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"Genetische Vielfalt ist ganz entscheidend für unser Überleben"

Umweltforscher Joachim Spangenberg über das Artensterben

Das Gespräch führte Mario Dobovisek

Luftaufnahme des gefährdeten Ökosystems Great Barrier Reef vor der Küste Australiens
Luftaufnahme des gefährdeten Ökosystems Great Barrier Reef vor der Küste Australiens (picture alliance / dpa)

Eigentlich sollte nach Plänen der UNO das weltweite Artensterben bis 2010 gestoppt sein. Jetzt ist die Frist bis 2020 verlängert worden. Joachim Spangenberg vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung nennt vier Maßnahmen, die das Verschwinden von Lebewesen aufhalten können.

Mario Dobovisek: Jeden Tag verschwinden bis zu 130 Tier- und Pflanzenarten, so vermelden es jedenfalls die Vereinten Nationen in ihrem Bericht zur Artenvielfalt. Das Artenaussterben ist normal, schließlich entstehen auch immer wieder neue, doch die Bilanz sieht düster aus. Täglich wird unsere Natur ein bisschen ärmer. Das Artensterben zu stoppen, um die Vielfalt zu fördern, haben sich deshalb die Vereinten Nationen einst auf die Fahnen geschrieben. Heute vor 18 Jahren trat deren Biodiversitätskonvention in Kraft. Bis 2010 sollte das Artensterben eigentlich gestoppt werden. Auf ihrer Konferenz in Nagoya vor einem Jahr mussten jedoch alle Beteiligten ihr Scheitern eingestehen, darunter auch Jochen Flasbarth, der Präsident des deutschen Umweltbundesamtes, der die Konferenz damals eröffnete.

Dobovisek: Die Weltgemeinschaft habe ihre Ziele verfehlt, sagte Flasbarth, wir verlören nach wie vor unsere Artenvielfalt, den Reichtum und das Kapital unseres Planeten. Jedes Jahr würden Urwälder von der Größe Griechenlands gerodet und Korallenriffe verschwinden, wenn wir nicht gegen den Klimawandel angingen. Das war wie gesagt vor einem Jahr, im sogenannten UNO-Jahr der Biodiversität. Die Frist wurde kurzerhand verlängert: Bis 2020 nun soll das Artensterben aufgehalten werden, und zu mir ins Studio gekommen ist Joachim Spangenberg vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung. Guten Morgen!

Joachim Spangenberg: Guten Morgen!

Dobovisek: Sie haben gemeinsam mit Ihren Kollegen Szenarien für das Artensterben in Europa entwickelt. Wo stehen wir in zehn Jahren, wenn die Politik so weitermacht wie bisher?

Spangenberg: Zunächst eine Vorbemerkung: Die biologische Vielfalt ist natürlich mehr als das Artensterben nur. Biologische Vielfalt ist die genetische Vielfalt, das heißt, jeder, der sich Hühner oder Hunde anschaut, sieht, dass es ganz viele verschiedene Rassen gibt, ähnlich gilt das für Nahrungsmittel. Also diese genetische Vielfalt ist ganz entscheidend für unser Überleben, und zweitens wie angesprochen die Artenvielfalt, und drittens die Vielfalt der Ökosysteme. All das gehört zur biologischen Vielfalt und sollte geschützt werden. Zur Frage, wo wir stehen in zehn Jahren: Ein ganzes Stückchen tiefer, als wir jetzt stehen, was den Vorrat an biologischer Vielfalt in dieser Welt angeht, denn es gibt bisher keinerlei Anzeichen dafür, dass der Trend umgekehrt wird, was Herr Flasbarth in Nagoya angesprochen hat. Der Verlust der Wälder geht unvermindert weiter, der Verlust an Korallenriffen ist nach wie vor eklatant, und Vorschläge, wie sie in Australien gemacht worden sind, durch ein riesengroßes Sonnendach über dem Great Barrier Reef die Sonnenstrahlung abzuhalten, sind eher menschliche Hybris als wirkliche Lösungen.

Dobovisek: Was muss also geschehen, um bis 2020 das Artensterben zumindest einmal aufzuhalten?

Spangenberg: Die entscheidenden Maßnahmen müssten darauf abzielen, die Faktoren, die Artensterben und biologische Vielfaltsverluste verursachen, gezielt anzugehen. Und die haben eine ganz klare Reihenfolge, erstens geht es um die Art der Landnutzung. Das ist in Europa Landwirtschaft, Forstwirtschaft et cetera. Zweitens sind zu nennen die invasiven Arten, die sonst nur in anderen Kontinenten vorkommen, zum Beispiel durch Handel, als blinde Passagiere bei uns eingeschleppt werden, dort sich niederlassen, und weil sie keine natürlichen Feinde haben, Ökosysteme destabilisieren und einheimische Arten verdrängen. Und das dritte große Problem ist der Klimawandel, der ist noch nicht das Entscheidende, wird es aber wahrscheinlich bis Mitte des Jahrhunderts sein, und das vierte zu ist die Chemisierung unserer Umwelt und unserer Landwirtschaft.

Dobovisek: Sie haben viele Probleme jetzt angesprochen. Eines möchte ich einmal herausgreifen: der zunehmende Verbrauch von Flächen für Ackerbau und Viehzucht trägt maßgeblich zum Artensterben bei. Täglich werden weltweit rund 36 Fußballfelder Waldflächen gerodet, zum Teil auch mithilfe von öffentlichen Mitteln. Die Europäische Union fördert ja auch den nicht gerade umweltfreundlichen Ackerbau in der Europäischen Union. Wie passt das zusammen?

Spangenberg: Das passt gar nicht zusammen. Wir haben zurzeit zwei sehr getrennte Diskurse. Zum einen gibt es im Rahmen der Wirtschaftskrise den Diskurs: Wir brauchen Wachstum um jeden Preis! Und zum zweiten, wir haben den Diskurs: Wir brauchen eine ökologische Gestaltung unserer Umwelt. Und diese beiden kommen nicht zusammen. In dem ersten Diskurs werden Maßnahmen ergriffen, die dem zweiten in den Rücken fallen. Und insofern ist es völlig korrekt, dass sie die Landnutzung als Erstes angesprochen haben, weil es der Hauptfaktor ist. Und in dem Bereich sehen wir ja, was passiert ist. Der europäische Agrarkommissar hat – verblüffend genug für einen Agrarkommissar, einen Vorschlag gemacht, dass in Zukunft eben nicht mehr die Mengenproduktion gefördert werden soll, sondern die gesamte Produktion, nur dann, wenn sie entsprechenden ökologischen Kriterien Genüge tut. Das Ergebnis ist, dass er von keinem einzigen Mitgliedsstaat Zustimmung bekommen hat. Und jetzt bleibt abzuwarten, ob das europäische Parlament in der Lage ist, dafür zu sorgen, dass wirklich die Interessen der Allgemeinheit und nicht die von irgendwelchen Partikularinteressen geprägten Positionen der Regierungschefs sich durchsetzen.

Dobovisek: Gehen also Deutschland und geht die Europäische Union nicht mit einem positiven Beispiel voran, wie sie es ja immer für sich in Anspruch nehmen?

Spangenberg: Das ist eine schwierige Frage. Es gibt einige Länder, die Tropenwaldländer sind, die versuchen, Maßnahmen zu ergreifen. In Brasilien werden nach wie vor massiv Wälder abgeholzt, und die zeitweiligen Rückgänge des Verlustes an Tropenwald sind durch aktuelle Entwicklungen schon wieder überholt. Die Europäische Union hat in vielen Bereichen nichts mehr zu tun. Primärwälder haben wir nicht mehr, die haben wir über die letzten Jahrhunderte bereits vernichtet. Da gibt es nichts mehr zu schützen. Das sind 1,5 Prozent der Gesamtfläche, glaube ich, noch insgesamt. Das heißt also, dass die Europäische Union da, wo es um Kulturlandschaften geht, tätig werden kann und muss, und das sind halt landwirtschaftliche Nutzflächen. Dort gibt es mit der Förderung von Agrarausgleichsmaßnahmen und ein bisschen ökologischem Landbau sicherlich ein paar positive Beispiele. Insofern kann die EU im internationalen Vergleich teilweise der Einäugige unter den Blinden sein, aber sehend ist sie weiß Gott nicht.

Dobovisek: Und trotzdem wird ja auch die Europäische Union, egal welcher Schritt dort unternommen wird, international, auf großer internationaler Ebene immer wieder gebremst. Wir haben es zuletzt beobachtet auf der Klimaschutzkonferenz von Durban, da wird dem Kapitalismus immer Vorrang gegeben, der Wirtschaft wird Vorrang gegeben. Kann denn überhaupt in diesem kapitalistischen Umfeld zwischen Schwellenländern und zwischen Industrieländern überhaupt der Artenschutz vorangetrieben werden und der Klimaschutz?

Spangenberg: Wenn das eine Frage für die nächsten 50 Jahre ist, dann habe ich keine Kristallkugel, aus der ich die Zukunft hervorlocken könnte, und sagen, wie es weitergeht. Kurzfristig ist es so, dass wir natürlich in der Lage sind, unsere Wirtschaften auch anders zu gestalten. Das heißt zum Beispiel, dass wir die Form der Landnutzung ändern können, dass wir die Form der Planung ändern können.

Dobovisek: Das heißt, Ökologie und Ökonomie müssen sich nicht ausschließen.

Spangenberg: Das ist eine Frage der gesellschaftlichen Organisation. Wenn ich sehe, wie die amerikanischen Diskurse sind – dort wird immer diskutiert, Markt gegen Staat, und der Staat ist böse, also muss der Markt das übernehmen, wir müssen privates Kapital auch für den Naturschutz organisieren. Wenn man das tut, glaubt man, dass man mit privatem Eigennutz in der Lage ist, öffentliche Güter zu schützen. Ich habe ganz arge Zweifel, ob das funktioniert. Der Diskurs in Europa ist zum Glück ein anderer: Hier geht es darum, dass der Staat und die Politik in die Pflicht genommen werden müssen. Und das ist dringend erforderlich, denn die gegenwärtigen Prioritätensetzungen sind eben nicht so, dass sie eine Vereinbarkeit hervorbringen würden. Man hofft im Wesentlichen im Rahmen einer grünen Ökonomie und ähnlichem auf technische Lösungen. Die sind sicherlich unverzichtbar, aber eben nicht ausreichend.

Dobovisek: Ist denn der Verlust der Artenvielfalt überhaupt noch unumkehrbar und abzustoppen, selbst wenn wir sofort nachhaltige Politik ansetzen würden?

Spangenberg: Das ist wie bei einem Auto, das auf einer hohen Geschwindigkeit ist, und wo sie plötzlich anfangen, auf die Bremse zu treten. Natürlich steht das nicht sofort. Aber es gibt die Möglichkeit, die politischen Prioritäten so zu setzen, dass nicht nur der Artenschwund, sondern auch der Verlust an biologischer Vielfalt insgesamt deutlich verlangsamt und dann zum Stillstand gebracht wird. Wie weit das Ziel der Europäischen Union, dass Verluste wieder wettgemacht werden, letztlich realistisch ist, wird sich im Einzelfall zeigen müssen, aber zumindest der Verlust kann aufgehalten werden, wenn die Prioritäten anders gesetzt werden.

Dobovisek: Schauen wir uns mal zu guter Letzt unter den vielen Arten – so sagt es zumindest der WWF – den Verlierer des Jahres an, das sind die Nashörner in diesem Jahr. Drei Unterarten des Java-Nashorns in Vietnam, das westliche Spitzmaulnashorn und das nördliche Breitmaulnashorn in Afrika sind demnach ausgestorben. Mal ketzerisch gefragt: Was haben uns diese Nashörner gebracht?

Spangenberg: Das ist ein bisschen eine ketzerische Frage, nicht wahr? Ich könnte jetzt genau so provokativ antworten und sagen: Als ich da in Urlaub war, habe ich sie gesehen und das war schön! Mir hat das was gebracht, und Sie waren zu spät da. Wenn man das weniger zynisch betrachtet, kommt man dazu, dass es eben nicht darum geht, dass ein einzelnes Nashorn oder eine einzelne Spezies da verschwunden ist, sondern erstens sind diese Nashörner die Spitze des Eisberges und damit auch ein Symptom. Sie sprachen eben die ökonomischen Interessen an, da geht es im Wesentlichen um Wilderer, die den Nashörnern die Hörner absägen und diese als Wunderheilmittel in Asien verkaufen, und das ist ein deutliches Zeichen, dass dieses Geldinteresse deutlich durchschlagskräftiger war als alle Schutzbemühungen. Auf der anderen Seite ist es so, dass Nashörner in einem Ökosystem eine bestimmte Rolle spielen, die nicht so leicht von anderen Tieren übernommen werden kann. Das heißt, wenn bestimmte Arten aussterben, kann das zu einer Destabilisierung ganzer Systeme führen. Das passiert eben heutzutage überall und weltweit, deswegen Biodiversität auch Schutz der Ökosysteme. Und die sind nun mal unsere Lebensgrundlage.

Dobovisek: Heute vor 18 Jahren trat die Biodiversitäts-Konvention der Vereinten Nationen in Kraft. Joachim Spangenberg vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung, vielen Dank für das Gespräch!

Spangenberg: Bitte, bitte!

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Zum Internationalen Jahr der Biodiversität 2010 sendeten mehrere Formate des Deutschlandradios Beiträge über das Artensterben. Alle damals gesendeten Beiträge, die auch heute noch aktuell sind, finden Sie in unserem Schwerpunkt



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