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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturPlädoyer für mehr Artenvielfalt24.08.2015

Georg Meister: "Die Zukunft des Waldes"Plädoyer für mehr Artenvielfalt

Der deutsche Wald muss artenreicher werden, sonst ist er den Herausforderungen des Klimawandels nicht gewachsen - das meint Georg Meister in seinem Buch "Die Zukunft des Waldes" und plädiert darin für die Wiederansiedlung ursprünglicher Arten wie Luchs und Wolf. Der 80-jährige Meister zeigt sich damit als kluger Visionär.

Von Britta Fecke

Naturpark Eifel (Imago / Westend61)
Georg Meister spricht sich für eine Rückkehr zum naturnahen Wald aus. (Imago / Westend61)
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Was hat der Luchs mit der Tanne zu tun? Oder anders gefragt, warum wurde die Ausrottung des Luchses in deutschen Wäldern auch der Tanne zum Verhängnis?

Eine von vielen Fragen, die Georg Meister bei seinen Streifzügen durch deutsche Wälder beantwortet. Meister zeigt, wie das eine am anderen hängt, in einem so komplexen Ökosystem wie dem Wald. Im Fall der Tanne ist - wie eigentlich fast immer - der Mensch Schuld, aber nicht weil er sie für die Herstellung günstiger Schrankwände gefällt hätte, sondern weil er den Luchs gejagt hat, den Wolf und den Bär sowieso! Sie waren die natürlichen Fressfeinde der größeren Pflanzenfresser wie zum Beispiel der Rehe. Die wiederum haben keinen Huf in die alten Buchen-Tannenwäldern gesetzt, weil diese Wälder so "durchsichtig" waren, dass der Luchs das Reh schon von Weitem sah. Viel zu gefährlich für so ein Reh und gut für alle jungen Bäume auf Reh-Höhe! Georg Meister:

"Die Tanne hat deshalb im Gegensatz zu fast allen anderen Baumarten keine Abwehrstrategien, wie zum Beispiel harte und spitze Nadeln oder Gifte, gegen den Verbiss größerer Pflanzenfresser entwickelt."

Deswegen plädiert Forstwirt Georg Meister auch für die Wiederansiedlung der ursprünglichen Arten wie Luchs und Wolf:

"Das wichtigste Mittel, damit der Wald sich wieder naturnah und in seinem ganzen Artenreichtum entwickeln kann, ist, die Wildbestände auf ein Wald-verträgliches Maß zurückzuführen."

Bis Luchse oder Wölfe diese Aufgabe wieder übernehmen könnten, würde noch einige Zeit vergehen. Abgesehen davon ist auch nicht sicher, ob vor allem der Wolf die öffentliche Akzeptanz erfahren würde, um wieder durch deutsche Wälder zu streifen. Was mit Bären passiert, die in ihre alten Lebensräume zurückkehren, dürfte seit dem sogenannten Problem-Bär Bruno offensichtlich sein. Doch damit nicht genug: Einige Waldbesitzer und viele Jäger züchten mit gezielten Maßnahmen - wie der Fütterung der Rehe im Winter - immer übermäßig viel Wild nach, um auch in der nächsten Jagdsaison Trophäen zu schießen. Georg Meister war fast zwei Jahrzehnte lang Leiter des Gebirgsforstamtes Bad Reichenhall, und er ist ein vorausschauender Umweltschützer in einer sonst überwiegend konservativen Zunft. Bis heute, längst im Ruhestand, kämpft er nicht für die nächste Trophäe, sondern für die Sache und wird sich damit nicht viele Freunde gemacht haben:

"Dass all die hoch qualifizierten Forstbeamten in leitenden Positionen den Einfluss des Wildbestandes auf die Betriebswirtschaft nie ernsthaft geprüft haben, muss mit ganz besonderen Umständen zusammenhängen, die nur in der engen Verflechtung der meisten dieser Forstbeamten mit der Trophäenjagd bestehen können. (...) Nach wie vor entscheidet im deutschen Wald viel zu oft noch immer die Art der Jagdausübung und damit die Zahl der Rehe und Hirsche, welche Baum-,Kraut- und Straucharten in den jungen Wäldern aufwachsen dürfen."

"Der normale Waldbesucher sieht nicht, was da im Wald passiert"

Das ist in vielerlei Hinsicht ein Problem, denn wie Meister anschaulich erklärt, brauchen wir einen artenreichen Wald, der aus seiner biologischen Vielfalt schöpfen muss, um den Herausforderungen des Klimawandels gewachsen zu sein. Wie wenig das die eintönigen Fichtenforste können, zeigt der Autor auch anhand vieler selbst aufgenommener Fotos, die zum Beispiel deutsche Forstflächen nach den heftigen Orkanen der letzten Jahre zeigen. Ein trauriger Anblick. Deswegen appelliert Meister für den zukunftsfähigen Waldumbau: Weg vom Stangenholz, wo Fichte an Fichte steht, alle gleich groß, eine ideale Angriffsfläche für den nächsten Sturm. Weg vom Forst hin zum naturnahen Wald. Wie sieht der aus?

"Das kann man am besten sehen, wenn man sich einen Wild abweisenden Zaun anschaut, wo innerhalb dieses Zaunes eine enorme Artenvielfalt da ist von vielleicht fünf oder zehn Baumarten und einer großen Zahl von Kraut- und Straucharten. Und außerhalb vom Zaun haben wir hartes Gras, Disteln und wir haben in erster Linie Fichten und Kiefern."

Doch um diesen naturnahen Wald zu schützen, braucht er nicht nur die Unterstützung der Waldbesitzer und Forstbeamten. Er benötigt auch die Akzeptanz der Bevölkerung, der Erholungssuchenden, der Spaziergänger. Traurig nur, dass die gar nicht mehr wissen, wie der Wald in der Tiefebene, am Berg oder in der Aue eigentlich aussehen müsste:

"Der normale Waldbesucher sieht nicht, was da im Wald passiert. Er glaubt, wenn er durch einen Kiefernwald bei Berlin oder einen Fichtenforst bei Düsseldorf läuft, dass das auch normaler naturnaher Wald ist."

In seinem Buch, das wohl auch sein persönliches Vermächtnis ist, bringt es Georg Meister auf den Punkt:

"Man fühlt sich auch im Fichtenforst in der Natur, man genießt die Stille und es riecht nach Wald. Der Fachmann hingegen weiß, dass ein solcher Forst nicht naturnah ist. Würden mehr Waldbesucher den Unterschied erkennen, wären die Proteste in der Bevölkerung gegen die vielen naturfernen Wälder, die nur ungenügend als Ort der Erholung, der Wasserspeicherung oder des Schutzes vor Hochwasser und Steinschlag dienen, sicher lauter."

Kluger Visionär

"Die Zukunft des Waldes - Warum wir ihn brauchen und wie wir ihn retten" ist das Lebenswerk eines Waldfreundes. Das machen auch die vielen Fotos deutlich, die in ihrer Ästhetik zwar ein wenig an ein Schulbuch aus den 70er-Jahren erinnern, aber dennoch sehr wertvoll sind, weil Meister mit ihnen die Entwicklung bestimmter Waldbereiche über Jahrzehnte dokumentiert hat. Dort ist auch zu sehen, was für ein Potenzial in jeder noch unbebauten Fläche mit ein wenig Humusschicht steckt:

"Also ich habe gelernt, dass die Natur eine unglaubliche Verjüngungskraft hat, wenn man ihr gestattet, dass all das, was sie aussäht, auch tatsächlich wachsen kann."

Aber leider beeindruckt diese Kraft noch viel zu wenige, wie man auch deutlich an vielen deutschen Vorgärten sieht, wo mit giftigen Pestiziden hantiert wird, um die Ordnung in der bienenfeindlichen Blumenrabatte zu erhalten. Diese Mentalität, so beklagt Meister, setzt sich im Wald fort.

"Wir gestatten es uns in Deutschland in ihrer ganzen Vielfalt, vielleicht auf fünf bis zehn Prozent der Waldfläche. Auf allen anderen Flächen müsste man im Prinzip einen Zaun bauen, um zu sehen, was darin alles wachsen KÖNNTE. Und was wir auch dringend brauchen im Zuge von Klimawandel und Energiewende."

Georg Meister weist mit dem Fundus jahrzehntelanger Erfahrungen in die richtige Richtung. Ein kluger Visionär mit über 80 Jahren! Was machen eigentlich seine jüngeren Kollegen?

Georg Meister: "Die Zukunft des Waldes. Warum wir ihn brauchen, wie wir ihn retten", 239 Seiten, Westend Verlag, 29,99 Euro.

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