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StartseiteUmwelt und VerbraucherGingko statt Linde30.04.2013

Gingko statt Linde

Auf der Suche nach Alternativen für bedrohte Stadtbäume

Linde, Kastanie, Ahorn prägen unser Stadtbild. Doch der Klimawandel macht den traditionellen Baumarten schwer zu schaffen. Bayerische Forscher testen deshalb, ob exotische Bäume mit den klimatischen Veränderungen besser zurechtkommen.

Von Christoph Kersting

Die traditionellen Stadtbäume leiden vor allem unter dem Niederschlagsmangel. (AP)
Die traditionellen Stadtbäume leiden vor allem unter dem Niederschlagsmangel. (AP)

"Jetzt schaun wir mal, ob wir Frostrisse sehen – nein, sieht eigentlich sehr gut aus. Und die sind verdammt gewachsen in den letzten Jahren.
Ja, sicher 30er, 35er-Stammumfänge."

Susanne Böll und Philipp Schönfeld gehen von Baum zu Baum in einem Gewerbegebiet von Würzburg, inspizieren Stammumfang, Wachstum und möglichen Schädlingsbefall. Für den Laien ist es kaum erkennbar, doch die Bäume entlang der Straße sind echte Exoten: Eisenholzbäume aus dem Kaukasus, der aus Asien stammende Perlschnurbaum oder der südeuropäische Zürgelbaum sind darunter. Die Straße ist einer von mehreren bayerischen Teststandorten des Forschungsprojekts "Stadtgrün 2021", dessen Fäden bei der Bayerischen Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau zusammenlaufen. In der LWG unweit von Würzburg werden die beiden Pflanzenökologen später die Ergebnisse ihres Kontrollgangs in die Projekt-Datenbank eingeben – Philipp Schönfeld:

"Das hat einen ganz einfachen Grund: Das Klima in den Städten wird halt extremer, und da gibt es kaum noch heimische Arten, die das mitmachen, deswegen müssen wir uns in anderen Erdteilen, also Asien, Südosteuropa oder USA umschauen, wo jetzt schon vergleichbare Klimabedingungen herrschen wie bei uns in zehn, 20, 50 Jahren … "

... oder teils heute schon, denn gerade in trockenen Regionen mit fast schon mediterranem Klima, Beispiel Würzburg, ist der Klimawandel in den Städten längst angekommen. Diese Beobachtung macht auch Manfred Fischer vom Gartenamt Würzburg, einem der Projektpartner von "Stadtgrün 2021":

"Selbst unter den langjährigen Bäumen, die hier Verbreitung gefunden haben, sind jetzt einige Bäume dabei, die in den letzten Jahren, wir stellen es ganz explizit seit 2002 fest, dass Ahorn, Linden ausfallen, die im Jahr vorher eigentlich noch ganz normal da gestanden waren, grün, und keinerlei Anzeichen gemacht haben, und im Frühjahr verkümmert ausgewachsen sind, im Laufe des Jahres eingegangen sind bzw. dann im Frühjahr gar nicht mehr ausgetrieben haben."

Das sich ändernde Klima macht Linde, Platane und Kastanie schwer zu schaffen, nicht nur im trockenen Unterfranken, sondern deutschlandweit. Darum untersuchen die Forscher der LWG seit 2009, welche alternativen Baumarten mit dem Klimawandel am besten zurechtkommen. Weitere Teststandorte sind Hof und Münchberg in Oberfranken mit einem eher kontinentalen Klima sowie Kempten im Allgäu als Region mit viel Niederschlag. Insgesamt 20 Baumarten werden getestet, erste Projektergebnisse zeichnen sich jetzt ab:

"Zum Beispiel haben wir eine Baumart dabei, den Zürgelbaum, den wir als wichtigen Baum sehen als Ersatz für die Platane eventuell, weil es ein großer Baum ist, der auch in Alleen hauptsächlich in Südeuropa angepflanzt wird. Wenn Sie in Avignon waren, kennen Sie ihn, weil da steht er überall. Da wissen wir mittlerweile, dass er mit kontinentalen Einflüssen, wie wir es in Hof haben, nicht zurechtkommt. Das kann man sicherlich übertragen auf Dresden und andere Standorte, die unter kontinentalem Einfluss stehen."

Überhaupt sollen die Ergebnisse an den bayerischen Teststandorten übertragbar sein auf ganz Deutschland. Unsere Innenstädte werden durch neue Baumarten in 20 Jahren anders aussehen als heute, da ist sich die Pflanzenökologin Susanne Böll sicher. Gleichzeitig würden aber traditionelle Baumarten wie Linde, Ahorn und Kastanie auch weiterhin Stadtbilder prägen, zumindest dort, wo das Klima es zulasse.

"Ob der Bürger das Gefühl hat, dass er plötzlich in einer ihm fremden Welt lebt – nein, überhaupt nicht! Zum Beispiel testen wir die Silberlinde, die sieht für jeden Laien aus wie jede andere Linde auch, ist aber wesentlich robuster, gerade was Trockenstress betrifft. Was wir wollen: Wir wollen einfach die Bandbreite an Bäumen, die gepflanzt werden können, erweitern. Wir wollen den Baumschulen zeigen: Das sind Bäume, die lohnen sich, weil die einfach mit den härteren Bedingungen zurechtkommen, und somit der Praxis neue Bäume an die Hand geben."

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