Kultur heute / Archiv /

 

Großes Schauspielerfest und politische Inhalte

"König Richard III." und "Die Ehe der Maria Braun" in Bochum

Von Christiane Enkeler

Schauspielhaus in Bochum eröffnet Spielzeit. (Diana Küster)
Schauspielhaus in Bochum eröffnet Spielzeit. (Diana Küster)

Den Spielzeitauftakt am Bochumer Schauspiel hat Intendant Anselm Weber, was die Stücke betrifft, eher klassisch gestaltet. Doch Umsetzung und Darsteller lassen kaum einen Wunsch offen.

Was für ein Auftakt! Das ganze Bochumer Schauspielhaus ist von Beginn an ein kochender Kessel, in dem die Türen rappeln, es kracht und heult und zum Kampf ruft von draußen. Magda Willi hat für "König Richard der Dritte" eine zunächst weit nach vorn drängende Bühne entworfen, die die Holzvertäfelung und Bestuhlung aus dem Saal einfach fortsetzt, als sei das Ganze ein einziger geschlossener Raum. Das erhöht den Druck.

Das Schauspielhaus Bochum eröffnet seine Spielzeit mit zwei politischen Extrem-Figuren: mit Shakespeares "Richard III.", und zwar mit der Vorgeschichte aus "Heinrich VI.", und mit Rainer Werner Fassbinders "Die Ehe der Maria Braun". So unterschiedlich die beiden Figuren sind, steuern beide doch unbeirrbar nach Macht oder Souveränität, bis sie oben sind, allein, und sich nicht mehr bewegen können. Liebe und Mitgefühl sind auf der Strecke geblieben. Aber man sieht: Es hätte eine Chance gegeben!

Wir sehen, wie der schwache König Heinrich, Heinrich VI., aus dem Hause Lancaster den dummen Deal vorschlägt, nach seinem Tod sollten die Yorks regieren. Wie seine Frau Margaret, die ihren Sohn ums Erbe betrogen sieht, den Kopf des jüngsten York-Sohns seinen älteren Brüdern vorwirft. Wie Richard winselnd um den Bruder heult und mit dem Kopf gegen die Wand schlägt. Wie er anschließend zu Richard III. wird, indem er Heinrich VI. tötet, dann mindestens einen seiner Brüder und überhaupt alle: Frauen, Kinder, den zögernden Verbündeten. So bilden sich in diesem Dramen-Zusammenschnitt klare Gegner heraus, die sich gewachsen sind: Richard III. gegenüber Margaret aus dem Hause Lancaster, die ihren Mann Heinrich von Beginn an unter Druck setzt, den jüngsten York mordet und aufreizend provoziert.

Roger Vontobels Besetzung ist schon die halbe Miete: Paul Herwig als Richard III. tobt sich nicht nur am Schlagzeug aus, er beherrscht auch alle umgarnenden Zwischentöne. Jana Schulz als Margaret fetzt wie eine Wahnsinnige über die Bühne und schiebt einen ganzen Energietsunami vor sich her. Roland Riebeling ist als Schwachmat Heinrich VI. leider ein bisschen unterfordert.

Das Ensemble hält die Spannung über fast vier Stunden, mit einem kleinen Regie-Hänger nach der Pause. Da sind so ziemlich alle tot, trotzdem muss ordentlich was passieren, weil sich die Schlinge der anrückenden Streitkräfte, von Margaret angetrieben, um Richard langsam zuzieht. Zum Glück spielt Paul Herwig Schlagzeug! Da kann man sich ganze Truppenverbände vorstellen! Und als Richard stirbt, drücken ihn die Geister der Toten, eine erschreckend große Gruppe, nieder. Keiner der Regie-Tricks ist neu: die Kamera-Schalten zu Außenplätzen. Das Abrocken auf der Bühne. Das Rappeln an den Türen. Die Auftritte durchs Publikum. Aber es funktioniert verdammt gut!

Nächster Abend: Die Regie von Jan Neumann lässt Maria Braun am Ende der Geschichte in der Luxus-Starre ankommen. Geschminkt wie eine Puppe steht sie mit ihrem Mann wie Hochzeitstorten-Plastikdeko auf dem dreistöckigen Lebenswerk, das sie sich hier auf der Bühne so sichtbar aus Podesten und Platten Stück für Stück aufgebaut hat. Maria Braun ist das personifizierte Wirtschaftswunder aus dem Fassbinder-Film "Die Ehe der Maria Braun" vom Ende der 70er-Jahre. Hier blickt sie am Schluss von oben auf die Bühne herab, auf der, symbolisch gekennzeichnet durch Flaggen-Kopftücher, verschiedene europäische Nationen den Boden auf den Knien rutschend schrubben: unter anderen Griechenland.

Das ist auch deswegen nicht eindimensional, weil es szenisch nicht allein steht: Das letzte große Geld "ver-dient" sich das Ehepaar Braun, indem es Marias Chef Oswald beerbt. Dessen testamentarische Begründung für Marias Mann, verlesen, als beide am Ende ganz oben angekommen sind, lautet in etwa: Wer dienen kann, darf herrschen. Aber Oswald, der Chef, stellt das "Dienen" neben das Lieben und hat Demut gelebt. Maria Braun hat knapp das Lebensthema verfehlt und ist zur Karikatur der Macht geworden. Je mehr sie sich zur kalten Karrierelady wandelt, desto grotesker ist auch das allgemeine Spiel inszeniert. Kaffeepulver- und Schaumkuss-Schlacht, Marias stark starr geschminkte Grinsemaske, ihr übertriebenes, herrisches Schreien. Das Publikum lacht – und lacht damit alle kalte Unbehaustheit weg, die zu übertragen für Hauptdarstellerin Bettina Engelhardt eigentlich gar kein Problem ist: Dann liegt über dem ganzen Zuschauersaal sofort ein spannungsvolles, beklommenes Schweigen.

Der Bochumer Spielzeitauftakt: Das ist jenseits aller Programmatik und Konzepte zum Politischen auf der Bühne vor allem auch ein großes Schauspielerfest.

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Kultur heute

Cranach-AusstellungWarum Gotha?

In der Ausstellung "Bild und Botschaft. Cranach im Dienst von Hof und Reformation" betrachten zwei junge Frauen am 26.03.2015 im Herzoglichen Museum in Gotha (Thüringen) das Gemälde "Gesetz und Gnade" von Lucas Cranach d.Ä., gemalt 1529. (picture alliance / dpa / Martin Schutt)

Zum Auftakt des Cranach-Jahres ist in Gotha die Ausstellung "Bild und Botschaft. Cranach im Dienst von Hof und Reformation" eröffnet worden. Die Schau im Herzoglichen Museum spürt den politischen Botschaften in den Werken von Lucas Cranach dem Älteren nach, der eng mit dem Reformator Martin Luther befreundet war.

Feridun Zaimoglus "Siegfried"Ein zotiger, neuer Blick auf eine alte Sage

Feridun Zaimoglu (dpa / picture alliance / Erwin Elsner)

Das Münchner Volkstheater hat den Nibelungenstoff vom Rhein an die Isar geholt. Unter der Regie von Christian Stückl ist der "Siegfried" von Feridun Zaimoglu und Günter Senkel mit seinen tumben Figuren und seiner zotigen Sprache ein parodistischer Totalausverkauf für den deutschen Nationalmythos - und ein reines Vergnügen zuzuschauen.

Ausstellung in Überlingen "Mystik ist unabhängig von Zeit und Ort"

 

Kultur

LiteraturnobelpreisträgerTomas Tranströmer ist tot

Der schwedische Lyriker und Nobelpreisträger Tomas Gösta Tranströmer (Horst Galuschka, dpa picture-alliance)

Der schwedische Literaturnobelpreisträger Tomas Tranströmer ist im Alter von 83 Jahren verstorben. Tranströmer war 2011 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet worden. Er war einer der populärsten Dichter seines Landes.

Max-Ophüls-Vortrag auf CD Alte Rede mit visionärer Kraft

Der deutsch-französische Regisseur Max Ophüls - aufgenommen im Jahr 1952. (dpa - Bildarchiv - Kurt Rohwedder)

Max Ophüls wirkte in Deutschland, Frankreich und sogar Hollywood. Doch der Theater- und Hörspiel-Regisseur wurde nicht freiwillig ein Wanderer zwischen den Welten. Die Nazis trieben ihn ins Exil. 1956 hielt er vor der Frankfurter Gesellschaft für Handel, Industrie und Wissenschaft einen Vortrag über den Film. Trotz ihres Alters ist die Rede beachtlich aktuell. Nun gibt es das Tondokument als Audio-CD.

Hollywood"Rebecca" erobert die Leinwand

Laurence Olivier und Joan Fontaine in dem Spielfilm von Hitchcock Rebecca. (imago / AD )

Er war einer der einflussreichsten Regisseure der Filmgeschichte: Alfred Hitchcock. Seine erste Hollywood-Produktion, die Literaturverfilmung "Rebecca", feierte am 27. März 1940 Premiere und erhielt zwei Oscars. Doch bis zum Filmstart gab es für Hitchcock einige Schlachten in der Filmbranche zu schlagen.