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Seit 03:52 Uhr Kalenderblatt
StartseiteInterview der WocheGrass: Raus aus dem Elfenbeinturm20.01.2008

Grass: Raus aus dem Elfenbeinturm

Schriftsteller fordert mehr politisches Engagement von Intellektuellen

Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass wünscht sich eine aktivere Teilnahme von Intellektuellen an der Politik. Einige junge Autoren machten ihm zwar Mut, andere hielten sich aber auffällig mit politischen Äußerungen zurück. In den Feuilletons werde ihnen geraten, den Elfenbeinturm zu beziehen und sich nicht in die schmutzige Politik zu begeben. Grass unterstützt unter anderen den Hamburger SPD-Spitzenkandidaten Michael Naumann im Wahlkampf.

Moderation: Frank Capellan

Günter Grass: Ich unterstütze Politiker und kritisiere sie. (AP)
Günter Grass: Ich unterstütze Politiker und kritisiere sie. (AP)

Frank Capellan: Günter Grass, Sie melden sich zurück als Wahlhelfer der Sozialdemokraten, wie wir Sie aus vielen Jahrzehnten kennen. Sie haben gerade die SPD-Bundestagsfraktion besucht, waren jetzt beim Hamburger Spitzenkandidaten Michael Naumann im Wahlkampf in der vergangenen Woche auf einer ersten Veranstaltung. Warum muss sich ein 80-Jähriger das noch antun?

Günter Grass: Ja, zu meiner Überraschung habe ich gemerkt, dass es trotz der 80 Jahre mir dieses Einsteigen in aktuelle Tagespolitik nach wie vor noch Spaß macht. Gut, das ist ja eine Sache, die ich in jüngeren Jahren heftig betrieben habe aus der Einsicht, dass sich eine Demokratie – mit dem warnenden Beispiel der gescheiterten Weimarer Republik im Rücken – nur halten kann, wenn es genügend Bürger gibt, die sich auch engagieren, dass man die Politik nicht allein den Parteien überlässt. Und jetzt im Fall Hamburg – dieser von Beust, der jetzige Bürgermeister, der hoffentlich abgewählt wird – das ist meine Hoffnung –, ist mit Hilfe einer rechtsradikalen Partei regelrecht an die Macht gekommen, mit Hilfe der Schill-Partei. Und das, was er gemacht hat im sozialen Bereich: Es gibt ganze Wohnviertel in Hamburg, die im sozialen Abseits liegen. Die in ganz Deutschland nachweisbare Kinderarmut – über zwei Millionen Kinder unterhalb der Armutsgrenze – ist in Hamburg sehr deutlich nachweisbar.

Capellan: Warum ist Michael Naumann genau der Richtige, um solche Themen auch zu besetzen? Es wurde in einer Hamburger Zeitung gerade geschrieben, als Sie nach Hamburg kamen: "Da trifft der Schöngeist auf den Querdenker". Passt das zusammen?

Grass: Das ist ein Klischee ohnegleichen. Naumann ist schon seit Monaten in diesen Bezirken Hamburgs unterwegs, die vernachlässigt worden sind. Er geht in die Familien hinein, er geht in die Altersheime hinein, er spricht mit den Leuten. In seinem Programm und das, was er anführt – auch bei der Veranstaltung, die ich in Hamburg mit ihm gemacht habe – hat er genau auf diese Schadstellen hingewiesen . . .

Capellan: . . . aber er hat selber auch gesagt: "Ich hab gar nicht geahnt, wie schlimm es ist!" - was die Kinderarmut zum Beispiel angeht.

Grass: Natürlich, das ist auch ein Stück Ehrlichkeit. Er kommt natürlich vom Kulturbereich, und mit ein Grund, warum ich ihn unterstütze, ist: Während der Zeit, in der er Kulturminister gewesen ist – erst einmal ist es ein Verdienst der rot-grünen Regierung gewesen, endlich in der Bundesrepublik, dem Kanzleramt zugewiesen, ein Kulturministerium einzuführen –, und Naumann hat es in der kurzen Zeit geschafft, kulturpolitische Themen zum Thema generell zu machen. Er versteht es, diese Dinge wirklich auf den Punkt zu bringen und zur Debatte zu stellen. Und nicht nur im kulturellen Bereich, sondern eben auch, wo es Not tut, auch im sozialen Bereich.

Capellan: Reden wir über Ole von Beust. Hat Sie gewundert, dass er auf das Thema "Jugendkriminalität" nicht drauf angesprungen ist bisher?

Grass: Na, kann er auch schlecht, weil die Zahlen in Hamburg sehr miserabel sind – die Kürzungen in dem Bereich, genau die Dinge, die von den Sozialdemokraten auch kritisiert werden. Das sind die Dinge, die vernachlässigt worden sind – die Entlassungen im Bereich der Vorsorge, dass man Jugendliche, die gewaltbereit sind, im Vorfeld betreut. Das führt ja zu diesen schrecklichen Zahlen. Er hält sich bedeckt in der Sache, er hat aber auch nicht den Mut, diesem demagogischen Wahlkampf, der von Koch geführt wird, zu widersprechen. Das Gleiche trifft auf die Bundeskanzlerin zu. Das finde ich entsetzlich, dass die Bundeskanzlerin sich nicht davon distanziert. Das ist so deutlich und so eindeutig, wie Koch jetzt zum zweiten Mal versucht, auf demagogische Art und Weise, und zwar auf dem Rücken von Bundesbürgern, die aus dem Ausland kommen, die mittlerweile Bundesbürger sind, auf diesen Rücken einen Wahlkampf auszutragen. Das ist infam.

Capellan: Nun hat Angela Merkel gerade in dieser Woche gesagt: Es darf keine Tabuthemen geben, auch nicht im Wahlkampf. Viele sagen: Roland Koch spricht das aus, was eine schweigende Mehrheit in Deutschland denkt. Hat er da völlig Unrecht?

Grass: Das Berufen auf eine schweigende Mehrheit, das ist das Demagogische. Das ist eine unbekannte Größe, das ist ein verschwiemelter Appell an eine latente Fremdenfeindlichkeit. So hat er damals den Wahlkampf in Hessen geführt, als er dann die Wahl gewonnen hat, und so versucht er es diesmal zu wiederholen. Ich kann nur hoffen, dass die Bundesbürger mündig genug sind, um diesen Schwindel zu durchschauen.

Capellan: Kurt Beck, der SPD-Vorsitzende, hat der Union Rechtspopulismus vorgeworfen in diesem ganzen Kontext . . .

Grass: . . . ja, entschuldigen Sie, wenn ich Sie unterbreche. Die Sprache von Herrn Koch ist die NPD-Sprache, die wir kennen. Das muss man so laut und deutlich aussprechen. Ich bin zum Beispiel gegen ein NPD-Verbot. Die Bundesrepublik ist stark genug und gefestigt genug, um rechts- wie linksradikalen Terror aushalten zu können und sich auch dagegen wehren zu können. Aber wenn die Rhetorik – die demagogische Rhetorik der NPD in diesem Fall – übergreift auf einen CDU-Politiker, also auf die größte und Regierungspartei, Volkspartei, dann wird es gefährlich.

Capellan: Nun hat im Gegenzug die Union Gerhard Schröder vorgeworfen – Sie kennen das Zitat, auf das ich jetzt anspiele –, auch er habe sich ähnlich verhalten 1997 im niedersächsischen Landtagswahlkampf, als er gesagt hat, "Wer unser Gastrecht missbraucht, der muss raus, und zwar schnell". Also die Frage – Sie waren ja durchaus auch kritisch gegenüber Gerhard Schröder eingestellt –: War auch er ein Rechtspopulist?

Grass: Er hat genug Widerspruch bekommen, auch von mir, in dieser Sache. Auf der anderen Seite hat Schröder während seiner Regierungszeit zu einem sehr frühen Zeitpunkt eben die Dinge angemahnt, die auch dann dazu geführt haben, dass das Strafrecht reformiert worden ist. . .

Capellan: . . . aber besteht die Gefahr, würden Sie das so sehen, dass beim Wähler auch hängen bleiben kann: Die sind alle gleich, die Politiker. Wenn es um die Wiederwahl geht, sind sie alle Populisten?

Grass: Ja, natürlich. Wenn es so einseitig in der Presse dargestellt wird und nicht dargestellt wird, was Schröder während der rot-grünen Regierungszeit, gerade in Sachen Jugendstrafrecht reformiert hat und getan hat, dann kommt es zu diesen einseitigen Darstellungen.

Capellan: Günter Grass, Sie sind unser Nationaldichter . . .

Grass: . . . na, das sehen nicht alle so . . .

Capellan: . . . na ja, aber Sie werden als Instanz angesehen, man spricht vom "moralischen Gewissen" – gerade der Sozialdemokraten. Wie lebt es sich mit diesen Attributen?

Grass: Nicht gut, weil es das nicht gibt. Also, "Gewissen der Nation" und all diese Klischees – anders kann ich es nicht nennen – treffen nicht zu. Die trafen schon bei Heinrich Böll nicht zu, der hat sich dagegen gewehrt. Man kann das Gewissen einer Nation nicht auf eine einzelne Person delegieren. Sollen dann die anderen gewissensfrei sein? Ich bin als Schriftsteller zugleich ein engagierter Bürger, der seine Bürgerrechte und –pflichten wahrnimmt, also den Mund aufmacht. Und man muss kein Spezialist auf einem Gebiet sein, um zum Beispiel in einem reichen Land die Kinderarmut, die eine Schande ist für dieses reiche Land, feststellen zu können. Vor fünf Jahren habe ich gemeinsam mit Johano Strasser und Daniela Dahn ein Buch herausgegeben, das heißt "In einem reichen Land". Eine Vielzahl von Autoren aus Ost- und Westdeutschland haben über Randgruppen geschrieben, also Gruppen, die mittlerweile durch soziale Veränderungen, die wir haben und die nachweisbar sind, ins Abseits geschoben werden. Von den führenden Zeitungen ist dieses Buch ignoriert worden und von der Politik leider auch. Heute kann das kein Mensch mehr leugnen. Wenn in einem reichen Land auf einmal Suppenküchen Aushilfe schaffen müssen – das sind Rückfälle in die Weimarer Republik, die wir erleben. Wenn die Schere zwischen arm und reich derart auseinander geht, wenn 60 Prozent des Volksvermögens bei zehn Prozent der Bevölkerung angesiedelt sind, das sind skandalöse Unterschiede, die auch dem widersprechen, was im Grundgesetz nun mal festgeschrieben ist. Und ich bin Verfassungspatriot. Da steht drin "Eigentum verpflichtet sozial", und das geschieht nicht. Da steht, dass alle Menschen vor dem Gesetz gleich sind, auch das stimmt nicht mehr mittlerweile.

Capellan: Auch wenn Sie es nicht mögen, als "moralische Instanz" bezeichnet zu werden: Wir kennen Sie seit vielen Jahrzehnten als Mahner, der sich in die Politik einmischt. War es ein Problem für Sie vor zwei Jahren, als Sie eingestanden haben, Mitglied der Waffen-SS gewesen zu sein – dass Sie da an Glaubwürdigkeit verloren haben? Spüren Sie das heute noch, möglicherweise im Wahlkampf, oder ist das vergessen?

Grass: Also erst mal: Der Ausdruck "Mitglied der Waffen-SS" stimmt nicht. Ich bin als Noch-16-Jähriger – ich bin dann 17 in der Ausbildung geworden – einberufen worden zur Waffen-SS, wie viele, viele meines Jahrgangs. Ich habe das in meinem Buch sehr deutlich dargestellt. Man kann sagen, kann das von mir aus kritisieren, dass ich das sehr spät deutlich gemacht habe. Das ist aber mein Recht, mit meiner eigenen Vergangenheit dafür die geeignete literarische Form auch zu finden, nämlich eine Autobiographie, das dort deutlich zu machen. Das ist von der "FAZ" missbraucht worden und öffentlich dargestellt worden, als hätte ich der "FAZ" gegenüber ein Geständnis abgelegt. Dabei lag das Buch seit Wochen allen Redaktionen vor, vom Verlag verschickt als Leseexemplar . . .

Capellan: . . . und keiner hat’s gemerkt . . .

Grass: . . . keiner hat’s gemerkt, keiner ist drauf eingegangen. Die "FAZ" hat das zum Bild gemacht, im Grunde hat es Herr Schirrmacher gemacht und seine Wasserträger, die er in seiner Redaktion hat. Bis in diese Tage hinein lassen sie keine Gelegenheit aus, um mir am Zeug zu flicken. Ich habe das überlebt. Ich habe es überlebt durch den Zuspruch meiner Leser, durch den Zuspruch meiner Kollegen im Inland wie im Ausland. Es gab genug Gegenstimmen, und nur mit dieser Hilfe war es überhaupt möglich, diesen pauschalen Angriff und das Niedermachen zu überstehen.

Capellan: Klaus Wowereit, den Sie ja damals auch im Wahlkampf unterstützt haben, der hat damals gesagt: Günter Grass muss jetzt damit leben, dass diejenigen, auf die er mit dem moralischen Zeigefinger gedeutet hat, dass die jetzt auf ihn zeigen. Das heißt also, Sie können damit leben?

Grass: Wissen Sie, wo ich hinkomme und auch unmittelbar danach, die Leute schütteln den Kopf. Ich habe, als das Buch herauskam, noch nie so viele Leserbriefe bekommen, und zwar von ganz alten Menschen – meines Alters und älter – und jungen Menschen. Und diese Briefe, diese Flut von Briefen, hatten eines gemeinsam: Es ging immer darauf zu – bei den Älteren: "Ich habe Ihr Buch gelesen, das ist ja auch Teil meines Lebens auch, und ich bin dankbar für dieses Buch, denn zum ersten Mal war ich in der Lage, mit meinen Kindern über meine Kriegszeit zu sprechen." Und umgekehrt schrieben die jungen Leute: "Unser Großvater – oder unser Vater – hat das Buch gelesen, hat zum ersten Mal – oder die Mutter auch – über die Zeit des Krieges gesprochen." Das Buch hat also als Lippenöffner gedient, mehr kann man kaum erwarten.

Capellan: Und die SPD steht zu Ihnen. Wolfgang Thierse meinte damals: Wir müssen zu Günter Grass stehen.

Grass: Ja, von vornherein ist das so gewesen.

Capellan: Fühlen Sie sich manchmal doch als Vorzeige-Intellektueller der Sozialdemokraten, fühlt man sich da manchmal auch missbraucht? Es wurde Gerhard Schröder auch nachgesagt, er schmückte sich gerne mit prominenten Kulturschaffenden.

Grass: Wenn das der Fall gewesen wäre, hätte ich nicht mitgemacht. Es gab während der Regierungszeit von Gerhard Schröder mehrere Treffen mit Schriftstellern und anderen Intellektuellen, also nicht nur Schriftsteller, die kamen auch aus anderen Berufen. Es war die Zeit, als der jetzt noch laufende Irak-Krieg drohte. Und Schröder wollte unsere Meinung hören dazu. Er hatte von sich aus einen Entschluss gefasst, aber er wollte nochmal Meinungen einholen. Und das, was ich ihm in dem Maße gar nicht zugetraut hatte: Er war ein guter Zuhörer. Und in gewissem Sinne, das haben mir einige bestätigt, die bei der Runde dabei gewesen sind, waren wir ein wenig stolz darauf, dass wir ihn bestärkt haben, diese Haltung einzunehmen, `Nein` zu sagen zum Irak-Krieg. Wenn Frau Merkel damals an der Regierung gewesen wäre, wären wir in diesem Krieg drin gewesen. Sie hat ja nichts Besseres getan – damals in der Opposition –, als nach Washington zu fahren und als eine "Petzliese" beim amerikanischen Präsidenten Schröder anzugreifen. Das werde ich ihr nie vergessen.

Capellan: Also Sie glauben, Angela Merkel könnte nicht zuhören und hat überhaupt gar nicht das Interesse, mit Intellektuellen zusammenzukommen?

Grass: Das kann ich nicht beurteilen. Jedenfalls . . .

Capellan: . . . würden Sie gern mal mit ihr diskutieren? . . .

Grass: . . . oh, selbstverständlich. Ich wäre sofort bereit, mit ihr zu sprechen, selbstverständlich.

Capellan: Wen glauben Sie, ansprechen zu können in der Wählerschaft durch Ihr Engagement für die Sozialdemokraten?

Grass: Nun, ich weiß es aus eigener Erfahrung, und das haben mir Sozialdemokraten bestätigt, die diese tägliche Arbeit ja machen müssen und machen, dass in die Veranstaltungen mit mir Menschen kommen, die sonst in keine Wahlveranstaltung gehen. Und das ist von meinen ersten öffentlichen Wahlveranstaltungen von 1965 an so gewesen. Damals war das natürlich noch eklatanter, weil ich zumeist in ganz schwarze Wahlkreise gefahren bin, wo die Sozialdemokraten Mühe hatten, eine Hinterstube im Gasthof zu füllen, wenn sie Veranstaltungen machten. Es waren dann volle Säle, da war ich froh, dass ich helfen konnte.

Capellan: Also, es ist nicht allein das Bildungsbürgertum?

Grass: Sehr viele Jungwähler kommen, auch Bildungsbürgertum, wenn Sie so wollen, die mich von Büchern her kennen, aber eben auch sehr viele Jungwähler. Ein Publikum, daraus ist dann ja später die Gründung von Wählerinitiativen möglich gewesen, die sich nicht damit abfinden wollen, alle vier Jahre mal ihren Stimmzettel abzugeben, sondern die auch während der laufenden Legislaturperiode wach bleiben wollen oder wach gehalten werden wollen und aufmerksam gemacht werden wollen auf brennende Probleme. Und die haben sich natürlich umgeschichtet. Das was sträflicherweise jahrzehntelang geleugnet wurde, vom Club of Rome angefangen mit den ersten Warnungen ausgesprochen hat, die Klimaveränderungen haben wir heute. Das bringt Riesenprobleme mit sich, und die Gegenmaßnahmen sind unzureichend. Nichts Entscheidendes geschieht.

Capellan: Trotzdem haben Sie sich immer bei den Sozialdemokraten besonders gut aufgehoben gefühlt. Sie haben gesagt: "Ich wähle die Sozialdemokraten, weil sie uns vor amerikanischen Verhältnissen schützen. Die SPD, das ist die Partei der sozialen Gerechtigkeit." Gilt das bis heute?

Grass: Sie hat wieder dazu zurückgefunden. Das ist ein bisschen in Vergessenheit geraten.

Capellan: Nach der Agenda 2010, oder worauf spielen Sie an?

Grass: Ja, es brauchte einige Zeit, und das gehört mit zur Sozialdemokratie. Alles, was man an Reform verabschiedet, ist Menschenwerk, so auch die Agenda oder Hartz IV. Und weil es Menschenwerk ist, ist es per se fehlerhaft. Also muss es der Revision unterworfen werden. Ein Sozialdemokrat ist ein gelernter Revisionist. Er muss selbst die Reformen, die er für gut gehalten hat noch vor zwei Jahren, kritisch beäugen und wieder ran gehen. Und den Schritt haben sie jetzt gemacht, auch Schröder auf dem Parteitag der Sozialdemokraten. Es ist kein Dogma, die Zehn Gebote. Wenn man auf der einen Seite sieht, dass wir den Rückgang in der Arbeitslosigkeit diesen harten Reformen verdanken, die unter Schröder und der rot-grünen Koalition verabschiedet worden sind, heißt das nicht, dass man sich darauf ausruhen muss. Das ist ein Verdienst dieser rot-grünen Regierung, der sich jetzt auszahlt. Aber auf der anderen Seite wird Härte deutlich, zum Beispiel bei Hartz IV. Und das muss geändert werden.

Capellan: Kurt Beck bringt die Partei auf den richtigen Weg?

Grass: Das ist meine Meinung, ja. Es ist ja nicht nur Kurt Beck. Es ist ein ausgezeichneter Finanzminister, wir haben einen Außenminister, der jetzt als Vizekanzler auch die Möglichkeit hat, seine sozialdemokratische Position deutlich zu machen, und das ist gut so.

Capellan: Wenn das so gut läuft, wann treten Sie wieder in die SPD ein?

Grass: Das bin ich letztens gefragt worden, nachdem ich vor der Fraktion gesprochen habe. Wenn die SPD die Stärke aufbringt, den Asylparagraphen wieder so zu reformieren, wie er mal gewesen ist. Eine Partei wie die Sozialdemokraten, deren berühmte Vorsitzende und andere Genossen, also nicht nur Willy Brandt, das Dritte Reich nur überleben konnten, weil sie in anderen Ländern Asyl gefunden haben, und jetzt aus meiner Berufslage heraus in Erinnerung an alle die Autoren, die das Dritte Reich nur überleben konnte, weil sie, ob in Mexiko oder in Shanghai oder in den USA Asyl gefunden haben – eine solche Partei hätte sich nie bereit erklären dürfen, den Asylparagraphen so zu verunstalten.

Capellan: Lassen Sie uns reden über den Schriftsteller Günter Grass, der sich in die Politik einmischt. Ganz speziell: Sie haben im Bundestagswahlkampf 2005 gesagt: "Dass sich Schriftsteller als Schriftsteller und Bürger einmischen, dass sie Kritik üben und Stellung beziehen, das darf nicht aufhören. Wir haben ohnehin schon zu viele abgebrochene Traditionen in diesem Land. Ich möchte, dass das weiter geht". Geht es weiter?

Grass: Ja, es gibt mittlerweile doch eine ganze Reihe Autoren, ich habe Kontakt mit denen, weil ich sie einmal im Jahr auch einlade, einige von denen, und merke, dass sie in ihrer Themenwahl mittlerweile doch so weit sind, auch von sich selbst abzusehen. Kumpfmüller zum Beispiel jetzt mit seinem neuen Buch ist präsent oder Juli Zeh, die greift politische Themen an. Da könnte ich Ihnen eine ganze Reihe Autoren nennen, die auch, was ich erlebt habe, aber bei der letzten Bundestagswahl haben ja einige jüngere Autoren auch mitgemacht, Eva Menasse und Kumpfmüller und Jens Sparschuh, selbst ein junger Autor wie der Lebert, das hat mir Mut gemacht und auch ein Anzeichen dafür gesetzt, dass es möglich ist, diese Tradition, die ich nicht begonnen habe, die fing mit Alfred Andersch und Heinrich Böll an, ich habe sie fortgesetzt. Und das ist eine gute Tradition, diese Einmischung. Das ist eine Lehre, die wir in der Nachkriegszeit aus dem Scheitern der Weimarer Republik gezogen haben.

Capellan: Also Sie verstehen diese Zusammenkunft jetzt schon ein bisschen so wie eine Wiederbelebung der Gruppe 47. Darüber ist ja damals . . .

Grass: . . . ja, aber unter ganz anderen Gesichtspunkten Viel kleiner, das sind sechs, sieben Autoren, und das ist reine handwerkliche Textkritik der Autoren untereinander, eine sehr kollegiale.

Capellan: Aber müssten sie, diese jungen Autoren, die durchaus ja politisch schreiben, aber die Geltung eben nur bekommen durch ihr Schreiben, müssten die sich nicht mehr einmischen in aktuelle Diskussionen, so wie Sie es gemacht haben, so wie es Heinrich Böll und Siegfried Lenz gemacht haben?

Grass: Das muss jeder auf seine Weise machen. Ich merke ja etwas, was ich überhaupt nicht beherrsche, ist das Internet. Ich bin in der Beziehung ein ausgesprochen altmodischer Mensch. Ich besitze kein Handy, ich schreibe nach wie vor auf meiner Olivetti-Schreibmaschine. Meine Sekretärin, die hat einen Computer. Ich habe so etwas alles nicht. Und die schreiben sich E-Mails und sind im Internet drin, und ich glaube, da passiert eine Menge, mehr als ich selbst überschauen kann. Ob das ausreicht? Gut, ich habe da meine Zweifel, weil ich auch die Gefahr sehe bei diesen neuen Medien, dass sich das zum Teil als eine Scheinkommunikation erweist. Der direkte Kontakt, zum Beispiel bei einer ganz altmodischen Wahlveranstaltung in einem Saal, in einem Raum, mit Menschen, mit Frage und Antwort, ist schon etwas ganz anderes. Und dafür gibt es auch kein Surrogat.

Capellan: Werfen Sie einen Blick ins Ausland. Wenn man an Israel, an Russland denkt, da wird auch der Rat von Schriftstellern viel öfter . . .

Grass: … ich bewundere meinen Kollegen Amos Oz in Israel, der seit Jahren, Jahrzehnten kann man sagen, eine Position einnimmt, die ich kenne, nämlich die zwischen den Stühlen, das hält auch beweglich, und der diese Position tapfer vertritt und nicht nachlässt. Und das ist gut so.

Capellan: Aber warum funktioniert das bei uns nicht?

Grass: Unter anderem, weil in den Feuilletons jahrelang den jungen Autoren geraten wurde, den Elfenbeinturm zu beziehen und sich nicht in die schmutzige Politik zu begeben, dass sie abgestraft werden. Ich erlebe es ja doch, wie Autoren, die mit mir Umgang pflegen, von der "FAZ" abgestraft werden. Das ist eine Art Sippenhaft, die die verhängt haben. Das ist doch schon ein dolles Ding, nicht?

Capellan: Früher war es doch eher so, die 68er Generation musste sich eher rechtfertigen, wenn sie nicht politisch Farbe bekannte. Heute hat man den Eindruck, dass sich Intellektuelle eher scheuen, sich einer Seite zuzurechnen, sich für eine Partei zu engagieren.

Grass: Ja, dieses Klima ist geschaffen worden. Die "FAZ" war in der Sache führend. Das ist dann auch nachgeplappert worden und geht bis in die "Süddeutsche Zeitung" hinein. Da wird mein Auftritt um Beispiel auf der einen Seite hämisch bejammert, dass ein alter Sack wie ich sich in den Wahlkampf einmischt, warum nicht ein junger Autor? Wenn es aber ein junger Autor täte, würde man dem wieder raten, die Hände von der Politik zu lassen. Die wissen selber nicht, was sie wollen.

Capellan: Brauchen denn Politiker Unterstützung aus der Kultur? Ich habe ein Zitat von Leander Haußmann gefunden, der hat gesagt: "Warum soll ich Parteibonzen an die Macht verhelfen?"

Grass: Also, Parteibonzen ist ein übles Wort aus der Weimarer Republik-Zeit. Das gehört nicht zu meinem Sprachschatz. Ich unterstütze Politiker und kritisiere sie, wenn ich mit ihrer Politik bis zu einem gewissen Grade einverstanden bin Ich brauche keine hundertprozentige Überzeugung, von denen haben wir schon genug gehabt, dann kann ich das unterstützend kritisch begleiten. Das habe ich bei Willy Brandt gemacht, damit fing das an. Auch da gab es von mir bei bestimmten Dingen, zum Beispiel beim Radikalenerlass, von Anfang an Kritik, ein Fehler, den Willy Brandt gemacht hat, den er später auch eingesehen hat. Also, das gehört dazu, die Kritik. Das ist nicht eine blindlings Unterstützung.

Capellan: Würden Sie in zwei Jahren, wenn die Bundestagswahl ansteht, in knapp zwei Jahren, dann auch zu einem Wechsel aufrufen, in der Form, dass man sagt, die Große Koalition hat nichts gebracht, wir brauchen jetzt wieder ein stärkeres Bündnis?

Grass: Also, ich wäre sehr dafür, dass wir wieder zu Rot-Grün bekommen, weil dort die Reformkräfte sind. Bei der neuen Linken, das ist eine sehr schwierige Sache. Ich hätte der PDS gewünscht, dass sie sich nicht auf Lafontaine eingelassen hätte. Der bringt eine Art Linkspopulismus hinein, das ist im Grunde das Pendant zu Koch, auch mit demagogischen Thesen, mit einer Artikelflut in der Bildzeitung gegen seine ehemalige Partei, wo er seine Rache an der SPD vollzieht – das ist nicht der richtige Weg. Die PDS hat noch eine Zeit lang zu tun mit ihrer eigenen Vergangenheit. Sie ist der Nachfolgeverein, der Nachlassverwalter der SED. Davon kann sie sich auch nicht einfach distanzieren. Durch Lafontaine kommt das in eine ganz schräge Lage hinein, wo Versprechungen gemacht werden, die durch nichts gedeckt sind, das ist abzulehnen. Auf jeden Fall ist die SPD aufgefordert, das, was sie in ihrem Hamburger Programm noch mal deutlich gemacht hat: sie ist die Vertreterin des demokratischen Sozialismus und nicht die PDS.

Capellan: Da wir gerade über die PDS sprechen: Wie vereint ist Deutschland? Ich möchte gerne noch auf Ihre Haltung zum Stand der Deutschen Einheit zu sprechen kommen. Patrick Süßkind hat damals gesagt . . .

Grass: . . . ich bin ja damals sehr gescholten worden . . .

Capellan: . . . er war gegen die Vereinigung.

Grass: Nein, ich war nicht gegen die Vereinigung.

Capellan: Sie waren nicht dagegen, Sie haben nur gesagt, ich möchte nicht wiedervereinigt werden.

Grass: Nein, ich habe nie gesagt, ich möchte nicht wiedervereinigt werden. Ich habe nur gesagt, lasst uns das langsam angehen. Man kann nicht einfach mit einem Anschlussartikel, das ist der Artikel 23 gewesen, ein Land, das 40 Jahre lang getrennt ist, so zusammenschmeißen und alles unter westdeutschen Gesichtspunkten machen. Mein Vorschlag war damals, mit einer Konföderation zu beginnen. Die Entwicklung ist drüber hinweg gegangen. Die Schäden haben wir bis heute zu tragen. Eine Einheit haben wir auf dem Papier, die Grenze ist weg, aber eine soziale Einigung gibt es bis heute nicht. Das Vermögen, ihr Produktionsvermögen in den neuen Bundesländern, ist zu 90 Prozent in westdeutscher Hand. Eine Enteignung hat stattgefunden über die Treuhand, wie es sie in der deutschen Geschichte selbst nach den Bauernkriegen nicht gegeben hat. Also, es ist ungeheuer, was dort geschehen ist. Und das hat Folgen.

Capellan: Günter Grass, wir müssen leider zum Schluss kommen. Erlauben Sie noch eine persönliche Frage. Wir kennen Sie als Pfeife rauchenden Menschen. Wie kommen Sie mit den Nichtrauchergesetzen in Deutschland klar?

Grass: Schwierig. Ich bin gelegentlich auf der Flucht. Selbst die zwei Raucherabteile, die es in den ICE-Zügen gab, sind weg. Die haben niemanden gestört. Aber diese Art von Puritanismus bei der Ausübung des Rauchverbots treibt die Raucher an den Straßenrand, und gelegentlich holt man sich da einen Schnupfen. Aber es gibt noch Orte, zum Beispiel in meinem Büro, da darf man rauchen. Und was ich dazu sagen kann, also die Intensität und Übereinkunft bei der Verabschiedung dieser Anti-Raucher-Gesetze quer durch die Parteien, diese Übereinkunft wünschte man sich manchmal bei anderen Reformen, zum Beispiel bei der Gesundheitsreform.

Capellan: Günter Grass. Haben Sie vielen Dank für das Gespräch!

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