Corso / Archiv /

 

Grandseigneur mit Seidenschal

Eine späte Liebeserklärung an Marius Müller-Westernhagen live

Von Fabian Elsäßer

2005 erschien von Westernhagen "Nahaufnahme" und vier Jahre später "Williamsburg"
2005 erschien von Westernhagen "Nahaufnahme" und vier Jahre später "Williamsburg" (AP Archiv)

Marius Müller-Westernhagen zählt zu den erfolgreichsten deutschsprachigen Rockmusikern, mit mehr als zehn Millionen verkauften Alben und gigantischen Stadiontourneen. Doch zur Jahrtausendwende wurde es ruhiger um ihn. Nun tourt er wieder durch Deutschland - und Fabian Elsäßer zeigt sich unerwartet angetan..

Was hab ich ihn früher gehasst, damals, in den 90ern. Diese Optik mit Schlangenlederstiefeln und lindgrünem Glitzerjackett, diese knödelige Stimme, dieses hysterische Rumgegockele, diese Texte, die mir entweder zu machomäßig oder zu bemüht vorkamen.

Und dann sieht man ihn 20 Jahre später zum ersten Mal live und stellt fest: was für ein Spitzenentertainer. Ertappt sich dabei, wie man auf einmal mit 1000 anderen aufsteht – wie ferngesteuert – und aus voller Kehle mitsingt.

Sich pudelwohl fühlt, im Reinen mit sich und der Welt, mit der eigenen Jugend, sogar mit den 90er-Jahren. Das war 2010, auf der "Williamsburg"-Tour. Nun also schon wieder Westernhagen live. Die Hallen sind nicht so voll wie damals, in Köln zum Beispiel sind "nur" 10.000 Zuschauer in die grotesk große Lanxess-Arena gekommen, vielleicht weil viele glaubten, das alles ja gerade erst gesehen zu haben. Doch dieses Konzert ist mehr als ein Aufguss, es ist die konsequente Weiterentwicklung einer gut geölten Inszenierung.

Westernhagen gibt sich aktuell, eröffnet mit einem politischen Dreisatz über rechte Gewalt und hilflose Staatenlenker. "Wir haben die Schnauze voll" vom letzten Album, "Schweigen ist feige". Sein Lied vom schwarzen Mann, auch fast 30 Jahre alt, hat er umgetextet in "Der braune Mann". Die Textzeilen erscheinen etwas plakativ auf der strahlend weißen Projektionswand, aus der sich ein schemenhafter Kopf zu befreien versucht, den Mund zu einem stillen Schrei verzerrt.

Überhaupt sind die Videoanimationen und begleitenden Filme beeindruckend, wenngleich man auf die laszive Table-Dancerin bei "Sexy" auch gut hätte verzichten können.

Mehr noch als der ganze optische Bombast aber überzeugen Musik und Bühnenpräsenz. Westernhagen ist angesichts seines Alters unfassbar gut bei Stimme und seine neun Musiker, bis auf Gitarrist Markus Wienstroer ausnahmslos amerikanische Studiokönner, sind perfekt aufeinander eingespielt. Diese wohl beste Begleitband, die Westernhagen je hatte, macht selbst älteste Song-Gäule unerwartet zum Pegasus.

Und da sie kein Wort von dem verstehen, was Marius Müller-Westernhagen da vorne singt, was dieser immer mal wieder für einen netten Ansagenjux benutzt, staunen sie sichtlich, wie das entfesselte Publikum etwa bei "Pfefferminz" jede Zeile mitsingt. Würden sie es verstehen, sie staunten noch mehr.

Es mag eine Nostalgieveranstaltung sein, die die selbst ernannten Hipness-Wächter der Musikjournaille bestimmt ganz schlimm finden. Aber ist nicht auch dies das Wesen des Rock 'n' Roll: den Eskapismus über die Jahre zu retten? Genau das gelingt dem zierlichen Sänger in jeder Minute dieser grandiosen Show. Wie angestochen tippelt Westernhagen über die sportplatzmäßige Bühne, optisch den Grandseigneur mit Seidenschal und Lennon-Brille gebend, er badet im Applaus, springt in den Fotografengraben, um der ersten Reihe die Hände zu schütteln, würde wohl am liebsten die ganze Halle umarmen.

Nur zur Erinnerung: Dieser Mann ist 63 Jahre alt. Er bringt auch für uns die Zeit zum Stillstand, mehr als zwei Stunden lang. Und für dieses Kunststück muss man ihn einfach gernhaben.

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Corso

Ray Cokes"Ich spielte Videogames und schaute Pornos"

Der ehemalige MTV-Moderator Ray Cokes

Ray Cokes wurde mit der MTV-Show "MTV's Most Wanted" zum Moderatorenlegende. Doch nach dem Bruch mit dem Musiksender ging es rapide bergab. Im DLF erzählt er von den guten Zeiten - und wie er in die Depression rutschte.

Mein Klassiker Peter Licht: "Der Partyschreck" mit Peter Sellers

Musikprojekt "Bootleg": Klänge mit Füßen getreten

Krazy-Kat-Comic mit einem multimedialen Konzert geehrt

Manu Katché"Ich tauche ein in den Groove"

Manu Katché spielt Schlagzeug auf einer Bühne.

Manu Katché hat mit Peter Gabriel und dem Song "Sledgehammer" Musikgeschichte geschrieben. Der Erfolg öffnete ihm alle Türen: Er arbeitete mit Sting, Tori Amos, den Dire Straits und den Eurhythmics. Das erlaubte dem 55-Jährigen, wählerisch zu sein: Mick Jagger erteilte er eine Abfuhr.

"Rock Covers" Bildband über Kunst auf Plattencovern