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Seit 07:15 Uhr Interview
StartseiteSport am WochenendeGetrennte Welten08.09.2012

Getrennte Welten

Behinderte Menschen in Entwicklungsländern sind bei den Paralympics stark unterrepräsentiert – Förderprogramme sollen das ändern

Der Star der Paralympics in London heißt Oscar Pistorius. Er trainiert hart, doch er hat auch gutes Material: Das Prothesenpaar, auf dem der Südafrikaner seinen Gegnern davon läuft, kostet 20000 Euro. Lässt sich Erfolg im Behindertensport also kaufen? Vierzig Prozent der 4200 Teilnehmer stammen aus neun wohlhabenden Ländern, insgesamt sind aber mehr als 160 Nationen vertreten.

Von Ronny Blaschke

Der südafrikanische Läufer Oscar Pistorius ist der Star der Paralympics (picture alliance / dpa / Filip Singer)
Der südafrikanische Läufer Oscar Pistorius ist der Star der Paralympics (picture alliance / dpa / Filip Singer)

Der Lauf ihres Lebens dauert wenige Sekunden. Thin Seng Hong scheitert über 200 Meter abgeschlagen im Vorlauf. Nun steht die zierliche Frau erschöpft in der Interviewzone des Olympiastadions, faltet ihre Hände hinterm Rücken, blickt verlegen nach links und rechts. Thin Seng Hong hat ihren rechten Unterschenkel durch einen Unfall verloren. Sie stammt aus Kambodscha, wo der Anteil der amputierten Menschen weltweit am höchsten ist, vor allem wegen der vielen Landminen. Das paralympische Team Kambodschas könnte riesig sein. Ist es aber nicht: Thin Seng Hong ist die einzige Starterin.

Die Sprinterin Thin Seng Hong aus Kambodscha (Ronny Blaschke)Die Sprinterin Thin Seng Hong aus Kambodscha (Ronny Blaschke)"Ich war nicht sehr erfolgreich, aber ich bin trotzdem glücklich. Ich war noch nie in Europa, diese Erfahrung wird mir für die Zukunft helfen."

Die Paralympics verzerren die Wirklichkeit: von einer Milliarde Menschen mit Behinderung leben laut der Weltgesundheitsorganisation achtzig Prozent in Entwicklungsländern. So wie Thin Seng Hong. 2005 hatte sie mit Leistungssport begonnen, schon bald musste sie wieder aufhören, weil sie keine Sponsoren fand. Freunde von ihr sammelten Spenden und kauften ihr eine Prothese für umgerechnet 2000 Euro. Peanuts für den südafrikanischen Profiläufer Oscar Pistorius. Drei Jahresgehälter für Thin Seng Hong. Jahre lang hatte sie Souvenirs verkauft, irgendwann möchte sie einen eigenen Stand eröffnen.

"Ohne die Hilfe meiner Freunde wäre ich nie nach London gekommen. Mit einer besseren Prothese wäre ich auch schneller gelaufen. Dieses Bein ist nicht das Beste."

Die Paralympics sind eine Zweiklassengesellschaft, aber die Unterschiede werden kleiner. 1988 waren 61 Länder bei den Spielen in Seoul vertreten, nun in London sind es fast dreimal so viele. 16 Nationen feierten ihre Premiere, die Sportler aus Malawi und Botsuana mussten ihre Reise kurzfristig absagen, sie hatten laut der Zeitung Guardian nicht genug Sponsoren gefunden. Philip Craven, Präsident des Internationalen Paralympischen Komitees IPC.

"Es ist eines unserer wichtigsten Ziele, mehr behinderte Menschen für Sport zu begeistern. Das kann die Aufmerksamkeit für ihre Probleme in Entwicklungsländern erhöhen. Wenn diese Sportler sich dann für die Paralympics qualifizieren würden, wäre das schön. Aber es ist nicht das wichtigste."

Wie das Internationale Olympische Komitee IOC verteilt auch das IPC Wildcards an Athleten aus Schwellenländern, die sich nicht für die Paralympics qualifizieren konnten. Eine der 61 Sondergenehmigungen für fünfzig Länder ging an Thin Seng Hong. Ihre Geschichte soll in Kambodscha Versehrte des Bürgerkrieges für Sport motivieren. Das IPC hat tausende Anfragen für Wildcards erhalten, aber es ist finanziell bei weitem nicht so gut aufgestellt wie das IOC. Die Paralympics sollen auch das politische Unterstützernetzwerk erweitern, zumal die Vereinten Nationen seit 2006 nicht mehr Integration sondern Inklusion von behinderten Menschen verlangen: gleichberechtigte Teilhabe. Willi Lemke, UN-Sonderberater für Sport, erinnert an Peking vor den Paralympics 2008.

"Millionen von Menschen, die eingesperrt waren von ihren Familien, und nicht raus durften aus ihren Häusern, weil sich die Eltern geschämt haben, weil der Druck der Gesellschaft so stark war, dass man ein behindertes Kind nicht auf der Straße zeigen durfte. Und mit dem Tag der Entscheidung, die Olympischen und Paralympischen Spiele nach Peking zu bringen, hat sich das schlagartig geändert. Ich will nur damit als Beispiel belegen, dass noch ein langer, langer Weg zu gehen ist, bis wir wirklich zu einer Inklusion in unserer Weltgesellschaft kommen."

Die Wohltätigkeitsorganisation "Motivation" hat im Auftrag des IPC Material und Vertrieb für günstige Rollstühle entwickelt: sie kosten statt 5000 nur 550 Euro. Derzeit sind 4000 dieser Geräte in fünfzig Ländern unterwegs. Ein Anfang, aber noch nicht genug. Von den 13 Sportlern aus Kenia ist zum Beispiel einer mit einem Rollstuhl in London, die anderen sind blind oder sehgeschädigt. Das IPC organisiert Bildungsprojekte und Workshops: Behörden, Lehrer und Trainer sollen den Wert des Behindertensports schätzen lernen und gegen Diskriminierung mobil machen.

"Ich bin begeistert. Ich habe in London viel gelernt und werde es zu Hause weitertragen."

Fünfzehn Prozent der Weltbevölkerung haben eine Behinderung, wegen der Kriege und Konflikte dürfte diese Zahl weiter steigen. Auch in Kambodscha gibt es kaum barrierefreie Spielplätze und Sportstätten. Thin Seng Hong würde bei den nächsten Paralympics in Rio de Janeiro gern wieder im selben Stadion laufen wie der millionenschwere Oscar Pistorius. Auch wenn zwischen ihnen Welten liegen.

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