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Gemeinsamen Lernen fürs Lehren

Das Hetairos-Programm an der Göttinger Universität

Von Carolin Hoffrogge

Professionelle Begleitung hilft beim Einstieg in die Lehrtätigkeit.
Professionelle Begleitung hilft beim Einstieg in die Lehrtätigkeit. (Stock.XCHNG / carl dwyer)

Mit dem griechischen Wort für Gefährte, Hetairos, haben Wissenschaftler der Universität Göttingen ihr neues Programm zur Ausbildung von Nachwuchswissenschaftlern bezeichnet. Erfahrene Hochschuldozenten und Promovierende trainieren dabei im Tandem für die Lehre.

"Wollen wir die Kuh machen. Stellt euch vor, ihr steht auf einem Berghang und wollt einer gegenüberstehenden Kuh zu muhen. Mit Mjöll. Stellt euch bequem hin, kurz kauen, tief durchatmen und dann Mjöll."

Bevor die zehn Promovierenden der Geisteswissenschaften im kommenden Sommersemester vor ihren Seminargruppen stehen und alte Geschichte, romanische Sprachen oder deutsche Orthografie gemeinsam mit einem erfahrenen Professor lehren, muhen sie wie Kühe auf der Alm.

"Wir machen die Übung, damit die Stimme aus dem Bauch kommt. Die Teilnehmer also ihre Inhalte nachher in ihren Seminaren auch mit guter Stimme rüberbringen. Dieses Mjöll können sie dann vorher zu Hause üben."

Für Ausbilderin Heidi Brennecke ist nicht nur das Training der Stimme wichtig. Die zehn Nachwuchswissenschaftler lernen auch die richtige Körpersprache, ein entsprechendes Durchsetzungsvermögen, ein authentisches Auftreten oder wie sie Prüfungen abnehmen. Ihr Training absolvieren sie im Hetairos-Programm mal alleine, oft aber auch mit ihrem Lehrmeister, dem Professor zusammen. Gemeinsam mit anderen der Göttinger Graduiertenschule für Geisteswissenschaften hatte Florian Grötsch die Idee zu dem Lehrprogramm.

"Die Grundidee von Hetairos ist, dass Lehre ein zentraler Aspekt der wissenschaftlichen Karriere. Bisher war es üblich, dass die Promovierenden alleine ins Feld, in die Praxis gegangen sind. Das haben wir uns nirgendwo abgeguckt, das haben wir uns selber ausgedacht. Für uns war klar, dass es einen begleiteten Einstieg in die Hochschullehre geben muss. Man muss es professionalisieren und bisher sind wir damit bundesweit einzigartig."

Annika Hübl hat gerade ihre Magisterarbeit über Orthografieregeln im Deutschen geschrieben.

Langweilige Seminare, einschläfernde Vortragsweise? Diese Erfahrung hat die 25-jährige Germanistin während ihres Studiums immer mal wieder gemacht.

"Ich glaube, das kann einem in jedem Fach passiert. Also man hat sich schon an manchen Stellen gefragt, wie sind die Leute jetzt in diese Position gekommen? Weil man dann dachte: Ihr wollt mir hier was vermitteln? Habt aber in eurem eigenen Vortrag keinen roten Faden, seid zu leise, seid zu schnell, das hoffe ich wird mir nicht passieren."

Damit Annika den Studierenden ihres Orthografieseminars interessanten, peppigen und trotzdem fachlich genauen Unterricht erteilt, hilft ihr Markus Steinbach. Sie ist seine Juniorpartnerin, er ihr Seniorpartner. Gerne hätte Germanistikprofessor Steinbauch zu Beginn seiner Lehrtätigkeit vor zehn Jahren auch gerne diese professionelle Begleitung gehabt.

"Ich musste total ins kalte Wasser springen. Ich habe diese klassische Schule. Ich habe mir das abgeguckt von den Dozenten, die ich als gute Vorbilder empfand, was ja nicht immer unbedingt die Richtigen sind, aber das ist so meine Erfahrung, wo ich dachte, da habe ich viel gelernt, da hat der Unterricht Spaß gemacht, da habe ich mir was abgeschaut."

Nach 100 Seminaren und 4800 von ihm ausgebildeten Studenten fühlt sich Markus Steinbach zwar souverän und wohl, vor Studenten zu lehren. Allerdings, so sagt der 42-Jährige, kann auch er von dem Hetairos-Programm profitieren.

"Co-Teaching ist ja was, wo beide was von lernen können. Da die Universität Göttingen jetzt dieses schöne Angebot hat, Co-Teaching tatsächlich auch professionell zu begleiten, da werden wir uns auf jeden Fall drauf bewerden. Und das Zweite ist, wir möchten ja beide etwas voneinander lernen. Wenn sie jetzt durch die Ausbildung hier Didaktik verbessern möchte, bietet sich hier eine gute Gelegenheit. Ich habe nach meiner langen Lehrtätigkeit auch die Möglichkeit von jemandem Feedback zu bekommen, der die Sache mit neuem Blick sieht."

Diesen neuen Input hat sich Annika Hübl schon überlegt.

"Ich würde schon sagen, dass wir in der ersten Sitzung sagen, dass wir nicht Regeln pauken, sondern dass es um die orthografischen Grundlagen geht. Damit da schon mal keiner sagen kann: Oh, damit habe ich aber nicht gerechnet."

Sollten die Teilnehmer in Annika Hübls und Markus Steinbachs Seminar einmal schläfrig werden oder zu schüchtern für eine Mitarbeit sein, weiß die junge Promovendin sie wieder wachzurütteln.

"Murmelgruppe und Glückstopf. Ja, es sind doch recht blumige Ausdrücke, wo sich oft simple, aber sinnvolle Konzepte verbergen, die man gut anwenden kann. Wenn man so was nimmt wie die Murmelgruppe, heißt das nur, wenn die Studierenden gerade eine stille Wand sitzen und keiner sagt was, so jetzt setzt euch mal kurz zusammen, redet mit eurem Nachbarn, dann verschwinden Ängste, dann werden Fragen gestellt und die Antwort kommt doch."

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