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StartseiteInterview"Gezieltes Brandstiften"15.07.2006

"Gezieltes Brandstiften"

Friedensaktivist Moskovitz lehnt israelische Militäroffensive ab

Der israelische Friedensaktivist Reuven Moskovitz hat die israelische Militäroffensive im Libanon kritisiert. Er bezeichnete sie als "gezieltes Brandstiften" und beschuldigte Israel, eine Politik zu gestalten, die nur in den Abgrund führen könne.

Moderation: Friedbert Meurer

Israelische Artillerie steht an der Grenze zum Libanon. (AP)
Israelische Artillerie steht an der Grenze zum Libanon. (AP)

Friedbert Meurer: Israel spricht von Verteidigung. Die libanesische Regierung sieht sich dagegen als Opfer einer Aggression. Für die Menschen jedenfalls ist es eine Katastrophe. In Nordisrael suchen sie wieder die Schutzbunker auf aus Angst vor den Raketen der Hisbollah aus dem Südlibanon. Im Libanon selbst gibt es aber die meisten Opfer, auch in der Zivilbevölkerung. In einem Krankenhaus heute Nacht ist in Libanon Panik ausgebrochen, weil eine israelische Rakete nur knapp daneben einschlug.

[Bericht] In Nahost wächst damit die Angst vor einem neuen Krieg. Wie kann er noch gestoppt und verhindert werden? Am Telefon begrüße ich Reuven Moskovitz, er ist Mitglied der israelischen Friedensbewegung, hat 2003 den Aachener Friedenspreis erhalten und hält sich im Moment in Deutschland auf. Guten Morgen, Herr Moskovitz.

Reuven Moskovitz: Guten Morgen.

Meurer: Die große Mehrheit Ihrer Landsleute in Israel billigt ja die Offensive, sowohl im Gaza-Streifen als auch im Libanon. Sie billigen das nicht. Warum nicht?

Moskovitz: Die große Mehrheit der Deutschen haben gebilligt, was Hitler gemacht hat. Und immer irgendwie, bevor man den Preis zahlt für die Maßlosigkeit, ist man vom Krieg begeistert, von Macht begeistert, von Siegen begeistert und dann zahlen die Unschuldigen den Preis für diesen Wahnsinn.

Meurer: Die israelische Regierung sagt: Wir verteidigen nur das Land; wir haben uns aus Gaza zurückgezogen, wir haben uns aus dem Südlibanon zurückgezogen und zum Dank bekommen wir die Raketen der Hisbollah. Was sagen Sie zu dieser Argumentation?

Moskovitz: Na ja, ich habe erwähnt, dass ich glaube, dass der Nationalsozialismus und der Holocaust, das war ein kolossales Verbrechen. Und was, ich muss ehrlich sagen, was anbelangt israelische Politik, ist eine kolossale Lüge. Man denkt, dass alle - man redet von Israel, aber es gibt ein regierendes Israel, was derart beängstigt das Volk, was instrumentalisiert diese furchtbare Vergangenheit und die Verletzbarkeit von uns und man wird immer beängstigt. Aber im Grunde genommen heute, was wir machen, ist nicht zu verteidigen. Ist schon seit längst vergessen Verteidigungskrieg und so weiter. Wir führen eine aggressive Politik, die uns nur in Abgrund führen kann.

Meurer: Sie haben selbst den Holocaust überlebt, sind, glaube ich, Jahrgang 1928, 1947 dann nach Israel gegangen. Warum wählen Sie diesen harten Vergleich mit dem Nationalsozialismus?

Moskovitz: Weil die Denkstrukturen sind dieselben. Das hat nichts zu tun unbedingt mit nationalsozialistisch. Aber zum Beispiel wir sind einmal ein Sozialist, wir haben angefangen als Sozialisten. Und mehr und mehr sind unsere Sozialisten national geworden. Und heute hat der Nationalismus bei uns den Vorrang. Und wenn man will Probleme lösen nur durch Gewalt, das ist typisch für Faschismus. Ich weiß, man hört das nicht gerne in Deutschland, man hört das nicht gerne in Israel, man spielt den Verletzten. Aber grundsätzlich ist das, was jetzt läuft. Die Politik in Israel kennt nicht eine andere Sprache. Die regierende Politik kennt keine andere Sprache als Gewalt, nur Gewalt. Und wer versucht, mit Gewalt Probleme zu lösen, der erzeugt noch mehr Gewalt.

Meurer: Nur, gilt das nicht auch für die andere Seite, immer nur Gewalt zu suchen?

Moskovitz: Ja, selbstverständlich. Also ich will mich nicht... also ich glaube, die andere Seite hofft, uns zu machen, was wir heute machen. Aber es bedeutet noch nicht, dass die, dass es auch richtig. Ich glaube, die haben sich, auch auf sich ein Unglück gebracht, wenn sie haben gedacht, das ist so einfach, Israel in das Meer zu treiben oder zu liquidieren. Aber das ändert nicht die Tatsache, dass schon seit mehr als 50 Jahren - ich habe hier Briefe von Hannah Arendt 1955 und schon damals spricht sie, die Hannah Arendt, von der Germanisierung der israelischen Politik. Schon damals spricht sie davon, dass Menschen haben Angst vor dem Krieg, aber die meisten sind Kriegshetzer. 1955, Hannah Arendt. Und das ist eine Tatsache. Es tut mir Leid. Ich weiß, ich bin, ich glaube, der gemäßigte Mensch, ich bin nicht radikal, ich bin friedfertig, ich versuche, nur durch Frieden Probleme zu lösen. Aber man denkt, dass ich sei radikal, weil ich wage, die Wahrheit zu sagen. Und schon vor 32 Jahren bin ich nach Deutschland gekommen, um zu zeigen, dass es gibt Gemeinsamkeiten zwischen der deutschen und der jüdischen Geschichte. Mein Buch, was ich geschrieben habe, heißt "Deutsche und Juden zwischen Macht des Geistes und Ohnmacht der Gewalt". Und in Deutschland hat man auch einmal gesetzt auf die Macht des Geistes und das war Goethe und das war Mozart und das war Lessing und die alle großen Kapazitäten. Und dann hat man versucht, gerade nur mit der Macht und hat man Deutschland zugrunde gemacht. Danach ...

Meurer: Die Bundeskanzlerin - ja, Entschuldigung, Herr Moskovitz -, die Bundeskanzlerin hat ja gerade sich erst hinter Israel gestellt, als nämlich George Bush, der US-Präsident, jetzt in Stralsund zu Besuch war, hat gesagt: Israel verteidigt sich, der Angriff ist von der Hisbollah, ist von anderen ausgegangen. Was erwarten Sie von den Deutschen?

Moskovitz: Ja was soll ich machen? (…) Es gibt den Begriff vom "Bruch der Zivilisation". Und ich will sagen: Eine Welt, die duldet, was bei uns passiert und man stellt dar zum Beispiel diese absolute maßlose Reaktion auf eine Tat, was eigentlich wiederholt doch, was wir doch gemacht haben - wir haben von den in Deutschland entführten Scheichs und alle möglichen Menschen, die 16 im Gefängnis gesessen sind, und das, das durften wir, weil wir sind immer die Opfer. Und wenn dieses, ich bin gegen Entführungen, gegen Krieg und gegen Gewalt. Aber irgendwie in diesen Zuständen kann es nicht sein, dass wir auf so ein, was im Grunde genommen diese Leute, eine Lappalie entfacht man so einen schrecklichen Krieg. Das ist doch immer mit vorzuspielen. Und die Frau Merkel, ich habe für sie große Achtung gehabt, ich habe für sie ein paar Tränen verloren, weil sie hat unter den Mauern gelebt und wenn sie befreit worden ist, habe ich mich gefreut. Aber heute umarmt sie sich mit dem Brandstifter von Irak, den Mann, der Irak in Brand gesetzt hatte, und heute, und vor ein paar Monaten sie ist umarmt worden von Ehud Olmert, der jetzt diesen Brand gestiftet hat. Ich muss sagen, das ist ein gezieltes Brandstiften, das ist keine gemäßigte Reaktion auf die Entführung von einem Soldaten oder von anderen zwei Soldaten.

Meurer: In Israel wird natürlich argumentiert, und nicht nur dort, Herr Moskovitz: Jetzt wählen die Palästinenser auch noch ausgerechnet Hamas an die Regierung, nachdem wir - noch mal die Wiederholung - aus Gaza und Südlibanon abgezogen sind. Sind Sie auch von der palästinensischen Seite enttäuscht?

Moskovitz: Ich habe die Frage nicht verstanden.

Meurer: Ob Sie auch von der palästinensischen Seite enttäuscht sind, weil die Palästinenser die Hamas gewählt hatten?

Moskovitz: Ja, das ist eine lange Geschichte, was wir nicht in ein paar Minuten... Also die meisten Palästinenser haben nicht für Hamas gewählt. Und auch die Hamas sind unsere Feinde. Und Frieden macht man nur mit Feinden. Wer Frieden will, muss bereit sein, mit Feinden zu reden. Und wenn man sagt: "Ich rede mit den Feinden nicht", bedeutet das: "Wir wollen den Frieden nicht."

Meurer: Sie selbst...

Moskovitz: Das, das ist die traurige Tatsache. Wir müssen bereit sein, mit jedem zu reden, der bereit ist, zu reden auf eine Koexistenz zwischen einem jüdischen Staat und einem palästinensischen Staat.

Meurer: Sie versuchen ja schon seit langem, diese Koexistenz zu fördern, die Versöhnung zu fördern, haben ein Friedensdorf gegründet, Neve Shalom, ich glaube, in den 50er Jahren, zwischen Tel Aviv und Jerusalem...

Moskovitz: Nein, in den 70er Jahren.

Meurer: ... in den 70er Jahren. Da leben Israelis und Palästinenser zusammen. Wie funktioniert im Moment dort das Zusammenleben?

Moskovitz: Es funktioniert. Also die Tatsache, dass auch in solchen gespannten Situationen schmeißt man keine Steine aufeinander. Und es wird zusammengearbeitet. Und jüdische Wähler wählen den Bürgermeister, einen arabischen Bürgermeister für Neve Shalom und so weiter. Und es gibt sogar so ein Prinzip wie diskriminierende Begünstigungen, ich meine begünstigende Diskriminierung und so weiter. Es ist ein hoffnungsvolles Modell. Aber selbstverständlich, solche Modelle in Kriegssituationen sind wieder nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Das kann nicht - die Lage muss politisch gelöst werden. Und ich muss sagen, ich beschuldige, dass die angeblich zivilisierte und demokratische Welt, dass die schweigen und die lassen zu, dass wir dort passiert, was ist passiert. Da führt man nicht den Krieg gegen Terror. Ein Krieg gegen ein ganzes Volk. Und damit gefährdet man auch, dass das verletzteste Volk der menschlichen Geschichte, das jüdische Volk. Ich muss sagen, es hätte schon längst, längst in Deutschland der Aufschrei kommen müssen. Aber eigentlich Deutschland versteckt sich hinter diesen Schuldgefühlen, und das ist eine, glaube ich, eine verhängnisvolle Sache, auch für uns. Manchmal muss man verstehen, dass ein zu eifriger Freund kann gefährlicher sein als ein Feind. Vor Feinden kann man sich schützen, mit solchen Freunden weiß ich nicht, was anzufangen.

Meurer: Das Mitglied der israelischen Friedensbewegung Reuven Moskovitz bei uns im Deutschlandfunk. Danke, Herr Moskovitz, und auf Wiederhören.

Moskovitz: Auf Wiederhören.

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