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StartseiteCampus & KarriereFußball total05.06.2006

Fußball total

Leipziger Medienwissenschaftler untersuchen die Durchdringung des Fernsehens mit Fußball

Die Fußball-WM 2006 dürfte weltweit mehr Fernsehzuschauer finden als jedes andere Sportereignis, das bisher in Deutschland stattgefunden hat. Das ZDF etwa plant rund 80 Stunden Fußball live - sowie 50 Stunden Fußball darüber hinaus. Wie sehr diese Sportart das TV-Programm zu durchdringen vermag, haben Leipziger Wissenschaftler anhand einer Studie zur EM 2004 in Portugal gezeigt. Sie veranstalten zudem während der WM die internationale Konferenz "Fußball, Medien und Alltagsleben".

Von Carsten Heckmann

Fußball als WM findet vor allem im Wohnzimmer statt. (imm cologne)
Fußball als WM findet vor allem im Wohnzimmer statt. (imm cologne)
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Auch wer Fußball nicht faszinierend findet, wird wissen: Diese Sportart taugt für Medienereignisse sondergleichen. Überdeutlich wird das, wenn die Nationalmannschaften sich zum Turnier treffen. Dann heißt es: Fußball total im TV. Denn längst beschränkt sich die Berichterstattung nicht mehr auf die Übertragung der Spiele selbst. Ob Morgen- oder Mittagsmagazin, Talk- oder Spielshow: Der Deutschen liebste Fernsehsportart findet an vielen Programmplätzen statt, weiß der Leipziger Medienwissenschaftler Hans-Jörg Stiehler:

" Das ist ein Trend, der aus dem Glauben entsteht, Fußball geht immer. Es gibt ja den berühmten Satz von Helmut Thoma, dem früheren Geschäftführer von RTL: "Es gibt in Deutschland drei Sportarten: Fußball, Fußball, Fußball." Und man sieht natürlich an den Quoten, dass das auch funktioniert. Aber möglicherweise kann man den Bogen auch überspannen."

Wie weit er bereits gespannt worden ist, hat Professor Stiehler zusammen mit seinem Kollegen Jasper André Friedrich anhand der Berichterstattung über die Fußball-Europameisterschaft 2004 untersucht. Das Ereignis nahm demnach zwischen 30 und über 50 Prozent des Programms von ARD und ZDF zwischen Morgen und Mitternacht ein. Die EM in Portugal dominierte den deutschen Fernsehtag, die beiden Autoren der Studie sprechen von einer "absichtlichen Unterwanderung des Programms". Die Sendeformen seien dabei vielfältig, sagt Hans-Jörg Stiehler:

" Das sind zum einen eben klassische Unterhaltungsformate, die jetzt einfach umgepolt werden. Und zum anderen gibt es ja diese langen Programmstrecken, mit Vor- und Nachberichten zu konkreten Spielen. Das ist nun ein Phänomen, das älter ist als die EM 2004, dass im bundesdeutschen Fernsehen aus 90 Minuten Spiel vier Stunden Übertragung werden. Und damit diese vier Stunden funktionieren, muss da natürlich eine ungeheure Abwechslung geschaffen werden."

Letzte Eindrücke vom Trainingsplatz, kurze Interviews mit Experten, von Popmusik begleitete "Bilder des Tages" - die Forscher fanden sehr unterschiedliche Darstellungsformen in der Vor- und Nachberichterstattung. Unterhaltende bis boulevardeske Formen überwogen dabei. Im Vorfeld der Weltmeisterschaft sei nun zu beobachten gewesen, dass die Fernsehsender im Zusammenhang mit Fußball noch stärker auf Unterhaltungsformate setzen, sagt Hans-Jörg Stiehler. Trotz der Beteuerung von ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender, eine "Diktatur des Fußballs" sei nicht geplant, steht für den Leipziger Professor außer Zweifel, dass die WM das TV-Programm stärker denn je dominieren wird:

" Es wird noch eine Steigerung geben, unter anderem deshalb, weil natürlich alle anderen Sender das Ereignis auch nutzen. Das fängt damit an, dass RTL Spiele gekauft hat und sich jetzt auch als Fußballsender fühlt und auch so gibt. Und das betrifft natürlich alle anderen wichtigen Programme, die auf große Zielgruppen aus sind, auch. Also wir werden Fußball total hoch zwei haben bei 2006."

Ob der Fußball das Fernsehprogramm auch andernorts so durchdringt wie in Deutschland, unter anderem das soll die Konferenz "Fußball, Medien und Alltagsleben" zeigen. Sie wird vom 28. Juni bis 1. Juli an der Universität Leipzig stattfinden. Erwartet werden rund 50 Medienwissenschaftler aus mehr als 20 Ländern. Sie werden sich austauschen über die soziokulturellen Kontexte, die die Sportart umspannen. Und sie werden gemeinsam fernsehen. Möglicherweise oft und lange. Vielleicht findet ARD-Moderator Gerhard Delling dann ja ähnlich lobende Worte wie bei der EM 2004, als er sich an Günter Netzer und das Publikum wandte:

" Ich bedanke mich recht herzlich, es hat mir sehr Spaß gemacht, ich hoffe, Ihnen auch. Sie haben wieder großes Sitzfleisch bewiesen. Das gilt natürlich insbesondere für die Zuschauer zuhause. Ich bedanke mich bei Ihnen für die vielen Stunden, die Sie bei uns mit dabei gewesen sind, wünsche Ihnen einen schönen Abend, tschüß aus Portugal."

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