser Zeit. Und es ist ein massives Spektakel mit bis zu 70.000 Zuschauern, was eine immense Wirkung gehabt haben muss. Diese Wirkung ist dann eingerahmt in die Propaganda dieser Zeiten mit einem Porträt Stalins am Eingang. Es ist nicht so, dass Zuschauer im Stalinismus zum Fußball gingen, und das war dann was vollkommen anderes, was mit der Ideologie, der Propaganda dieser Zeit wohlmöglich nichts zu tun hatte."

Zeitlebens versuchte Schostakowitsch, die so unterschiedlichen Welten der sinfonischen Musik und des Fußballs zusammenzubringen. 1929 erhielt er gar den Auftrag, eine Ballettmusik für ein recht albernes Fußball-Stück zu schreiben. Mit dem üblichen Plot: Ein verkommenes kapitalistisches Team wird von einer überlegenen sozialistischen Mannschaft – ausgestattet mit dem richtigen Klassenbewusstsein – besiegt.

Der Komponist Schostakowitsch besuchte aber nicht nur fast jedes Heimspiel von Zenit Leningrad, sondern er war auch Absolvent einer Schiedsrichterschule und hat des Öfteren die ganze Mannschaft zu sich nach Hause eingeladen. In einem Buch führte er feinsäuberlich Statistik und soll geradezu akribisch – fast wie ein Buchhalter - über Jahre hinweg Ergebnisse, Punkte und Torverhältnisse, sogar die Namen der Torschützen, die damals in den Zeitungen nicht erwähnt wurden, notiert haben. Seine kleine Form des Protestes, so die russische Publizistin Katja Petrowskaja.

"Dass man zum Beispiel Namen der Torschützen ausradiert hat, um zu sagen, dass war ein kollektiver Sieg und nicht der Sieg eines Menschen. Und Schostakowitsch versucht die individualisierte, die individuelle Geschichte für die Nachwelt zu erhalten. Das ist das Interessante, die einzig wahre Fußballstatistik schreibt Schostakowitsch."

Skurril. Denn bis heute gelten die Fußball-Aufzeichnungen des Komponisten Schostakowitsch, dazu zählen auch seine Reportagen und Briefe, in denen er Freunden von den Spielen berichtet, als eine der wichtigsten Quellen zur Erforschung der Fußballgeschichte der frühen Sowjetunion.

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