Sonntag, 19.11.2017
StartseiteSonntagsspaziergang"Zweifel ist der Wahrheit Anfang"16.07.2017

Geburtsort von Descartes"Zweifel ist der Wahrheit Anfang"

La Haye en Touraine, eine kleine Stadt in Südwestfrankreich, ist der Geburtsort eines großen Denkers: René Descartes gilt als Begründer der modernen Philosophie. Ein Denkmal erinnert an den berühmten Zweifler und Naturwissenschaftler. Zu seiner Zeit allerdings wurde er von Glaubensträgern aller Richtungen heftig bekämpft.

Von Franz Nussbaum

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Das zeitgenössische Porträt zeigt den französischen Philosoph, Mathematiker und Naturwissenschaftler Rene Descartes (1596-1650).  (R3577_bifab_122762)
Die Schriften des französischen Philosophen, Mathematikers und Naturwissenschaftlers Rene Descartes (1596-1650) wurden in Rom auf den Index gesetzt (R3577_bifab_122762)

"Ich denke, also bin ich" ist ja leicht und einfach so daher zu plappern. Und wir sehen jetzt hier an der Abfahrt auch eine holzschnittartige braune Werbetafel. Abgebildet ist ein älteres Gesicht, schulterlange Haare, ein schmaler Schnauz, ein etwas trauriger Blick. Das ist er! Ich lenke, also bin ich und biege hier nun ab. Ich glaube nicht, dass diese Autobahnabfahrt mit Descartes etwas zu tun, ich bin mir zweifelsfrei sicher, wegen des Schildes mit seinem Konterfei. "Zweifeln und darüber nachdenken", das ist in Kurzform René Descartes philosophische Logik. Ich schalte mal, bildlich gesprochen, vielleicht ein oder zwei Gänge runter.

Revolutionäre Gedanken

Mit dieser doch heute so verständlichen Formel konnte man sich vor 400 Jahren ganz schön in die Brennnesseln setzten. Am Beispiel: Damals ist laut Glaubensgrundsatz die Erde ja noch eine Scheibe, ein Pfannkuchen. Und wer das um 1600 aufgrund eigener wissenschaftlicher Forschung oder mathematischer Berechnungen nicht mehr glauben konnte, dem droht der Papst Schlimmeres als nur eine Brennnesselbehandlung an. Wie bei dem berühmten Galileo Galilei, dem italienischen Zeitgenossen von Descartes. Soweit verständlich? Henry Tietjens, Sie kennen Descartes etwas besser als ich. Was glauben oder was denken Sie?

"Das sind schon revolutionäre Gedanken! Wobei Descartes ja nicht nur in religiösen Fragen 'nachdenkt, also bin ich'. Er sagt etwa wörtlich auch: 'Der Zweifel ist der Wahrheit Anfang. Durch zweifelndes Nachdenken bin ich'."

Nicht blind und ungeprüft etwas glauben zu müssen. Beispielsweise ist der auferstandene Herr Jesus in den Himmel aufgefahren? Oder muss ich das glauben? Oder wer hat die berühmte Bergpredigt Jesu, mit den vielen wörtlichen Zitaten, vor 2.000 Jahren mitstenografiert? Sind solche Fragen erlaubt? War Steno da schon bekannt?

Idyllische Landschaft - blutige Geschichte

Nun will ich uns kurz - und nicht von ungefähr - eine Landschaftsbeschreibung hier zwischen Tours und Poitiers einstreuen. Wir lesen:

"Es ist hier eine Landschaft des leichten, genussvollen Lebens. Das Licht ist weich, das Klima lieblich. Grüner kann Landschaft in einer schon mediterranen Sommerzone kaum sein. Der Gemüsegarten Frankreichs. Eine sachte-hügelige Bodenausformung. Die Häuser und Dorfkirchen sind meist aus einem hellgrauen Kalkstein erbaut. Immer wieder Naturidyllen, Baumgruppen, Hecken."

Ist das glaubhaft? Oder ist das Prospektrhetorik? Und Sie merken, wie ich immer wieder den Begriff Glauben, mit und ohne Fragezeichen, bei Descartes einstreue. Ich frage mich etwas, also bin ich. Zurück zum Landschaftsbild. Das hier an der Autobahnabfahrt ist eine geschichtsträchtige Route. Hier irgendwo verlief auch die alte Römerstraße, quer das damals römische Gallien. An dieser Römerstraße schlägt Karl Martell und sein fränkisches Heer vor 1.300 Jahren die Araber in die Flucht. Ein großer Sieg für den "abendländischen Glauben". Da klingelt das Wort wieder. Wer aber bei dem fürchterlichen Gemetzel an einen muslimischen Gott oder an einen christlichen Gott "geglaubt" hat - oder von dem verlassen war -, ist heute fast uninteressant. The Winner Takes It All. Der Sieger kriegt alles. Das ist nicht von Karl Martell, auch nicht von René Descartes, das ist von Abba. Wir blättern weiter im historischen Profil der Landschaft.

"Hier, auf der Strecke zwischen Tours und Poitiers, bündeln sich auch die Hauptrouten der Jakobspilger aus der Mitte des damaligen Deutschlands auf ihrem langen Weg nach Santiago de Compostela. Von drei Pilgern kehrt damals nur einer nach Jahren erschöpft in die Heimat zurück. Wären sie auch gepilgert, wenn man ihnen das 1:3 Risiko gesagt hätte? Welch ein Gottvertrauen. Natürlich besuchen die frommen Wallfahrer damals auch das Grab des heiligen Martin im nahen Tours. Martin ist der populärste Heilige des Abendlandes. Zudem ist er der Schutzheilige der Reisenden und der Pilger."

Martin, endlich mal einer, der etwas teilt, nicht nur alles haben will. Und weil die Pilger an das Angebot eines diplomierten Schutzheiligen "glauben", deswegen empfehlen sie sich dem Martin mit einer Kerze und etwas Gebet. Einen ADAC- Schutzbrief, als Police und Sicherheit zum Vorzeigen, kennt man damals noch nicht. Hätte das René Descartes, eintausend Jahre später, ungeprüft glauben wollen? Und ab hier greifen wir nun wirklich und endlich die Spur des René Descartes auf.

Glaubenswächter im Kampf gegen suspekte Philosophie

Mittlerweile erreichen wir den kleinen Ort seines Namens. Henry Tietjens, machen Sie uns doch bitte, zum besseren Verständnis, ein Zeitfenster Descartes auf.

"Der kleine René Descartes wird 1596 hier getauft. Er stammt aus kleinem beamtetem Adel, sein Vater ist Gerichtsrat im bretonischen Parlament. Dieser Ort ist damals noch nicht nach den Descartes benannt. Wenige Jahrzehnte nach der Geburt des Renatus Cartesius, das ist sein lateinisierter Taufname, werden alle Schriften des Philosophen in Rom auf den Index gesetzt. Das heißt, die übereifrigen Glaubenswächter kommen mit den vielen neuen Philosophen und dazu den neu hereinbrechenden naturwissenschaftlichen Erkenntnissen und mit den Planetenbeobachtern nicht mehr klar. Also verhängen sie Denk- und Lehrverbot!"

Basta! Und wenig später gilt auch das Verbot zur weiteren Verbreitung von so suspekten Sätzen wie "wenn ich denke, existiere ich". Und diese Verbote gelten an allen französischen Schulen. Es ist fast ein Wunder, möchte man meinen, dass Descartes nicht sonst wie beiseite geschafft wurde. Irgendwann ist also die Erde dann doch eine Kugel in einem gewaltigen Planetenraum.

"Es kommt noch ein zweites Zeitfenster hinzu. Nicht nur Martin Luther hat das System des Glaubens an Ablasshändler und an die Prunk-Kirche fundamental erschüttert. In Frankreich ergreift die Lehre des Calvin breite Schichten des französischen Bürgertums und auch einen Teil des Adels. Um diese Zeit wird Frankreich von einem Religionskrieg erschüttert, der dem Dreißigjährigen Krieg in den deutschen Landen gleichkommt. Die katholischen Glaubensträger bekämpfen unerbittlich die Bewegung der Hugenotten, die hier in Südwestfrankreich ihre Hochburgen haben. Französische Könige werden von Fanatikern erdolcht. Dazu Bartholomäus-Nächte. Das ist natürlich arg konzentriert zusammengefasst."

Also, Adel und Klerus verschanzen sich hinter den Bastionen des "Glaubens" und feiern glanzvolle Hochzeiten und vermählen und vermehren sich hinter den streng bewachten Mauern ihrer opulenten Schlösser. Und der Rest des Landes darbt dahin oder wird wegen seines Glaubens bis nach Brandenburg vertrieben.

Vom kränklichen Jungen zum kritischen Jesuitenschüler

Und so stehen wir nun in dem beschaulichen Städtchen Descartes vor dem Geburtshaus des kleinen Renatus oder René. Es ist das Haus seiner Großmutter, heute ein kleines Museum. Wegen einer Erkrankung, lesen wir, ist es leider geschlossen.

"Das ist fast ein kleines Treppenwitzchen. Denn als Kleinkind soll auch René schwach und sehr kränklich gewesen sein, zudem stirbt ihm die Mutter weg. So schiebt ihn der Vater zur Oma ab. Und er ist später erstaunt, dass sich der blässliche Junge putzmunter entwickelt. Mit acht oder zehn Jahren kommt Renatus dann zur weiteren Ausbildung in ein elitäres Jesuitenkolleg, an der Mündung der Loire gelegen. Das werden seine prägenden Jahre. Latein, Grammatik, Rhetorik - dazu lernt er ein bisschen Reiten und Fechten. Hinzu kommt bei den Jesuiten auch Philosophieunterricht. Es wird aber nicht frank und frei diskutiert und philosophiert. Sondern es geht da eindeutig um die sehr enge Interpretation scholastischer, also kirchlicher Texte. Und der Oberschüler Descartes soll deswegen diese Traktate eher polemisch grinsend ertragen haben. Das müssten wir vielleicht etwas verständlicher auflockern."

Dann frage ich, also bin ich? Wurde bei diesen Übungen an der Loire der Stachel gelegt, der später in Descartes widerspenstig auflöckt? Etwas glauben, wenn die Argumente dagegen sprechen? Erinnert es auch an Hitlers Eliteschulen im Dritten Reich? Fragezeichen? "Ich nicke, also bin ich."

Als studierter Jurist zur Armee

Als 18-Jähriger verlässt er die Jesuiten und schreibt sich in die Universität von Poitiers ein. Er macht da einen Abschluss in Jura. Und ich habe ein kleines Büchlein dabei, da beginnt er mit Reisenotizen. Er notiert:

"Ich verbrachte den Rest meiner Jugend damit, zu reisen, Höfe und Armeen zu besichtigen, mich unter Menschen von verschiedenem Temperament und Rang zu mischen (…) und vor allem derart über den Dingen nachzudenken, die sich mir darboten, dass ich Nutzen daraus ziehen könnte."

Welchen Nutzen zieht der junge Jurist? Er wird, so würde man heute sagen, "Soldat auf Zeit". Er tritt als Freiwilliger in den Niederlanden in die protestantische Armee des deutsch-stämmigen Feldherrn Moritz von Nassau ein. Der warf soeben die habsburgischen Spanier aus den Niederlanden. Das hat ja Friedrich Schiller uns später in Jena dezidiert beschrieben. Der Hobbysoldat Descartes quittiert den Job und reist weiter nach Frankfurt. Hier feiert er die Krönung des deutschen (!) Kaisers Ferdinand II. Dann wird Renatus in Ulm von dem strengen "General Winter" überrascht. Das heißt, hier überwintert Descartes und tritt nun in den militärischen Dienst des Herzogs Maximilian von Bayern ein.

Im Winter gibt es zudem wegen "Unbespielbarkeit" der verschneiten oder versumpften Schlachtfelder keine Kriege. Dafür bekomme der Jung-Offizier Descartes wohl eine beheizte Stube. Er ist frei von allen Sorgen und Verpflichtungen.

"Und nun geht es 'treppenwitzig' weiter. Descartes beginnt in Ulm und in Neuburg an der Donau zu philosophieren - mit 23 Jahren."

Philosophische Gedanken - von allen Seiten bekämpft

Philosophieren statt in Bayern das Saufen zu lernen, wie es sich für einen tüchtigen Soldaten an sich gehört. Eine etwas süffisanten Frage: Der Kaiser Ferdinand und - noch schlimmer - der bayrische Herzog Maximilian sind beide glühendste Verfechter der Gegenreformation. Wie können die einen französisch sprechenden Bubi und Jungjuristen in ihrer strenggläubigen Katholischen Liga dulden? Und der philosophiert dann auch noch in einer fremden Sprache. Das ist ja fast so schlimm wie die aktuellen Affären in der Bundeswehr. Die Katholische Liga hätte doch den Descartes und seine philosophischen Spinnereien in der eiskalten Donau entsorgen können.

"Wobei wir festhalten müssen: Was Descartes da gedanklich anrührt, ist sowohl für die Katholischen wie auch gleichzeitig für die Protestanten und für die Hugenotten ein philosophischer Aufwärtshaken von gefährlicher Tragweite. Ich denke und zweifele, also bin ich. Später wird Descartes aus diesen Richtungen europaweit heftigst bekämpft. Jesuiten wettern, Descartes habe in seinen Schriften keinen Raum für Gott gelassen.

Die Dinge kommen noch schlimmer. René Descartes ist auch zu Beginn des Dreißigjährigen Krieges, 1618, mit den Bayrischen dabei. Er marschiert mit nach Prag, erlebt den 'Prager Fenstersturz', der den Beginn des deutschen Gemetzels postuliert."

Wir stehen mittlerweile vor dem Rathaus des Ortes Descartes. Und auf dem Rathausplatz ist ein übermannsgroßes Denkmal des großen Sohnes des kleinen Städtchens. Er wirkt mit seinen langen Haaren und dem fülligen Wams etwas pummelig. Er hält ein aufgeschlagenes Buch in der Hand. Sein Blick geht etwas traurig über die Touristen hinweg, die da sitzen: Tasse Kaffee, ein Glas Wein und einen Croque Monsieur oder einem Teller Fritten - so philosophieren wir in vielen Sprachen zu seinen Füßen.

In Wahrheit wird Descartes unser Geschnatter, unsere Welt des permanenten Klingelns von Smartphones überhaupt nicht mehr verstehen. Er wollte selber denken und zweifeln, in medias res der Wahrheit auf den Grund gehen. Lieber René Descartes, ob nun dieser Diskurs über ihre Reisenotizen aus Bayern ihnen gerecht wird? Es ist ja nur eine winzig kleine deutsche Episode in Descartes universeller Fülle von Gedanken und kritischen Anstößen.

Frankreich verlassen für mehr Glaubensfreiheit

Gehen wir im Zeitraffer noch Descartes Eckdaten durch.

"Er geht eine Weile als freischaffender Philosoph nach Paris. Soll sich von einer väterlichen Erbschaft unterhalten. Er unterhält ein breites Netzwerk mit Intellektuellen, Denkern und Wissenschaftlern. Gegen 1628 zieht er noch mal den französischen Waffenrock, unter Richelieu, über. Descartes nimmt an der Belagerung und Vernichtung der eingeschlossenen Hugenotten in La Rochelle teil."

Die letzten ausgehungerten Hugenotten von La Rochelle sollen sich von Schuhsohlen und Kannibalismus ernährt haben. Welche Wahrheit mag so ein großer Kopf beim Belagern gewonnen haben? Dann nimmt der Druck auf Descartes Schreibarbeiten zu.

"Man ahnt, dass er an 'ich denke, also zweifele und bin ich' arbeitet. Dazu erschüttert die Verurteilung Galileis in Rom das Abendland. Man rät Descartes, unbedingt Frankreich zu verlassen. Er siedelt für 20 Jahre in die pietistischen Niederlande über, erhofft sich hier mehr Glaubensfreiheit. Seine Veröffentlichungen tragen ihm mittlerweile internationale Anerkennungen ein. 1637 erscheint seine Schrift vom fundamentalen Zweifeln, 'Discours de la méthode'."

Frust, Frost und Lungenentzündung - das Ende

Eine letzte Reisenotiz des großen Philosophen kommt aus Schweden, von der jungen Königin Christina. Sie ist die Tochter von Gustav Adolph. Und der war der protestantische Mitveranstalter am deutschen Krieg um den rechten Glauben.

"Die Königin lädt den alten Descartes ins winterkalte Schweden ein. Er möge ihr die 'Philosophie über die Leidenschaften der Seele' näher bringen."

Descartes erreicht halb erfroren in der Kutsche Stockholm und den königlichen Hof mit Mühe und Not. Und etwas später ist er tot. An Frust und Frost und einer Lungenentzündung gestorben.

 

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