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Geschichte einer Mauer

Klaus-Dietmar Henke (Hg.): Die Mauer. Errichtung, Überwindung, Erinnerung

Die Mauer verschwand im Winter 1989 - fast spurlos über Nacht. Wie facettenreich und spannend das Phänomen "Mauer" heute noch sein kann, zeigt ein reich bebilderter Sammelband aus dem dtv Verlag.

Von Sabine Pamperrien

Ein Kind spielt an den Überresten der Mauer in Berlin. (AP)
Ein Kind spielt an den Überresten der Mauer in Berlin. (AP)
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So vielschichtig wie in diesem mehr als 600 Seiten dicken Band wurde über die Mauer bisher noch nicht nachgedacht. Der Herausgeber Klaus-Dietmar Henke schreibt, die Idee, die wichtigsten Aspekte der Mauergeschichte in einem einzigen Buch zu behandeln, sei während enthusiastischer Debatten über die richtige Gestaltung der Erinnerung entstanden. Veranschaulichen wollen die Autoren die Bedingungen einer weltbewegenden Metamorphose.

Wie die Bastille hat die Mauer eine dunkle und eine helle Seite. Ausgeburt des zerrissenen 20. Jahrhunderts, ist die Mauer heute die symbolische Verdichtung von staatlicher Willkür und Entmündigung einerseits, von politischer Freiheit und Selbstbefreiung andererseits.

Entstehungsgeschichte, geheimdienstliche Erkenntnisse und bauliche wie ideologische Hintergründe werden in diesem Buch reflektiert rekonstruiert. Die knappen Darstellungen lassen durch umfassende Literaturhinweise jede gewünschte Vertiefung zu. Den besonderen Reiz des Buchs macht aber die Auseinandersetzung mit den ästhetischen Aspekten der Mauer aus. Ein großer, teilweise farbiger Bildteil ruft ins Gedächtnis, wie sehr die Mauer die Sicht der Deutschen auf die Deutschen im jeweils anderen Teil Deutschlands beeinflusst hat. Dass Kalte-Kriegs-Propaganda durchaus auf beiden Seiten betrieben wurde und nicht nur das ideologische Gerede vom Antifaschistischen Schutzwall unglaubwürdig war, sondern auch die in den frühen sechziger Jahren üblichen westlichen Vergleiche der DDR mit einem KZ, wird jüngeren Deutschen kaum mehr geläufig sein. Das der damaligen aggressiven Propaganda zu verdankende gesunde Volksempfinden ließ eine Fotostrecke, die Helmut Newton 1963 mit Entwürfen Berliner Modemacher an der Mauer für die Zeitschrift Vogue fotografierte, zum Skandal werden. Dem 1938 emigrierten Berliner Juden wurden Geschmacklosigkeit und Ungeheuerlichkeit vorgeworfen. Die Berliner Designer wurden durch öffentlichen Druck gezwungen, sich von seiner Arbeit zu distanzieren. Erst die allmählich intensiver werdende Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit untergrub, so die Autorin Elena Demke, die "sorglose bildliche und rhetorische Stilisierung der Berliner Mauer zur KZ-Mauer". Die Gedankenwelten der sechziger Jahre erscheinen hüben wie drüben erstaunlich weit weg und sind gerade deshalb so aufschlussreich.

Arbeiter lenken die Panzerketten.
Der Kommandeur ist ein Bauernsohn.
Er steht hoch im Turm, um den Frieden zu retten,
bei sich die Sträuße von Astern und Mohn.
Und die Blumen zeigen: Ihr seid nicht allein.


Bedichtete ein Mitglied der Arbeitsgemeinschaft schreibender Soldaten des Kommandos der Grenztruppen die Unterstützung des Mauerbaus durch die Werktätigen. Nachzulesen ist, mit welchen rhetorischen Mitteln die Mauer zum Gegenstand einer ideologischen Großoffensive in der DDR gemacht wurde. Zahlreiche Künstler leisteten ihren Beitrag. In ihrem berühmten Roman "Der geteilte Himmel" ließ Christa Wolf ihre Protagonistin das Klassenbewusstsein über das persönliche Glück stellen und heimattreu in die DDR zurückkehren, obwohl sie im Westen hätte bleiben können. Bei Brigitte Reimann brach eine Familie den Kontakt zu ihrem republikflüchtigen Mitglied ab. DDR-loyale literarische Texte großer Autoren über die Mauer blieben jedoch die Ausnahme.

Vor allem sind es jene Autoren, die mit der Politik der DDR in Konflikt gerieten und deren kritische Texte nicht erscheinen durften sowie jene, die in den Westen ausreisten, die Romane, Erzählungen und Gedichte über die Mauer verfasst haben.

Wie die Mauer aussah, wie sie beschaffen war, durfte in der DDR weder abgebildet noch beschrieben werden. Viele der ausgereisten Autoren trafen durchaus nicht auf offene Ohren bei ihren westlichen Kollegen. Der westdeutsche Autor Peter Schneider wurde 1982 für sein Buch "Der Mauerspringer" heftig angegriffen, weil er ein "rechtes Thema" aufgegriffen habe. Schneider beobachtete in seinem Roman:

Nachdem der erste Schrecken vorbei war, verdünnte sich das massive Ding im Bewusstsein der Westdeutschen immer mehr zur Metapher. Was jenseits das Ende der Bewegungsfreiheit bedeutete, wurde diesseits zum Sinnbild für ein verabscheutes Gesellschaftssystem. Die Mauer wurde den Deutschen im Westen zum Spiegel, der ihnen Tag für Tag sagt, wer der Schönste im Lande ist. Ob es ein Leben gab jenseits des Todesstreifens, interessierte bald nur noch Tauben und Katzen.

Eine der wichtigsten Fragen, die der Band aufwirft, ist die Frage nach dem Bild, das man sich von der Mauer 20 Jahre nach ihrem Fall machen soll – und kann. Viel übrig ist nicht von ihr, was die Autoren aus Sicht des Denkmalschutzes durchaus beklagen. Aber sie wurde von zahlreichen Malern und Grafikern im Bild festgehalten. Kapitel über Filme und Mauerkunst führen den visuellen Aspekt weiter aus. Sie sah nicht immer so aus wie 1989. Insgesamt gab es vier Mauer-Generationen. Die Grenzanlagen sollten im DDR-Sprachgebrauch nicht nur unüberwindbar sein, sondern "kulturvoll" und später "formschön" aussehen. Das glückliche Ende der Teilung mit seinem sofort einsetzenden kreativen Ikonoklasmus ermöglichte überhaupt erst die bedingungslose Umarmung des ästhetischen Plakativen und damit eine kreative Marketing- und Gedenkdimension.

Die ästhetische Indienstnahme der Mauer ist nicht zu leugnen. Kunst, Erinnerungsarbeit, History-Marketing und Produktvermarktung erscheinen oft im gleichen ästhetischen Gewand.

Das Buch ist weit mehr als ein historisches Lesebuch. Es erfasst neben dem aktuellen Wissensstand über die historischen Bedingungen die unterschiedlichen Lebensgefühle. Wenn überhaupt, gibt es nur einen Mangel. Das – wie der Herausgeber schreibt - immaterielle Nachleben als globales Freiheitssymbol wird enthusiastisch gefeiert, die weiter bestehende Mauer in den Köpfen jedoch nicht analysiert. Vielleicht war es sogar Kalkül, diesen letzten großen Befreiungsakt ganz dem Rezipienten zu überlassen. Klug genug ist das Konzept des Buchs.

Klaus-Dietmar Henke (Hg.): Die Mauer. Errichtung, Überwindung, Erinnerung
dtv premium, 608 Seiten mit zahlreichen farbigen Abbildungen, 24,90 Euro
ISBN: 978-3-423-24877-8

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