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StartseiteCampus & KarriereGesamtschullehrer auf der Palme05.03.2008

Gesamtschullehrer auf der Palme

Pädagogen kritisieren größere Klassen und weniger Betreuung

In Schleswig-Holstein wehren sich die Gesamtsschullehrer gegen die neue Schulform "Gemeinschaftsschule". Was von der Landesregierung als bildungspolitische Neuerung gepriesen wird, ist nach Ansicht der Lehrer ein Rückschritt. Ihr Kritik: Künftig werden die Klassen wieder größer, die Lehrer müssen noch mehr Unterricht leisten. Darunter leiden werden die Schülerinnen und Schüler, für die unterm Strich weniger Zeit bleibt.

Von Matthias Günther

"Die Klassen werden größer, und es wird komplizierter zu unterrichten." (AP)
"Die Klassen werden größer, und es wird komplizierter zu unterrichten." (AP)

Gemeinschaftsschule heißt die neue Schulform in Schleswig-Holstein. Auch die schon bestehenden Gesamtschulen sollen sich - so heißt es offiziell - zu Gemeinschaftsschulen "weiterentwickeln". In der Praxis bedeutet das aber: länger unterrichten in größeren Klassen, sagen die Gesamtschullehrer und protestieren:

"Es wird sich dahingehend ändern, dass längere Zeit in Anspruch genommen wird für das Kind, für den Unterricht, dass die Arbeitsbelastung einfach noch höher wird, und dass man irgendwann daran zerbricht."

"Es ist jetzt schon zu viel. Wir schaffen unsere Arbeit jetzt nicht mehr. Es ist nicht mehr zu leisten. Das, was die Gesellschaft von uns erwartet, was die Eltern von uns erwarten, ist einfach nicht mehr zu leisten."

Viele Lehrer haben schon Konsequenzen aus der hohen Belastung gezogen:

"An unserer Gesamtschule sind zwei Drittel der Kollegen inzwischen auf Teilzeit, weil sie es zum großen Teil gesundheitlich nicht mehr schaffen, volle Stundenzahl zu leisten. Sie sind deswegen - genau wie ich auch - auf Teilzeit gegangen, damit wir unsere Gesundheit erhalten können und trotzdem den Leistungsanforderungen gerecht werden können, die die Kinder und dieser Beruf an uns stellen. Das ist das Problem. Und das wird zunehmen, wenn jetzt die Arbeitsverdichtung noch stärker wird."

Eine halbe Stunde Unterricht mehr in der Woche sollen die Gesamtschullehrer künftig geben. Sie wissen, dass ein Protest dagegen schwer zu vermitteln ist. Diese Lehrerin versucht es:

"Es ist nicht nur die Unterrichtsstunde. Es ist die Vorbereitung, die Nachbereitung, es kann eine Klassenarbeit daran hängen. Aufgrund einer Stunde Mehrarbeit können Sie sich plötzlich in einer weiteren Klasse befinden: das heißt dann wieder einen Elternabend zusätzlich. Also es ist das ganze Paket, was damit zusammenhängt."

Die Gesamtschullehrer fühlen sich als Vorreiter des gemeinsamen Unterrichts für Schüler mit unterschiedlichem Niveau. Aber jetzt wird die Gemeinschaftsschule in Schleswig-Holstein als bildungspolitischer Fortschritt gepriesen - dass es schon ein noch weitergehendes Modell gibt - die Gesamtschule -, wird kaum erwähnt, und das vergrößert den Frust der Lehrer noch:

"Wir als Gesamtschullehrer und -lehrerinnen werden im Grunde gar nicht weiter beachtet. Wir haben hier jahrelang doch eine Schule gemacht, die erfolgreich gewesen ist. Und wir haben Erfahrungen - anscheinend sind die gar nicht gefragt - alles, was wir wissen, wie ein integratives System funktionieren kann. Und die Bedingungen, die jetzt geschaffen werden, die sich auf jeden Fall in allem schlechter. Also es ist alles leider eine Scheinreform, die dabei rauskommt."

Die Gesamtschullehrer machen sich auch Sorgen um ihre Schüler. Die können ihrer Ansicht nach unter den Bedingungen der Gemeinschaftsschule nicht mehr so intensiv wie bisher betreut werden:

"Mein schärfster Kritikpunkt ist, dass wir mehr Stunden unterrichten sollen, dass wir größere Klassen haben, was bedeutet, dass wir für jedes einzelne Kind weniger Zeit haben. Und die große Parole ist aber Individualisierung und Förderung jedes einzelnen Kindes. Das ist ein Widerspruch für uns."

"Die Klassen werden größer, und es wird komplizierter zu unterrichten, weil wir zum Teil noch Förderschüler aufnehmen müssen, für die wir bisher Doppelbesetzungen in den Klassen hatten und die wird uns zum Teil nur noch zugebilligt, und das heißt für die Kinder natürlich möglicherweise: keine gute Förderunge mehr."

"Ich meine ganz einfach, dass ein Betrug an den Eltern vorliegt - Eltern und Kindern -, dass eine rapide Verschlechterung der Unterrichtsverhältnisse für die Schüler da ist. Mit 29 Schülern im Leistungskurs zu sitzen, das ist nicht gerade witzig. Da wird man dem Kind nicht mehr gerecht. Gute Nacht, Bildung."

Die Gesamtschullehrer fordern von der Großen Koalition in Kiel Klassen mit nicht mehr als 24 Schülern und eine einheitliche Unterrichtsverpflichtung von 24 Stunden. Bisher stehen die Gesamtschullehrer mit ihrem Protest allein. Aber es gibt auch erst sieben Gemeinschaftsschulen im Lande - und dort wird bisher erst die fünfte Jahrgangsstufe unter den neuen Bedingungen unterrichtet. Die Gesamtschullehrer sind überzeugt, dass der Protest wächst, wenn die Lehrer der Gemeinschaftsschulen merken, was auf sie zukommt.

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