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StartseiteDlf-MagazinWarum Hebammen immer öfter ihren Job aufgeben15.06.2017

Geburtshelferinnen unter DruckWarum Hebammen immer öfter ihren Job aufgeben

Immer mehr Hebammen geben ihren Job auf. Der Grund: Hohe finanzielle Belastungen und eine vergleichsweise geringe Bezahlung. Wegen des Hebammenmangels schließen daher immer mehr Krankenhäuser ihre Geburtsstationen. Ein Umstand, der auch immer mehr werdende und junge Eltern unter Druck setzt.

Von Anja Nehls

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Eine Hebamme untersucht eine Schwangere (dpa-Zentralbild / Matthias Hiekel)
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"Hinten überkreuzen, so jetzt nehme ich das Baby, legt sich das auf die Schulter und lässt das da reinrutschen, Beine kommen raus bis zu den Knien und dann knotet man zweimal und fertig."

Und schon kuschelt die lebensechte Babypuppe im kunstvoll geknoteten Tragetuch. Im Geburtsvorbereitungskurs von Hebamme Jana Friedrich in Berlin sitzen ein knappes Dutzend werdende Mütter und fast genauso viele Väter auf gemütlichen Kissen auf dem Boden. Man will vorbereitet sein auf die Zeit nach der Geburt. Denn eine Hebamme für die Nachbetreuung zuhause im Wochenbett zu finden wird in Berlin immer schwieriger, berichten die werdenden Eltern:

"Ich habe über 50 Hebammen angerufen, jetzt haben wir gar keine."

Immer mehr Hebammen geben ihren Job auf, weil er sich einfach nicht rechnet, sagt Jana Friedrich. Früher hat sie als Angestellte in einem Krankenhaus gearbeitet, Teilzeit. Am Ende des Monats kamen nicht mal 1.500 Euro zusammen. Jetzt arbeitet sie freiberuflich – wie ungefähr 80 Prozent ihrer Berufskolleginnen. Jana Friedrich bietet Geburtsvorbereitung und Nachsorge an, und verdient damit auch nicht viel mehr als vorher, obwohl sie ihre Einsatzstunden längst nicht mehr zählt. Knapp 33 Euro bekommt sie für einen Wochenbettbesuch.

"Die Krankenkasse geht davon aus, dass wir 20 Minuten brauchen für eine Wochenbettbetreuung, 20 Minuten. Also die Frau müsste mir im Prinzip nackt die Tür aufmachen, das Kind müsste nackt sein und dann dürfte die keinerlei Fragen haben."

Strengere Auflagen, geringe Bezahlung

Dazu kommt: Die Krankenhäuser schicken die Mütter immer früher mit den Neugeborenen nach Hause, weil sie für die Entbindung Fallpauschalen bekommen, sagt Susanna Rinne-Wolf vom Berliner Hebammenverband. Dagegen sei im Prinzip auch nichts zu sagen, aber:

"Das Kind wird beispielsweise ein bisschen gelb, bekommt also diese Neugeborenengelbsucht, klappt das mit dem Stillen? Nimmt das Kind gut zu? Also diese Kernthemen in den allerersten Tagen, die früher noch im Krankenhaus abgedeckt wurden, müssen jetzt von uns in der ambulanten Betreuung auf eine ganz andere Art aufgefangen werden."

Und das wird nicht entsprechend vergütet. Zwar wird jetzt die Wochenbettbetreuung der Mütter 12 statt bisher acht Wochen finanziert – die Anzahl der vorgesehenen Besuchstermine durch die Hebamme in dieser Zeit ist allerdings nicht gestiegen. Darüber hinaus bieten von den rund 23.000 im Deutschen Hebammenverband organisierten Hebammen immer weniger tatsächlich Geburtshilfe an. Der Grund sind die gestiegenen Haftpflichtprämien, die sich in den vergangenen zehn Jahren verfünffacht haben.

Jana Friedrich würde gerne wieder Kinder zur Welt bringen, aber das kann sie sich nicht leisten. 7.600 Euro Jahresbeitrag zur Haftpflicht müsste sie ab Juli 2017 bezahlen, soviel wie kaum eine andere Berufsgruppe:

"Wenn bei der Geburt ein Fehler passiert, das Kind geschädigt ist, dann ist das natürlich für das Gesundheitssystem der höchst denkbare Schaden, weil dieses Kind muss ja ein Leben lang versorgt werden. Dass Hebammen jetzt ständig Fehler produzieren, das ist natürlich nicht so, aber es ist so, dass die ganzen nachsorgenden Behandlungen immer teurer werden und deshalb steigen die Preise."

Noch dazu gibt es immer weniger Gesellschaften, die überhaupt entsprechende Versicherungen anbieten. Mit Petitionen und Protestschreiben haben die Hebammen in den vergangenen Jahren versucht, auf ihre Situation aufmerksam zu machen. Passiert ist wenig. Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe liegt das Thema aber am Herzen, sagt seine Sprecherin Katja Angeli. Man habe in der vergangenen Legislaturperiode viel auf den Weg gebracht.

"Dazu gehört zum Beispiel ein Sicherstellungszuschlag für Hebammen, die eine geringe Zahl an Geburten betreuen, um die finanziell zu entlasten. Dazu gehören Verbesserungen bei der Vergütung von Hebammen."

Die sich allerdings im Centbereich bewegten und lediglich den Verhandlungen der Hebammenverbände mit den Krankenkassen zu verdanken seien, kritisieren die Hebammen. Mit dem Sicherstellungszuschlag haben Hebammen die Möglichkeit bis zu drei Viertel der Haftpflichtprämien zurückzubekommen. Allerdings sei das an bestimmte nicht immer erfüllbare Bedingungen geknüpft und mit hohem bürokratischem Aufwand verbunden.

Ob, wie vom Gesetzgeber geplant, Kranken- und Pflegekassen in bestimmten Fällen auf Schadensersatzansprüche gegen die Hebammen verzichten, müsse sich erst noch herausstellen.

Festanstellungen lohnen sich nicht

Also wieder fest angestellt im Krankenhaus arbeiten? Für die meisten Hebammen keine Alternative. Drei Viertel aller angestellten Hebammen arbeiten Teilzeit – weil es wenig volle Stellen gibt und weil sie den Belastungen des Jobs mit Schichtdienst und geringer Bezahlung sonst erst recht nicht standhalten könnten. Immer mehr Krankenhäuser schließen ihre Entbindungsstationen und die verbleibenden sind überfüllt, sagt Susanna Rinne-Wolf vom Berliner Hebammenverband.

"Die Kolleginnen müssen in der Tat Parallelbetreuungen von bis zu drei Frauen unter der Geburt gleichzeitig erledigen, der administrative Aufwand ist enorm gestiegen in den vergangenen Jahren.

Außerdem laufen jetzt vielerorts auch noch Ambulanzen, Sprechstunden, teilweise sogar noch die gynäkologische Rettungsstelle über den Kreißsaal. Also die eins zu eins Betreuung - das ist unsere Forderung. Wenn die Frauen gut betreut sind, dann haben wir wesentlich weniger Interventionen, deutlich weniger Kaiserschnitte und dadurch auch deutlich weniger Folgekosten."

Angst vor Zurückweisung durch das Krankenhaus

Wie viele Hebammen angestellt und wie viele pro Schicht eingeteilt werden, darüber entscheidet allerdings das jeweilige Krankenhaus und durch die Fallpauschalen rechnet sich eine komplikationslose Geburt für das Krankenhaus kaum. In den vergangenen 20 Jahren hat die Anzahl der Krankenhäuser mit Geburtshilfe um über 30 Prozent abgenommen. Im Geburtsvorbereitungskurs von Jana Friedrich macht sich deshalb ein werdender Vater Gedanken, ob seine Freundin mit Wehen an einem überfüllten Krankenhaus abgewiesen wird:

"Das ist schon eine Sorge, was man immer hört aus den Krankenhäusern, da wird immer wieder die gleiche Frage gestellt. Schickt ihr uns weg? Das scheint so zu sein, dass es so wahnsinnig viele Geburten gibt jeden Tag."

 

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