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StartseiteKultur heute"Grenzgänger zwischen Malerei und Poesie"19.10.2008

"Grenzgänger zwischen Malerei und Poesie"

Norbert Seitz zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels an Anselm Kiefer

Anselm Kiefer - ein Friedenspreisträger? Norbert Seitz, Deutschlandfunk-Kulturredakteur, bezeichnet Kiefers Auseinandersetzungen mit Ruinenlandschaften und den Künstler selbst als Solitär, einen Grenzgänger in seiner eigenen Zeit.

Der Maler und Bildhauer Anselm Kiefer, diesjähriger Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels. (AP)
Der Maler und Bildhauer Anselm Kiefer, diesjähriger Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels. (AP)

Norbert Seitz: Ja, man muss sagen, er ist als Grenzgänger gefeiert worden, als. Und man hatte auch manchmal den Eindruck, dass man ganz gerne sein unentdecktes schriftstellerisches Talent hier fördern wollte, vor allen Dingen in seiner Preisrede. Herr Honnefelder hat ja in den letzten Tagen als Vorsitzender des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels keinen Gelegenheit da ausgelassen, um wieder darauf hinzuweisen auf die Dominanz der Buchstaben in digitalen Zeiten und auf die Bildsprache der Kunst und die Nähe zum schriftlichen Wort. Er schwärmte dann auch von vornherein von seiner Preisrede und sagt, wir würden vielleicht am Sonntag auch einen Schriftsteller und nicht nur einen Maler hören.

Schossig: Zuvor noch zum Laudator, Herr Seitz. Der Kunsthistoriker Werner Spies hat heute gesagt, Anselm Kiefer sei einer Gruppe deutscher Künstler zuzurechnen, die sich als, und hier zitiere ich mal, Akteure einer für die deutschen unentbehrlichen Auseinandersetzung mit der Geschichte verstehen. Ist Kiefer nicht aber doch eher ein Solitär?

Seitz: Natürlich ist er ein Solitär. Spies, der frühere Direktor am Centre Pompidou und Ausstellungsmacher und vor allen Dingen auch Förderer von Kiefer in Frankreich hat darauf hingewiesen, dass er auf eine eklatante und lästige Weise gegen das Vergessen und für die Aufklärung gestritten habe und dass man das, wie manche Kritiker das getan haben, es seien dort Anklänge zum Blut und Boden zu erkennen, dass man das auf gar keinen Fall so sehen kann. Aber auch Spies hat deutlich gemacht, dass bei Anselm Kiefer endlich etwas auftauche, was in der modernen Kunst lange unterdrückt worden sei, nämlich ein furchtbares Eifersuchtsdrama von Poesie und Malerei. Bei Kiefer kämen die Bücher in seinem Werk als monumentale Feuillanten aus Blei vor, sagt er.

Schossig: Wichtig scheint mir bei Kiefer der Hinweis, wie die Jury es auch gesagt hat, dass das störende moralische Botschaften im Spiele sind, nämlich von Ruinösem und Vergänglichem. Er selbst, Kiefer, hat ja heute in seiner Dankesrede dazu Stellung genommen.

Seitz: Ja, natürlich. Er bekennt sich zu seinen Ruinenlandschaften. Er wählte als zentralen Ort seines Schaffens den leeren Raum und sagt, in der Nachkriegszeit seien viel zu viele Ruinen zu schnell abgeräumt worden, was er im Übrigen auch als Vorwurf auf die Zeit nach der DDR bezieht. Man hätte viel mehr Museales stehen lassen sollen, man hätte vielmehr Trümmern stehen lassen sollen, Ruinenlandschaften, um die Menschen zum Nachdenken zu zwingen. Natürlich ist seine Vorstellung, die DDR als Museum, das muss man sich als Aktion vorstellen, als Spiel mit Grenzen. Und was die Grenze angeht, so sagt er ganz deutlich, die Grenze, jede Grenze ist eine Illusion. Das gilt nicht nur für die von ihm als Kind erfahrene Grenze des Rheins zu Frankreich etwa, sondern auch für die Grenze zwischen Kunst und Leben, und natürlich auch für die Grenzgängerschaft von Künstlern als Experten der Grenzüberschreitung, zum einen wie Grenzziehung zum anderen.

Schossig: Es gibt, wir haben das schon angedeutet, Herr Seitz, viele Missverständnisse der Kunst Kiefers. Linksorthodoxe Bedenkenträger stufen ihn als post- oder gar kryptofaschistischen Künstler ein und Kulturkonservative bemängeln seine rein negativen Botschaften. Kam das heute auch noch zur Sprache?

Seitz: Das kam vor zwei Tagen auf der Pressekonferenz doch sehr stark zur Sprache, was heißt Friedensmission. Und da muss der Honnefelder mal ein Machtwort sprechen und sagen, dieser Preis ist kein politischer Preis, man braucht, um ihn bekommen zu können, nicht soziale Taten nachzuweisen. Aber es gab auf anderer Seite auch eine kulturkonservative Stimme, die gesagt hat, diese ständigen Ruinenlandschaften, die stünden doch für Leidenserfahrung, die stünden für Zerstörung, für Verfall, für Dekadenz. Dem hat Kiefer allerdings sehr gut, wie ich finde, widersprochen, indem er gesagt hat, jede Ruine ist auch ein Stück Neubeginn, ist auch ein Stück Hoffnung auf ein besseres Leben, ist ein Stück Tabula rasa, ein Entfernen von einer schlechteren alten Welt.

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