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StartseiteEuropa heuteGroßbritannien und das Misstrauen der Margret Thatcher28.09.2010

Großbritannien und das Misstrauen der Margret Thatcher

Wir und die anderen: 20 Jahre Einheit

Die britische Premierministerin Margret Thatcher war vor 20 Jahren gegen die Deutsche Einheit. Sie erachtete die Wiedervereinigung nicht als erstrebenswert. Viel Überzeugungsarbeit und etwas Druck war nötig, um sie noch dazu zu bewegen sich an den Zwei-plus-Vier-Verhandlungen zu beteiligen.

Von Jochen Spengler

Margaret Thatcher (AP Archiv)
Margaret Thatcher (AP Archiv)
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Wir und die anderen

Großbritanniens Boulevardblätter sind berüchtigt für ihre Beleidigungen. Naziklischees über Deutschland zu verbreiten, war lange Jahre eine ihrer großen Leidenschaften. Sie riefen regelmäßig den deutschen Botschafter auf den Plan, der gehalten war, sich bei den Redaktionen zu beschweren. Doch:

"Ich bin jetzt zwei Jahre und vier Monate hier, und in dieser Zeit hatte ich noch keinen Anlass."

Sagt Georg Boomgaarden, derzeit der Vertreter Deutschlands in Großbritannien.

The times are changing - die Zeiten ändern sich. Die bilateralen Beziehungen sind problemlos, fast langweilig und das Deutschlandbild hat sich gewandelt. Spätestens seit viele junge Briten mit Billigflug mal eben sich ein eigenes Bild vom hippen Berlin machen und seit der fröhlichen Fußball-Weltmeisterschaft vor vier Jahren sind wir den britischen Medien auch schon mal sympathisch, gelten als nicht mehr völlig humor- und rücksichtslos oder gar als gefährlich. Nach Ansicht des Botschafters zahlt sich langfristig auch aus,

"dass die Deutschen fähig waren, sich mit ihrer eigenen Geschichte offen auseinanderzusetzen und nicht drum herum zu reden."

Einen enormen Schub für den Imagewandel Deutschlands gab es vor 21 Jahren, am 9. November 89, als auch die BBC live und enthusiastisch aus Berlin vom Fall der Mauer berichtet.

Auch die damalige Premierministerin Margret Thatcher gehört zu den faszinierten Beobachtern der Fernsehberichte aus Berlin.

Man sieht die Freude in den Augen der Menschen, man sieht was Freiheit für sie bedeutet, sagt die Regierungschefin. Und man begreift, dass man ihren Wunsch nach Freiheit nicht unterdrücken kann.

Den Wunsch nach Freiheit versteht die Konservative. Dem Wunsch nach Einheit aber kann sie wenig abgewinnen. Öffentlich äußert sie sich zurückhaltend und klammert die mögliche Vereinigung beider deutschen Staaten völlig aus, so in einer Unterhausdebatte zwölf Tage nach dem Mauerfall. Internationale Aufgabe sei es jetzt ...
"sicherzustellen, dass sich die gewaltigen Veränderungen unter Bedingungen der Stabilität in Europa vollziehen, sodass kein Land seine Sicherheit, seine Bündnisse und seine Grenzen bedroht sieht. Zeiten gewaltiger Veränderungen sind Zeiten gewaltiger Unsicherheit wenn nicht gar Gefahren. Wir müssen uns gegen jede Bedrohung wappnen, wie unerwartet auch immer."

Ihr Misstrauen ist unüberhörbar und hinter verschlossenen Türen versucht sie alles, den Status quo so lange wie möglich zu sichern und die deutsche Vereinigung, wenn schon nicht aufzuhalten, so doch zu verzögern. An US-Präsident Bush schreibt die eiserne Lady, dass "die deutsche Einheit kein Thema" sei.

"Sie hat eine Sorge gehabt, die, glaube ich Helmut Kohl mit ihr geteilt hat. Nämlich - wir müssen alles unternehmen, um Gorbatschow, der ja schon in einer ziemlich prekären Lage war, nicht zu destabilisieren,"

sagt Botschafter Boomgaarden.

"Sie hat einen Irrtum dabei begangen; sie hat nämlich geglaubt, dass die Befreiung Osteuropas in Tschechien, Polen und so weiter sich konsolidieren lässt ohne deutsche Einheit."

Frau Thatcher misstraut den Deutschen, denen sie unterstellt, ständig zwischen Aggression und Selbstzweifeln zu schwanken. Mit Helmut Kohl, den sie für einen Provinzpolitiker hält, wird sie nicht warm. Und sie kann den Zweiten Weltkrieg nicht vergessen, die Bombardierung Britanniens durch Hitlers Luftwaffe.

"Sie war schon als junges Mädchen im jugendlichen Alter damit konfrontiert, wie die Nazis gehaust haben, wie die mit Juden umgegangen sind. So etwas prägt natürlich auch."

Margret Thatcher bleibt der Gleichgewichtspolitik des 19. Jahrhunderts verhaftet und fürchtet, ein vereinigtes Deutschland, sei einfach zu groß. Noch im März 1990 rechnet sie ihren Beratern auf dem Landsitz Chequers vor, dass sich beide deutsche Armeen zu einem 700.000-Soldaten-Heer zusammen schließen könnten - ein absurdes, unrealistisches Szenario.

"Davon war sie besessen, dass hier ein Deutschland entsteht, dass die ganze Balance in Europa auseinander treibt."

Aber Frau Thatcher isoliert sich zunehmend. Nicht nur die vermeintlichen Bündnispartner Gorbatschow und Mitterand teilen ihre Befürchtungen nicht:

"Das Interessante ist ja auch, dass die britische politische Klasse mit Frau Thatcher nicht übereinstimmte. Das Außenministerium hier, alles, was an Botschafterberichten da war, haben sie ständig nur erzürnt, weil die alle geschrieben haben, so geht es nicht. Sie hat übrigens auch von ihrem Botschafter in Washington einen Bericht bekommen, dass Jim Baker ihn zur Seite genommen hat und gesagt hat: Sagen Sie doch Ihrer Premierministerin, dass, wenn sie sich jetzt nicht mal konstruktiv verhält, dann verliert sie auch in den USA die Unterstützung."

Schließlich sind US-Präsident George Bush und Außenminister James Baker entschiedene Förderer der Einheit. Am Ende gibt Maggie Thatcher grünes Licht für die Zwei-plus-Vier-Gespräche - überredet, nicht überzeugt.

"Der einzige Fall, in dem ich mit meiner Linie zu einem außenpolitischen Thema unzweifelhaft gescheitert bin, war die deutsche Wiedervereinigung", gesteht sie in ihren Memoiren.


Wir und die anderen: 20 Jahre Einheit - Europas Blick auf Deutschland (Serie)

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