• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
StartseiteKultur heuteGhazni, die islamische Kulturhauptstadt20.01.2013

Ghazni, die islamische Kulturhauptstadt

Vom mittelalterlichen Zentrum zur Kleinstadt in der Unsicherheitszone

Die afghanische Stadt Ghazni ist in diesem Jahr eine von drei Kulturhauptstädten der islamischen Welt. Die feierliche Würdigung eines solchen Jubiläums ist jedoch erwartungsgemäß schwierig in einer Provinz, in der weiterhin gekämpft wird. Zugleich ist Ghazni ein faszinierendes Beispiel für den kulturellen Reichtum des Islam.

Von Martin Gerner

Das Mausoleum für den afghanischen Dichter Hakim Sanaye in Ghazni (picture alliance / dpa - Naweed Haqjoo)
Das Mausoleum für den afghanischen Dichter Hakim Sanaye in Ghazni (picture alliance / dpa - Naweed Haqjoo)

Verse aus dem Shahname, dem Buch der Könige. Das Nationalepos, das der Dichter Firdausi vor gut 1000 Jahren verfasste, bewahrte die persische Sprache, nach der arabischen Islamisierung. Firdausi schrieb das Buch am Hof von Ghazni, im heutigen Afghanistan.

Ghazni und die Ghaznaviden-Dynastie – das sind 200 Jahre, zwischen 960 und 1160, mit Mahmud von Ghazni als Herrscher. Sein Imperium reichte vom heutigen Iran über Pakistan bis nach Indien. Kein Geringerer als Goethe preist Mahmud für seine Islamisierung Indiens. Er habe der Vielgötterei ein Ende gesetzt.

Karsten Ley von der Universität Aachen:

"Das war keine Zeit, die ohne Kriege abging. Aber Mahmud von Ghazni hat es geschafft, die Stadt Ghazni in seiner Zeit zu einer blühenden Hauptstadt zu machen, indem er Künstler, Schriftsteller und Gelehrte aus allen möglichen Regionen Zentralasiens an den Hof holte. Und das war etwas, was wir im besten europäischen Sinn als Integration verschiedener Kulturen sehen können."

Ley und ein Team für Stadtbaugeschichte der Universität Aachen helfen seit 2010 dabei, die alte Stadtmauer von Ghazni zu sichern und zu restaurieren. Zunächst mit dem Eindruck...

"...dass wir ein bisschen erschrocken waren über den schlechten Zustand der Stadtmauer."

Zusammen mit der Zitadelle und zwei erhaltenen zwölfeckigen Minaretten ist die Stadtmauer ein Wahrzeichen von Ghazni. Mit rund 1,7 Millionen Euro beteiligt sich das Auswärtige Amt an seiner Sicherung.

"Sinn des Projektes ist nicht, dass wir Deutschen dort hinkommen um zu zeigen, wie man eine Stadtmauer dort saniert, sondern dass wir organisieren, managen und dabei helfen, dass die Menschen in Ghazni selber ihre Stadtmauer wieder in Ordnung bringen."

Hilfe zur Selbsthilfe – das hören die Beteiligten gerne. Noch wichtiger aber ist Sicherheit. Zwei Stunden Fahrt sind es von Kabul nach Ghazni auf dem Landweg. Für Arif, einen afghanischen Journalisten-Kollegen, derzeit nicht möglich:

"Zurzeit ist es undenkbar für mich, nach Ghazni zu fahren. Die Taliban drohen jenen, die mit ausländischen Medien arbeiten oder Ausländer sind, mit Entführung oder Ermordung."

Kann Ghazni unter diesen Umständen überhaupt islamische Kulturhauptstadt sein?

Buddhistische Kloster-Ruinen vor den Toren der Stadt wurden noch 2005, also nach den Taliban, geplündert. Weil hinfahren nicht geht, hilft der Skype-Kontakt zu Wahidullah Omaryar, der - noch keine 30 - in Ghazni Geschäftsführer eines Privat-Radios ist.

"Als Ghazni zur Kulturhauptstadt ausgerufen wurde, haben sich alle hier sehr gefreut, ich auch. So lebt die Geschichte der Stadt auf, und die Welt vergisst uns nicht."

Zur Freude kommt Ernüchterung. Von angekündigten 60 Projekten sei nur ein Bruchteil im Zeitplan. Afghanische Medien warnten dieser Tage, der Titel 'islamische Kulturhauptstadt' könne Ghazni wieder abhanden kommen, noch bevor die Feiern richtig losgingen.

"Für das Jubiläum wurden 15 Millionen US-Dollar an die afghanischen Behörden überwiesen, so Waidullah. Ich kenne aber kein Projekt, das mit dem Geld zustande gekommen ist. Vor allem der Flughafen fehlt noch. Ohne ihn können keine Besucher hierher kommen."

Versprochen wurden den 140.000 Einwohnern Ghaznis zudem die bessere Elektrifizierung ihrer Stadt, ein islamisches Kulturzentrum sowie 150 Kilometer neu asphaltierter Straßen. Davon sollen angeblich 50 Kilometer fertig sein. Zumindest Wahidullah hat einen Nutzen.

"Mein Radio ist eine Zusammenarbeit mit einem iranischen Medienpartner eingegangen. Das bringt uns etwas Geld. Ziel ist es, einen Teil unserer Sendungen im Festjahr live im Internet auszustrahlen."

Weil Einheimische wie ausländische Besucher weder einfach über Land noch Luft nach Ghazni können, soll die Stadt nun zu den Menschen, schlagen Kuratoren vor. Foto-Ausstellungen und Werbe-Videos können Ghazni so zumindest im regionalen Kontext wieder bekannt machen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk