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StartseiteDeutschland heuteDie nüchternen Hessen süß gespritzt11.01.2016

Glosse/SatireDie nüchternen Hessen süß gespritzt

In Hessen gibt es weniger Alkoholkranke als in anderen Bundesländern. Das stellt jetzt die Kaufmännische Krankenkasse in Hessen fest. Vielleicht liegt es ja am Ebbelwei, mutmaßt Hessen-Korrespondent Ludger Fittkau in seiner Glosse im Deutschlandfunk.

Von Ludger Fittkau

Heißt in Frankfurt Äbbelwoi, im Moselfränkischen dagegen Viez: der Apfelwein. (dpa / picture alliance / Arne Dedert)
Der Apfelwein: Vielleicht ist er der Grund für die nüchternen Hessen? (dpa / picture alliance / Arne Dedert)

"Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast". Dieser Satz kam mir als erstes in den Sinn, als ich las, die Hessen liegen beim Saufen deutlich unter dem Bundesdurchschnitt und vor allem weit hinter Mecklenburg-Vorpommern.

Glauben konnte ich das Ergebnis der Erhebung der Kaufmännischen Krankenkasse in Hessen nämlich erst einmal nicht. Die Hessen sollen also weniger Trinken als Bewohner anderer Bundesländer. Der Augenschein spricht dagegen! Denn wenn man in Frankfurt am Main, in Fulda oder in Wiesbaden auf die Straße geht, fällt man quasi direkt in die nächste Kneipe. Auch in Kassel oder Marburg ist die Dichte gepflegter Bierschänken enorm und mit dem Rheingau oder der Südhessischen Bergstraße weist Hessen doch auch feine Weinbaugebiete auf.

Wenn die Statistik, die die Krankenkasse erhoben hat, aber doch stimmen sollte? Womit könnte man es erklären, dass man in Hessen nüchterner als anderswo sein soll?

Was sind die Gründe für den geringeren Alkoholgenuss?

Gut, in Offenbach könnte es daran liegen, dass hier mehr Menschen mit muslimischem Religionshintergrund leben als anderswo in der Republik. Der Koran verbietet bekanntlich den Alkoholgenuss. In der Nachbarschaft Frankfurt am Main ist wiederum die Dichte der Banker höher als irgendwo sonst im Land. Gestresste Finanzjongleure greifen Gerüchte weise gerne zu feineren und teureren Drogen als zum schlichten Bierhumpen oder dem Schoppen regionalem Wein. Banker fallen deshalb womöglich aus der Statistik der Alkoholkranken einfach heraus.

Doch wenn man aus dem Bankenviertel der Mainmetropole über den Fluss schlendert und am südlichen Ufer das Vergnügungsviertel Sachsenhausen durchstreift, dann sind die Zweifel an der Krankenkassenstatistik gleich wieder da. Sachsenhausen steht der Düsseldorfer Altstadt, dem Bochumer Bermudadreieck oder den Münchener Traditionsschänken rund um das Hofbräuhaus um nichts nach. Eine Ebbelwei-Kneipe an der anderen!

Halt – Ebbelwei. Zu hochdeutsch: Apfelwein! Hier könnte der Hase im Pfeffer liegen. Bekanntlich ist vor allem in Südhessen der Ebbelwei-Konsum höher als sonstwo in der Republik. Das Stöffche, wie man in Frankfurt oder Darmstadt das gerne aus Streuobst hergestellte alkoholische Getränk zärtlich nennt, wird genussvoll in enorm bauchigen Gefäßen konsumiert, den sogenannten Bembeln.

Der Ebbelwei als mögliche Lösung

Vor allen im Sommer ist Ebbelwei der große Durstlöscher in den Freiluftgastronomien, die in Hessen eigentlich nicht Biergärten wie in Bayern heißen dürften, sondern eben Ebbelwei-Schänken.

Auch unmäßiger Apfelweinkonsum kann zu Alkoholkrankheit führen: Das muss hier ausdrücklich betont werden. Doch der Alkoholgehalt des Ebbelwei ist schon pur in der Regel deutlich niedriger als etwa bei Rotwein und erst recht bei Schnaps. Dazu kommt, dass die Hessen ihren Apfelwein gerade in den heißen Monaten auch gerne mit Wasser oder Limo verdünnen – sauer oder süß spritzen, nennen sie dies. Das senkt dann den Alkoholgehalt noch einmal.

Es könnte also der Genuss von Ebbelwei sein, der dafür sorgt, dass die Hessen weniger alkoholkrank werden als anderswo. Achtung, auch das ist pure Bembel-Spekulation. Dem vermeintlichen hessischen Trinkerfrieden trauen auch diejenigen nicht so recht, die die Statistik zu Alkoholerkrankungen in die Welt gesetzt haben - die Öffentlichkeitsarbeiter der Kaufmännischen Krankenkasse nämlich.

"Trau keiner Statistik, die du nicht selbst in die Welt gesetzt hast". Das sagt sich auch die hessische Kasse. Deshalb fordert sie vorsichtshalber auch für vermeintlich gesündere Ebbelwei-Trinker eine Erhöhung der Alkoholsteuer, ein Werbeverbot für Alkoholika und die Abgabe alkoholischer Getränke nur an Erwachsene.

Die Mehrheit der Deutschen, so die Krankenkasse, befürworte diese Vorschläge. Ob auch die Mehrheit der Hessen, verrät man nicht. Doch da die ja nun statistisch gesehen nüchterner sein sollen als die übrigen Deutschen, sind sie vielleicht auch vernünftiger als der Durchschnitt. Zumindest, solange man ihnen ihren Ebbelwei lässt - wenigstens verdünnt, sauer oder süß gespritzt.

 

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