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StartseiteForschung aktuellGravierendes Leck10.07.2008

Gravierendes Leck

Wiederaufarbeitungsanlage setzt Uran frei

Energie. – Von der Renaissance der Atomenergie wird oft geredet, bis mal wieder ein Zwischenfall aus einem der weltweit 439 Kernkraftwerke gemeldet wird. Am vergangenen Dienstag war es Tricastin in Südfrankreich, ein Standort, an dem sowohl ein Kernkraftwerk als auch eine Wiederaufarbeitungsanlage betrieben werden. Aus letzterer sind 75 Kilogramm Uran in zwei Nebenflüsse der Rhone gelangt. Die Wissenschaftsjournalistin Dagmar Röhrlich bewertet das Ereignis im Gespräch mit Gerd Pasch.

Das Atomkraftwerk Tricastin in Bollene. (AP)
Das Atomkraftwerk Tricastin in Bollene. (AP)

Pasch: Dagmar Röhrlich, um welche Art Anlage handelt es sich denn?

Röhrlich: Ja, in der Anlage von Tricastin, da wird Uran weiterverarbeitet, um daraus Brennelemente machen zu können. Und dieses Natururan, das dort verarbeitet wird, das besteht zum größten Teil aus Uran-238 und zu einem ganz geringen Prozentsatz aus Uran-235. Das wird abgetrennt, zurück bleibt dieses, ja, Uran-238, das keiner will, und das ist in einer Lösung drin, das ist radioaktiv, und zwar hat es eine Halbwertszeit von 4,5 Milliarden Jahren, zerfällt also ganz, ganz langsam. Und das ist ein so genannter Alphastrahler. Das heißt, es werden Heliumskerne ausgestrahlt, eine besondere Art von Strahlung, die gefährlich wird, wenn ich sie in den Körper hinein gekommen.

Pasch: Was genau ist denn am vergangenen Dienstag passiert?

Röhrlich: Ja, da war eine Spezialfirma in der Anlage damit zugange, die sauber zu machen. Und unter anderem war dabei eine Behandlungsstation für uranhaltige Abwässer. Dabei ist dann irgendetwas passiert, was man nicht so genau weiß, was. Jedenfalls ist aus einem Tank dieses Wasser herausgelaufen und es sollte in einem Auffangbecken aufgefangen werden. Aber dieses Becken war im Moment in Wartung, wurde selbst repariert, war nicht mehr dicht, so dass ein Teil des Wassers austreten konnte. Es ist so, wenn man das jetzt in Kilogramm Uran umrechnet, dass da 360 Kilo Uran freigesetzt worden sind, ein Teil ist im Rückhaltebecken geblieben, aber 75 Kilogramm sind wohl sowohl ins Erdreich eingesickert, als auch in zwei kleine Flüsschen reingeflossen, die dort sind.

Rasch: Dieses Uran-238 ist auch giftig, welche Auswirkungen hat das?

Röhrlich: Wenn ich es in den Körper reinbekomme, dann lagert sich das in der Niere an und es lagert sich in den Knochen an, aber seine besondere Giftigkeit wird halt in der Niere ausgebildet.

Rasch: Wie gefährlich ist denn jetzt dieser Unfall? Welche Mengen sind ausgetreten, und was hat man gemessen an Strahlung, an Giftigkeit?

Röhrlich: Also es ist so, dass natürlich das ganze sehr stark schon verdünnt ist. Es gab also einen Puls in das Flüsschen hinein, und dieser Puls war natürlich relativ hoch belastet. Man hat dort 144.000 Becquerel pro Liter gemessen, also 144.000 Zerfälle pro Liter, in der Zeit, als die Freisetzung war. Inzwischen liegen die Werte, jedenfalls sagte es die zuständige Behörde, schon sehr viel niedriger. Das Wasser hat das Ganze sofort verdünnt. Und wenn ich jetzt da direkt geschwommen hätte und hätte dieses Wasser getrunken, dann hätte ich mit Sicherheit eine gewisse Strahlung abbekommen. Ob das jetzt für mich gefährlich ist oder nicht, das ist von sehr vielen Faktoren abhängig, das haben die Fachleute aufgrund der Informationen, die vorlagen, nicht sagen können. Aber die Behörden haben sofort Schwimmen verboten in dem Fluss, sie haben die Beregnung mit dem Wasser aus dem Fluss verboten, Trinkwasser darf nicht mehr entnommen werden, gefischt werden darf nicht mehr, um eine Gefährdung auszuschalten.

Pasch: Was ist denn jetzt mit dem Fisch, der ja nicht so einfach irgendwo anders hingesetzt werden kann, nach diesem Unfall. Was hat der abbekommen?

Röhrlich: Also, wenn ich jetzt als Fisch da rumgeschwommen wäre und hätte diesen Stoß abbekommen, wäre mir wahrscheinlich gar nichts erst einmal passiert, weil es eine Weile dauert, bis ich es aufgenommen hätte. Wenn ich aber jetzt da in einem Tümpel schwimmen würde, wo das Wasser dann bleiben würde, und ich würde da lange drin sein und herum schwimmen, dann würde ich auch diesen Alphastrahler, dieses Uran aufnehmen, es würde sich in meinen Gräten festsetzen, in meiner Niere, und das wäre dann sehr ungesund für mich und auch für denjenigen, der mich isst. Aber dadurch, dass es eine stoßweise Belastung war, wird sich das Ganze wohl sehr in Grenzen halten.

Pasch: Wie ist der Unfall einzustufen?

Röhrlich: Ja, es gibt eine internationale Skala zur Bewertung von nuklearen Ereignissen, die reicht von 0 bis 7. Und darauf hatte im Moment eine 1. Das heißt, Abweichungen vom normalen Betrieb. Aber es ist durchaus möglich, dass es höhergestuft wird: Es ist Radioaktivität frei geworden, es könnte also eine 2 werden oder eine 3, das dauert aber noch ein paar Tage oder ein paar Wochen, bis diese ganze Analyse abgeschlossen ist und die endgültige Einstufung erfolgt.

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