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Genug Entertainment auf der Bühne

Lars-Ole Walburg inszeniert Henrik Ibsen "Nora" am Theater Hannover

Von Michael Laages

Effektive Dramaturgie und unausweichliche Logik von Ibsens "Nora" in Hannover auf der Bühne (Stock.XCHNG / Jendo Neversil)
Effektive Dramaturgie und unausweichliche Logik von Ibsens "Nora" in Hannover auf der Bühne (Stock.XCHNG / Jendo Neversil)

Das Theaterstück "Nora" von Henrik Ibsen aus dem Jahr 1879 ist eine Geschichte einer ungewöhnlichen Frau. Auf den deutschen Bühnen ist dieses Seelen- und Entwicklungsdrama ein Klassiker. Lars Ole Walburg inszeniert "Nora" am Theater in Hannover.

Wer regelmäßig ins Theater geht, hat "Nora" schon recht häufig gehen sehen; und sicher oft gestaunt über die rasant effektive Dramaturgie und unausweichliche Logik von Ibsens Klassiker, der auf knappem Raum (vom heiligen Nachmittag des Weihnachtsfestes bis zum Morgen nach den Festtagen) mehrere Lebenslügen vernichtet. Und weil sich die Fabel quasi wie von selbst erzählt, ist so unendlich viel möglich mit "Nora" – und das nicht nur, weil der Autor selber zwei Schlüsse anbot: den ursprünglichen mit der Trennung von Gattin und Gatte sowie einen versöhnlicheren, bei dem die sich emanzipierende Frau dann der lieben Kinderlein und des Mutterglückes wegen doch zurückkehrt in den Schoß der Familie.

In Hannover bleibt "Nora" draußen vor der Tür, allerdings nicht als Lara Croft mit der Knarre in der Hand, wie einst in Thomas Ostermeiers spektakulärer Fassung für die Berliner Schaubühne, und auch nicht als leer vor sich hin taumelnde Brummkreiselpuppe, wie zuletzt –und viel gerühmt!- bei Herbert Fritsch in Oberhausen. Nur "Top of the World", Noras Lieblingsschmusesong von den "Carpenters", klingt jetzt eher nach Tom Waits.

Lars-Ole Walburg hat der Nora-Galerie kein sonderlich signifikantes Profil hinzugefügt. Schick und schön geht Mirka Pigulla im Titelpart durch Moritz Müllers szenisches Sammelsurium, in dem kaum etwas wirklich ernst gemeint ist – da steht zwar links eine Tür, die aber gern ignoriert und umgangen wird; auch durchs hohe Fenster rechts sind Auftritte möglich, obwohl normalerweise daneben hinaus und hinein gegangen wird: alles irgendwie wurscht und egal. Hebt sich der mit abstrakten Figurationen löchrig bunt bemalte Portalvorhang, wird dahinter viel winterliche Leere sichtbar, und der Briefkasten baumelt vom Himmel; und wenn Direktor Helmer durch den Schnee nach Hause stapfen muss, hat er den in der Manteltasche dabei und wirft ihn wacker gegen die Windmaschine – alles steht und steckt voller Zeichen. Und voller Ironie - das Schreckensbild des Erpressers Krogstad darf schon mal im Kamin links erscheinen, und aus dem monströsen Häschen auf dem Klavier von Burkhard Niggemeyer, der den Abend mit Liberace-Tolle und Grabesstimme begleitet, raucht’s sogar. Unter Feuer aber steht der Abend nicht wirklich.

Zu Beginn ist er vor allem recht albern; und das liegt nicht nur am Kolibri-Gekose und Häschen-Geplapper, mit dem Herr Helmer Frau Helmer auf Puppenheim-Niveau hinunter redet. Aus dem heimischen Rauchverbot wird eine große Nummer, und noch das die Strick-Phobie des Hausherrn (gebrochen von Noras dramaturgisch so wichtiger Freundin Linde) ist später einen großen Auftritt wert. Kurz vor der Pause zeigt Henning Hartmann als Bankdirektor der Gemahlin sogar, wie ein sinnlicher Halb-Striptease getanzt werden muss – Entertainment ist genug im Spiel, und das ist auch in Hannover fast die ganze Miete.

Doch fast wird dabei vergessen, dass Nora im Kern ein Drama der Entwicklung ist – denn die Frau wird ja am Schluss mit nicht viel mehr Macho-Gehabe geprügelt als zu Beginn; und wie - nebenbei bemerkt - wohl auch schon beim geliebten Vater. Nur lag halt zwischen Anfang und Ende, Weihnachtsvorbereitung und Abschied, ihr Hoffen auf "das Wunder": dass nämlich der liebende Gatte den frühen Fehler der Partnerin auf die eigene Kappe nehmen würde. Erst als das nicht geschieht, will sie fliehen – was aber da in und mit ihr geschehen sein muss, kann (oder soll) diese Nora nicht zeigen. Auch die eher ernsthafte Beziehung zum todkranken Arzt, Hausfreund und Ersatzvater Rank (den Wolf List schon zu Beginn mit Engelsflügelchen sehr albern durchs Weihnachtszimmer flattern lassen muss!) kann oder soll sich nicht entwickeln. So bleiben Noras Freundin Linde und der Erpresser Krogstad als ernsthafteste Figuren im Spiel – schon oft gelang mit diesen Figuren eine Art Gegenentwurf zum Desaster-Paar Helmer.

Aber nie und nirgends gelangt dieser Abend an einen wirklich überraschenden Punkt; das Porträt der Frau, die Ibsen womöglich als Noras Vorbild diente, ist nur eine schöne Geschichte fürs Programmheft. Und dass der junge Anwalt Helmer einst exakt die Bank der Korruption beschuldigte, deren Chef er jetzt wird: ein Episödchen, kein Gedanke. Warum also flieht Nora wirklich – wo sie sich in Hannover doch auch problemlos umentscheiden könnte?

Lars-Ole Walburgs Schauspiel-Intendanz zeichnet sich seit dem Start dadurch aus, dass das Theater Heil und Profil eher selten in Stücken sucht, dafür eher in Projekten – heute etwa setzt die Berliner Puppenbühne "Das Helmi" die Reihe "Die Welt ohne uns fort": mit einer spielerfischen Recherche im Müll. In diesem Zusammenhang ist Nora wirklich nichts Routine – sie musste halt wieder mal ran.



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