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StartseiteCampus & KarriereGute Forschung, schlechte Lehre04.07.2008

Gute Forschung, schlechte Lehre

Kultusminister Olbertz fordert eine Stärkung der Wissensvermittlung an deutschen Universitäten

Mit Lehrprofessuren, flexiblen Deputatsregelungen und Mentorenprogrammen soll die Lehre an deutschen Universitäten verbessert werden, fordert der Wissenschaftsrat. Die Umsetzung der Vorschläge würde allerdings etwa eine Milliarde Euro kosten: eine Summe, die nur aufgebracht werden kann "wenn die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sich günstig entwickeln", so der Kultusminister von Sachsen-Anhalt, Jan-Hendrik Olbertz.

Moderation: Sandra Pfister

Jan-Hendrik Olbertz, Kultusminister von Sachsen-Anhalt. (Deutschlandradio - Bettina Straub)
Jan-Hendrik Olbertz, Kultusminister von Sachsen-Anhalt. (Deutschlandradio - Bettina Straub)

Sandra Pfister: Deutschland hat exzellente Hochschulen. Die sind mittlerweile bereits zweimal aufwendig ausgewählt und prämiert worden. Und es herrscht nahezu Konsens in der Wissenschaftslandschaft, dass das eine gute Sache war.

Aus dem Blick gerät dabei leicht, dass es für das Exzellenz-Gütesiegel bislang reicht, gut in der Forschung zu sein. Die Lehre blieb außen vor. Dabei ist deren Qualität für die Studenten erst mal viel wichtiger als die gute Forschung an ihrer Hochschule.

Was muss passieren, damit die Lehre besser wird. Darüber macht sich der Wissenschaftsrat schon seit einer Weile Gedanken. Heute hat er einstimmig Empfehlungen verabschiedet. Deren Adressat ist die Politik - und das ist irgendwie paradox, weil die Politiker ja auch im Wissenschaftsrat vertreten sind. Jan-Hendrik Olbertz, Sie sind Kultusminister in Sachsen-Anhalt und sprechen beim Wissenschaftsrat für die Länder. Was empfehlen Sie konkret?

Jan-Hendrik Olbertz: Also, der Wissenschaftsrat empfiehlt ein Programm, das der Stärkung der akademischen Lehre gewidmet ist. Wir haben ja an der deutschen Universität traditionell und mit hoher Akzeptanz den Forschungsimperativ, aber dem steht eigentlich kein adäquater Lehrimperativ gegenüber, so dass also auch Karrieren und Reputationen vor allem über exzellente Forschung zu erwerben sind, das soll auch so bleiben, aber exzellente Lehre eigentlich nicht dieselbe Reputation genießt.

Und deswegen hat der Wissenschaftsrat Empfehlungen entwickelt und auch Vorschläge unterbreitet, wie die Qualität der Lehre an den deutschen Hochschulen wirklich substanziell verbessert werden kann.

Pfister: Welche Vorschläge sind das konkret, Herr Olbertz?

Olbertz: Das sind zum Beispiel Vorschläge, die Betreuungsrelation deutlich zu ändern, gerade in den Geisteswissenschaften, wo die nicht sehr günstig ist, eigene Personalkategorien mit dem Schwerpunkt Lehre zu entwickeln, einschließlich Lehrprofessuren, Kapazitäts- und Deputatsregelungen flexibler zu gestalten, auch Mentoren- und Tutorenprogramme aufzulegen und im Übrigen auch die wissenschaftliche Fundierung von erfolgreicher Lehre voranzutreiben, also die Kurrikulum-Entwicklung, die Konzeptentwicklung, die Fortbildung und solche Initiativen.

Pfister: Viele dieser Punkte werden Sie natürlich sofort unterschreiben können, die waren wahrscheinlich auch recht unumstritten, zum Beispiel die Verbesserung der Betreuungsrelation oder Tutoren- und Mentorenprogramme. Bleiben wir mal bei dem berühmten Lehrprofessor, der ist ja hart umstritten. Hat sich das jetzt auf einmal geändert?

Olbertz: Nein, er ist natürlich weiterhin umstritten. Es ist ja auch formuliert worden, dass man eigene Personalkategorien mit dem Schwerpunkt Lehre sich vorstellt und dann sagt, das können auch Professoren sein, müssen sie aber nicht. Ich selber stehe übrigens auch dem Lehrprofessor, der das sozusagen für sein gesamtes Berufsleben ist, kritisch gegenüber, denn Forschung und Lehre sind in der deutschen Universitätsidee komplementär verankert.

Das heißt, das kann nur funktionieren, wenn auch tatsächlich die Lehre mit der Forschung verknüpft wird. Das schließt aber nicht aus, dass es temporäre Akzentverlagerungen gibt und dass beispielsweise über flexible Deputatsregelungen ein erfolgreicher Professor auch mal längere Zeit vor allem die Lehre in den Fokus bringt, aber eben auch dann anschließend sich wieder Forschungsschwerpunkten widmet. Ich bin da eher für eine Differenzierung, eine Flexibilisierung, als für eine strenge Arbeitsteilung, die der deutschen Universitätsidee im Humboldt'schen Sinne eigentlich nicht gemäß wäre. Und die war bisher eigentlich ziemlich erfolgreich, hat aber, wie gesagt, den Lehraspekt ein bisschen hintan gestellt.

Pfister: Sie haben die Punkte genannt, die Sie fordern, alle sind mit mehr Personal im Grunde genommen verknüpft. Fordern kann man das ja. Wo kommt das Geld her?

Olbertz: 1,104 Milliarden Euro wird dieses Programm mehr kosten, und die Vertreter von Bund und Ländern haben auch erklärt, dass diese Summe von mehr als einer Milliarde jährlich nur aufgebracht werden kann, wenn die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sich günstig entwickeln und auch entsprechende politische Prioritätensetzungen für den Wissenschaftsbereich erfolgen.

Pfister: Das ist aber dann so eine Formulierung, hinter die man sich immer zurückziehen kann, wenn man sagt, na ja, die Wirtschaft läuft aber jetzt gerade nicht oder die Prioritätensetzung ist falsch.

Olbertz: Na ja, erst mal läuft die Wirtschaft viel besser, als wir uns immer einreden, und zweitens finde ich es ganz wichtig, dass sowohl die Politik als auch die Wissenschaft und die Verantwortungsträger der Hochschulen so eine Art Legitimationsreferenz jetzt bekommen, diese Schwerpunktsetzung auch in der politischen Willensbildung stärker in den Vordergrund zu rücken.

Das finde ich erst mal gut, denn wenn ich umgekehrt mir anschaue, im Durchschnitt 20 Prozent der Studienanfänger bricht zunächst mal das Studium irgendwie wieder ab, das kostet den Staat genau doppelt so viel Euro jedes Jahr, nämlich 2,2 Milliarden. Und insofern ist es, glaube ich, auch wirtschaftlich eine vernünftige Argumentation, der sich aus diesem Grund die Vertreter von Bund und Ländern ja anschließen konnten, auch wenn sie natürlich auf die begrenzten Handlungsspielräume aufmerksam machen, die in den öffentlichen Haushalten nun mal vorhanden sind.

Pfister: Jan-Hendrik Olbertz, wir wünschen Ihnen, dass Sie das schaffen. Sachsen-anhaltinischer Kultusminister Jan-Hendrik Olbertz war bei uns am Telefon über die Empfehlung des Wissenschaftsrates für die Lehre.

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