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StartseiteSport am WochenendeTue Gutes und rede vor allem darüber25.03.2017

Fußball-StiftungenTue Gutes und rede vor allem darüber

Mehr als 30 Fußball-Stiftungen gibt es in Deutschland. Ziel ist es bei allen, etwas Gutes zu tun – und meistens damit für das eigene Image zu werben. Der deutsche Fußballbund und die deutsche Fußballliga engagieren sich – zum Beispiel in der Flüchtlingshilfe oder im Bildungsbereich. Allerdings erscheinen die Beträge im Verhältnis wie Almosen.

Von Carsten Upadek

Nationalspieler des deutschen WM-Kaders besuchen 2014 die Grundschule in Santo Andre (picture alliance / dpa / Andreas Gebert)
Nationalspieler des deutschen WM-Kaders besuchen 2014 die Grundschule in Santo Andre (picture alliance / dpa / Andreas Gebert)
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Sommer 2014: Einige deutsche Nationalspieler wie Mesut Özil, Lukas Podolski und Bastian Schweinsteiger besuchen zwischen zwei WM-Spielen eine brasilianische Grundschule nahe ihres Mannschaftsquartiers im Dörfchen Santo André. Sie wirken ein bisschen unbeholfen zwischen den zahllosen portugiesisch-sprechenden Kindern vor dem bescheidenen Gebäude. Für die Botschaft des DFB in die Welt reichen die Bilder aber allemal. Inhalt: Wir helfen den Kindern durch Nachmittagsbetreuung.

"Ein tolles Projekt und das auch nicht nur einmalig, sondern über vier Jahre begleitend und wenn man dann die Menschen hier sieht, freut man sich umso mehr", sagt Manager Oliver Bierhoff während des Besuches.

Die Nachmittagsbetreuung läuft seit April 2015 - eines von weltweit 300 Kleinprojekten der letzten Jahre, die die Nationalmannschaft unter dem Label "Kinderträume" fördert - zusammen mit der DFB-Stiftung "Egidius Braun". Budget: 200.000 Euro pro Jahr. Die DFB-Stiftung ist eine der größten Fußball-Sozialstiftungen der Bundesrepublik, aber nicht die einzige. Fußballer, Vereine, aber auch die Deutsche Fußballiga - sie alle engagieren sich sozial.

Winzige Spendensummen im Vergleich zum Umsatz

"Es gibt viele Projekte, es gibt sehr viele Stiftungen, es ist für die Fans sehr schwierig, den Überblick zu wahren", sagt Ronny Blaschke, Autor des Buches "Gesellschaftsspielchen - Fußball zwischen Hilfsbereitschaft und Heuchelei". "Es gibt viel, viel Positives, aber gemessen an den Zahlen im Profifußball, könnte es da ruhig noch mehr sein."

In der Saison 2015/2016 machten die Vereine der 1. und 2.Liga einen Umsatz von fast vier Milliarden Euro. Für soziale Zwecke gaben sie im gleichen Zeitraum in ihrer Bundesligastiftung 2,4 Millionen aus. Gut die Hälfte des Geldes stammt aus einem alle zwei Jahre stattfindenden Benefizspiel der Nationalmannschaft, Lizenzstrafen und Einzelspenden. Bleiben jährlich noch: 1,2 Millionen Euro aus der Kasse der DFL - die der Verband steuerlich absetzen kann.

Das Verhältnis zur Verdeutlichung: Als würde jemand 40.000 Euro im Jahr verdienen und zwölf Euro spenden. Ein Missverhältnis aus aberwitzigen Umsätzen und bescheidenem sozialen Engagement, findet der Bielefelder Gewaltforscher Wilhelm Heitmeyer. Etwa zwei Jahre war er Teil des Kuratoriums in der Bundesligastiftung.

"Die Verantwortung wird durch diese Diskrepanz nicht gedeckt. Mit den wenigen Mitteln kann man zwar viel PR-Arbeit betreiben, aber die Nachhaltigkeit ist doch sehr begrenzt."

Prominenz statt Fachleute

Im Kuratorium der Bundesligastiftung sitzen prominente Menschen wie Peter Maffay, Eckart von Hirschhausen oder Edmund Stoiber. Natürlich sei eine Stiftung auf große Namen angewiesen, so Heitmeyer:

"Das Problem ist, dass bei so viel Prominenz nicht zu erwarten ist, dass ein wirklich tatkräftiges Engagement zu Stande kommt. Das war ein Grund für mich, dass ich da nicht als Grußonkel fungieren wollte."

Und schied aus. Wie viel schiere Eigenwerbung steckt im sozialen Engagement der Verbände? Der einzige Ansprechpartner für Medien bei der Bundesligastiftung war in der vergangenen Woche nicht verfügbar. Bei der Stiftung "Egidius Braun", der größten von dreien im DFB, brach Vize-Geschäftsführer Tobias Wrzesinski ein Interview mit dem Deutschlandfunk ab, als Fragen nach Finanzierung und Transparenz gestellt wurden. Und er sperrte das Gespräch für eine Veröffentlichung.

Kaum Transparenz

"Als Minimum, meine ich, sollten diese Organisationen mit gutem Beispiel vorangehen und das sehr einfache Transparenzangebot der Initiative Transparente Zivilgesellschaft annehmen", sagt Burkhard Wilke vom Deutschen Zentralinstitut für soziale Fragen, das die genannte Aktion von Transparency International mitträgt. "Da kann man sich verpflichten, zehn ganz banale Basisinformationen auf der Internetseite zu veröffentlichen: die Adresse, Namen der Vorstandmitglieder, eine gewisse Übersicht über Einnahmen und Ausgaben und Vermögenslage."

Zwar veröffentlichen Bundesliga- und DFB-Stiftungen zum Teil bunte Broschüren als Jahresberichte - Detailzahlen über Einnahmen und Vermögenswerte finden sich darin jedoch nicht. Ähnlich sieht es meistens bei den Stiftungen von Spielern und Vereinen aus.

Unter dem Strich, sagt Jürgen Griesbeck vom Fußball-NGO-Netzwerk "Streetfootballworld", seien viele Maßnahmen unkoordiniert, "in der Regel wenig effizient, wenig transparent und nachvollziehbar. Also am Ende weiß man nicht, was der Fußball insgesamt erreicht hat durch das, was Gutes getan wird."

"Es ist ein Fußball-Überdruss da"

Die Fußball-Industrie mit ihrer gesellschaftlichen Bedeutung könne und müsse mehr leisten. Nicht das eigene Image, sondern die Wirkung von Projekten gehörten in den Mittelpunkt. Buchautor Ronny Blaschke wünscht sich ein Umdenken bei den deutschen Spitzenfunktionären - im eigenen Interesse.

"Die FIFA, die UEFA, der DFB sind in großen Krisen, viele Leute haben keine Lust mehr auf diesen Sport. Es ist ja nicht so, dass die Bundesliga in 20 Jahren noch Rekorde feiern kann. Es ist ein Überdruss da."

Wie man sich Vertrauen und Relevanz erarbeiten könne, das mache Bundesligist Werder Bremen vor: "Von 150 Mitarbeitern sind allein zehn für soziale Projekte zuständig. Diese Abteilung hat 20 Projekte nach außen, aber vor allem auch die eigene Belegschaft, dazu viele Partner, viele Sponsoren gewonnen. Es ist kein Zufall, dass Werder Bremen trotz vieler Jahre Abstiegskampf immer noch eine so hohe Identifikation bei den Fans, bei den Sponsoren und bei den eigenen Mitarbeitern genießt."

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